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Überraschungen der Natur

Einen Einblick in die Vielfalt der Geschlechter und sexuellen Orientierungen bei Menschen und Tieren zeigt die Sonderausstellung «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» im Naturhistorischen Museum Bern. Sie spannt den Bogen von biologischen Erkenntnissen zur aktuellen Debatte.

«Queer» nennt sich die Sonderausstellung in Anlehnung an den englischen Begriff für eine nicht heterosexuelle Orientierung. Nicht nur bei den Menschen, sondern auch im Tierreich findet sich «Queerness» in verschiedenen Ausprägungen. So eindeutig, wie wir das oft vermuten, ist das Geschlecht nämlich nicht. Weiblich und männlich sind keine festen Kategorien, sondern eher Pole, zwischen denen sich ein ganzes Spektrum auffächert. Man spricht von «genderfluid».

Im Tierreich finden sich zahlreiche Beispiele dafür, wie fliessend das Geschlecht sein kann. Da ist zum Beispiel der Clownfisch, der wie auf Knopfdruck sein Geschlecht ändern kann. Oder die Kaukasische Feldeidechse, bei der es keine Männchen gibt. Der Gemeine Spaltblättling, ein Pilz, verfügt über 23‘328 Geschlechter. Es gibt homosexuelle Pinguine und Fische.

Mann oder Frau oder Transgender? Auf den ersten Blick nicht immer sofort erkennbar.

Auch generell festgelegte Geschlechterrollen gibt es nicht, wie zahlreiche Exponate in der Ausstellung belegen. So hält sich das Rotstirnige Blatthühnchen einen Männchen-Harem, das Helmkasuar-Männchen ist ein alleinerziehender Vater, und die Weibchen der Tüpfelhyäne sind aggressiver als die Männchen und weisen einen höheren Testosteron-Spiegel auf. Es existieren asexuelle Komodowarane oder homosexuelle Schwarznasenschafe.

Hetero, homo oder trans?

Auch beim Menschen wird es bei der Frage nach Männlein oder Weiblein ziemlich kompliziert. Transgender-Personen sind Menschen, welche die Geschlechtergrenzen überschreiten, weil ihre Geschlechtsidentität nicht oder nur teilweise mit jenem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurde. Transgeschlechtlichkeit ist unabhängig von sexueller Orientierung. Personen, die transgender sind, können etwa heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder asexuell sein. Oder eine nähere Bezeichnung ihrer Sexualität sogar ablehnen.

Spannend ist der Teil der Ausstellung, in dem uns Zeitgenossen in Videopräsentationen mit den Begriffen vertraut machen und ihre eigene Orientierung preisgeben, als sei diese Einteilung das Selbstverständlichste der Welt. Am TV-Monitor kann man erleben, wie sich «queer» auf die Lebensgeschichte eines Menschen auswirkt. Staunend erfährt man, dass sich eine junge Frau sowohl asexuell als auch aromantisch fühlt. Für viele von uns ist dies schwer nachvollziehbar.

Farbige Definitionen, quer durch die Geschlechtervielfalt.

Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen und so kommen auch die kulturellen Auswirkungen der geschlechtlichen Vielfalt. zur Sprache. In diesem Teil betrachten wir gesellschaftliche Aspekte von «Queerness» und die kulturellen Folgen unserer geschlechtlichen Vielfalt. Der zunehmende Gebrauch der Bezeichnung «transgender» bewirkt eine Abkehr von dem in Gesetzgebung und Rechtsprechung bisher üblichen binären Geschlechterkonzept. In verschiedenen Staaten wird die Einführung eines dritten Geschlechts diskutiert. Alte Normen und Werte stehen im Wandel. Das erzeugt Widerstände, aber auch konstruktive Energien, etwa in der Sprache, in der Kultur – und in einzelnen Lebensläufen. Diese Kräfte beleuchtet die Sonderausstellung mit sieben Biografien, einem Sprach- und einem Identitätsquiz.

