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Der Wolf im Schafspelz

Wie weiter mit den Wölfen in der Schweiz? Inzwischen liegt der Bestand bei elf Rudeln und rund 120 bis 150 Wölfen – und es werden jährlich mehr. Auch die besten Schutzmassnahmen schaffen keine befriedigende Abhilfe. Ein Umdenken ist angezeigt.

116 Wölfe lebten laut einer Bafu-Statistik im letzten Jahr hierzulande. 2006 waren es offenbar gerade mal sechs. Erst ab diesem August, wenn der Wolfnachwuchs gezählt werden kann, ist eine genauere Schätzung möglich. Obwohl inzwischen die meisten Schaf- und Ziegenzüchter rigorose Schutzmassnahmen ergriffen haben, sich mit Elektrozäunen, Blitzlichtern, Herdenhunden und z.T. mehr Personal behalfen, finden die Wölfe immer irgendeine Unebenheit oder Schlupflöcher im hügeligen oder alpinen Gelände, um den verheerenden Blutzoll von Jahr zu Jahr zu steigern. Für Wolfsrisse mussten allein letztes Jahr 815 Entschädigungen entrichtet werden.

Stand Dezember 2020: Die Wolfsrudel treten konzentriert in den Kantonen Graubünden und Wallis auf / Fotos © CHWOLF 

Selbst vor Kuhherden schrecken sie nicht zurück und reissen sogar Kälber, wie ein Fall in der Waadt letzte Woche publik machte. Dass viele Betreiber von Schafherden langsam verzweifeln und resigniert ihre Herden von den Alpweiden wieder uns Unterland treiben (wie gerade jüngst in der Region Klosters), wer will es ihnen verübeln. Im Wallis darf nun nach amtlicher Begutachtung wieder einmal ein Wolf abgeschossen werden, nachdem dort seit Juni ein Rudel Dutzende von Schafen getötet hat. Innerhalb von 60 Tagen muss das ausfindig gemachte Raubtier erlegt werden, aber auch nur, „wenn sich Nutztiere im Abschussperimeter befinden und ein Schadenpotenzial besteht.“ 

Der Wolf im Schafspelz
Holzschnitt von Francis Barlow, 1687 / Foto © Wikipedia 

„Wolf im Schafspelz“ ist eine Redewendung aus der Bibel. Sie stammt laut Wikipedia aus einer Predigt Jesu. Zitat: „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ Die Metapher vom Wolf im Schafsgewand wurde in der Neuzeit Äsop zugeschrieben, sie findet aber vor dem 12. Jahrhundert nirgends eine schriftliche Erwähnung und fehlt in den wichtigsten Quellen der Fabeln. Doch in diesem Beitrag geht es weder um falsche Propheten noch um hinterlistige Übeltäter, vielmehr liegt das Augenmerk auf der Verharmlosung des Raubtiers, vorab in Tierschutzkreisen. Man will es nicht wahrhaben, dass die Lebensräume in unserem dicht besiedelten Land weder für den Wolf noch den Bären zukunftsträchtig sind, Schutzmassnahmen hin oder her.

Selbst wenn die Rückkehr des Wolfs für den Naturschutz als Erfolg verbucht werden kann, ist Skepsis angebracht, inwiefern die derzeitige Ausdehnung für den Schafzüchter und die Landbevölkerung noch zumutbar ist. Das Gleichgewicht zwischen Natur und menschlicher Zivilisation muss immer wieder ins Lot gebracht werden, das zeigen uns die aktuellen Naturkatastrophen eindringlich.

Von 6 Schweizer Wölfen vor 15 Jahren auf bald 150? Die Nachzählung im August wird es an den Tag bringen.

Als das Jagdgesetz am 27. September 2020 mit 51,9% dem Volksverdikt (der Städter muss man notabene beifügen) zum Opfer fiel – es hätte den Schutz des Wolfes deutlich gelockert -, betonte Bundesrätin Simonetta Sommaruga bereits kurz nach der Abstimmung: «Nichtstun ist keine Option.» In der Folge passte der Bundesrat die Regeln zu dessen Dezimierung an und kam den Bergregionen insofern entgegen, als nun seit dem 15. Juli Wölfe unter neuen Voraussetzungen geschossen werden dürfen. Konkret müssen zuvor 10 Schafe oder Ziegen gerissen worden sein, bisher waren es 15. Werden grössere Tiere gerissen, etwa Rinder, Pferde oder Esel, reichen neu 2 Fälle für eine Abschussbewilligung. Risse werden weiterhin nur dann angerechnet, wenn die Bauern zuvor Herdenschutzmassnahmen ergriffen haben.

Doch genügt das? Die Hürden sind sehr hoch, einen Wolf abschiessen zu dürfen, und sie kommen einem bürokratischen Seiltanz gleich. Ob es in Anbetracht schier unlösbarer Schutzprobleme zu einem Konsens zwischen den direkt Betroffenen und den Tier- und Naturschützern kommt, bleibt abzuwarten. Unversöhnliche Positionen wären bedauerlich und würden niemandem helfen, am wenigsten den Schafzüchtern und Alphirten selbst.  

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9 Kommentare

  1. Ganz schön krank, die Rückkehr der Wölfe mit einer Naturkatastrophe zu vergleichen.
    Genau diese Ignoranz wird leider dazu führen, dass wir Klimawandel und Artensterben nicht in den Griff bekommen. Wölfe stehen für gesunde Ökosysteme. Wirtschaftsinteressen statt Naturschutz bewirken genau das Gegenteil.