Gegen Diskriminierung und Hass

Die Expedition durch die farbige Schau ist ein Lernprozess. Mit dem Bewusstsein für die Vielfalt in der Natur wächst auch das Bewusstsein für die gesellschaftliche Vielfalt. Wir befinden uns mitten in einem gesellschaftlichen Wandel. Dieser aktiviert kreative Kräfte und Widerstände. Unverzichtbar sind deshalb die Hinweise und Belege für die Diskriminierung, den Hass, die Ablehnung, für die Gewalt gegen «queere» Menschen. 1969 kam es in der Stonewall-Inn (New York City) erstmals zu Schlägereien zwischen schwulen Barbesuchern und der Polizei. Auslöser waren Razzien in amerikanischen Schwulen-Treffs, die zu Diffamierung und Ausgrenzung führten. Das fehlende Verständnis und die mangelnde Toleranz von Teilen unserer Gesellschaft gegen Andersgeschlechtliche erinnern daran, dass die Berner Ausstellung auch 2021 noch immer bitter nötig ist.

Laune der Natur: Schwule Schafböcke.

Seit ihrer Eröffnung erlebe die Schau einen erstaunlichen Ansturm. Zeitweise beträgt die Wartezeit vor dem Eingang bis zu einer Stunde. Warum dieser Besuchererfolg: Simon Jäggi, Kurator der Ausstellung und Verantwortlicher Kommunikationsleiter des Museums, erklärt es so: «Bestimmt handelt es sich um ein hochaktuelles Thema, das die Gemüter bewegt und gerade für nicht-queere Menschen auch ein Stück Neuland darstellt, das sie neugierig macht. Für queere Menschen bietet die Ausstellung einen interessanten Einblick in die Vielfalt in die Natur. Kommt hinzu, dass die Menschen grundsätzlich Lust auf Museen haben nach den langen Monaten des Lockdowns.»

Blick in die Zukunft

Am Schluss der Sonderausstellung, die noch bis zum 22. April 2022 gezeigt wird, werfen die Besuchenden einen Blick in die Zukunft: Wie sieht unsere Gesellschaft in zwanzig Jahren aus? Herausgegriffen werden zwei Brennpunkte: die Geschlechterfrage im Sport, und Männer, die Kinder gebären. Seepferdchen-Väter sind in der Natur bereits eine Realität. Wie würde wohl unsere Zivilstandsämter mit der Innovation gebärender Männer umgehen, wenn doch auf jedem Geburtsschein zwingend der Name der Mutter aufgeführt werden muss?

Im Umgang mit intergeschlechtlichen Athleten werden bereits Lösungen diskutiert, die allerdings neue Wettbewerbsverzerrungen nach sich ziehen: Die Leichtathletikverbände haben bereits nach Hormongrenzen definierte Kategorien  erwogen. Denkbar wäre die Schaffung einer neuen Teilnehmerkategorie der nicht binären Menschen. Last but not least könnten sportliche Wettkämpfe auch in nicht geschlechterspezifischen Kategorien, aber unterteilt nach Gewicht oder Grösse stattfinden.

Das Ausstellungspublikum ist zum Mitdenken aufgefordert. Auf Zetteln darf man Wünsche hinterlassen. Erfreulicherweise dominieren Begriffe wie Freiheit, Toleranz und der Wunsch nach einem offenen Miteinander. Ins Auge sticht auch, wie viele Junge und Junggebliebene die ungewöhnliche Schau in der Bundesstadt besuchen. Fazit: Anhand der aussergewöhnlichen Ausstellung scheint die heutige Jugend den Umgang mit der Vielfalt der Geschlechter und sexuellen Orientierungen zu verstehen.

Titelbild: Die Berner Sonderausstellung zeichnet sich durch eine knallige Aufmachung, lebendige Multimedia-Einspielungen sowie interaktive Elemente aus und richtet sich vor allem auch an Jugendliche. Fotos: © NMBE/Rodriguez
Bis 10. April 2022
Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es hier.

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