  2. wir haben kein Problem mit dem Wolf. Die «Schäden» sind selbstverschuldet. Es gibt keinen Grund, dem Menschen ein grösseres Anrecht am Alpenraum zugestehen zu wollen als dem Wolf, Bär oder wem auch immer. Schafhaltung im Alpenraum ist in dem Mass wie sie stattfindet ein reines Ergebnis der finanziellen Beiträge des Bundes an die Alpbetriebe. Würde kein Geld in die Sömmerung von Schafen fliessen, hätten wir auch keine Schäden durch den Wolf zu beklagen. Ich sehe keinen grossen Mehrwert der Alpen durch die Schafhaltung. Die erzeugten Produkte erscheinen kaum auf dem Markt, geschweige im BIP. Wir sollten kreativer an die Sache herantreten. Den Bergbauern ein bedingungsloses Grundeinkommen ausbezahlen. Im Gegenzug hätten wir der Natur einen Raum zurückgegeben, hätten den Mehrwert an natürlichen Mechanismen ohne mit Abschüssen und politischem Hick-Hack ein Problem zu bearbeiten und mit einem riesigen Verordnungs/Verwaltungsdschungel zu zerfleddern. Wir gestehen dem Wolf sein Recht auf seinen Lebensraum, vielleicht kommen auch noch Bären und gleichzeitig schützen wir die Bergbevölkerung mit einem Grundeinkommen anstatt zuerst eine Albbewirtschaftung zu finanzieren. Wenn wir kreativ an die Sache treten und einmal einen anderen Blickwinkel versuchen, kommen plötzlich Chancen zum Vorschein die wir vorher gar nicht sehen konnten.

  3. Selten so viel schwachsinn gelesen…ich als Bergler will auch ein ein natürlicher lebensraum im Mittelland…Okey für euch? Weg mit den Strassen und all der Infrastruktur.. (Wie Ihr es von uns vordert) Wie Ignorant seit ihr eigentlich? Herdenschutz funktioniert sehr gut, nur die hoch subventionierten Touristen machen manchmal probleme. Eine Alpwiese hat mehr biodiversität als die ganze Stadt Zürich…Ein habitat welches bald durch grünerlen ersetzt wird…nicht wegen dem Wolf aber wegen solchen Menschen die nicht vor die Nase denken!

    • Ich verstehe deine Meinung sehr gut lieber Beat W. Ich bin mit dir einverstanden, dass auch im Mittelland der Natur Raum zurück gegeben wird. Unser Leben ist Natur, wir sind genau der gleiche Teil Natur wie Wolf und Schaf. Allerdings bin ich davon überzeugt dass der Mensch sich nicht mehr länger als Räuber und Ausbeuter aufführen darf/soll. Wenn wir mit, anstatt gegen die Natur wirtschaften können alle nur profitieren. Ich meine keinesfalls, dass wir unterscheiden sollen zwischen der Landbevölkerung und der Stattbevölkerung. Wenn wir uns einander zuwenden und gemeinsam, Mensch, Wolf und Schaf und Biodiversität und, und und, einen Weg suchen unsere Lebensgrundlage zu nutzen, können wir aus der Negativspirale in der wir uns befinden stoppen, gar umlenken. Mein Statement wollte anregen auch einmal einen andern Blickwinkel einzunehmen. Ich bin Künstler und lebe davon, anders zu sehen, was mich immer wieder zu überraschenden Lösungen führt. Versuche es doch auch einmal, einfach so spielerisch.

  4. Ein anderer Blickwinkel ist gut und recht, jedoch sollte mann dabei keine Menschen zweiter klasse schaffen, die Schafhaltung ist weder hoch subventioniert noch schädlich…jede Kuhalp hat odentlich höhere direktzahlungen…und gleichzeitig wird Heu und Kraftfutter auf die Alp gekarrt…was zur überdüngung der Alpflächen führt….schaf und ziegenalpen führen nichts zu.. also ein geschlossener Kreislauf….bei guter Weideführung top für fauna und vorallem Flora…
    Es gab das Hirtentum bereits zu Zeiten von Wolf und Bär…es war ein geben und nehmen….wenn ein Wolf zu viel Ärger machte wurde er gejagt und gab sein verhalten nicht mehr an Rudelmitglieder weiter….
    Von diesem gesunden Menschenverstand sind wir weit weg.
    Der Wolf wird niemals mehr Ausgerottet in der Schweiz.. aber keine leitplanken setzen, das wird der schlaue Jäger zu nutzen wissen….
    Auch der Homosapiens gehört zur fauna…und reguliert seine gegenspieler im gesunden Mass… mann sollte die unnatürlichen anhäuffungen des Homo Sapiens in städten mal hinterfragen ….ironie Off

    • Lieber Beat W. Ich sehe an deiner Reaktion einen großen Groll gegenüber dem Rest der Erdenbewohner. Ich wünsche dir und allen anderen Zornigen, Frieden und Versöhnung mit der Welt, denn vorher hat es keinen Sinn über Fortschritt, oder Verbesserung unseres Verhältnisses zwischen uns und dem Wolf zu diskutieren. Mach`s gut und lass dich vom Zorn und vom Neid nicht auffressen.

  5. Danke gleichfalls✌
    Vielleicht studieren sie auch über ihre Einstellung den angeblich hochsubventionierten bergler oder Schäfer gengenüber.

    Ich bin froh, dass uns werte vermittelt wurden….so habe ich keine Vorurteile gegenüber Künstler oder oderen Menschen. Erst wenn sie ohne Grundwissen argumentieren.
    Wenn Sie richtig lesen würden, würden Sie bemerken dass ich null groll über den Wolf habe…nur über besser wissser ohne Ahnung…
    Es würde mir nie in den Sinn kommen über ihr tun und lassen als künstler zu lamentieren…ungekehrt haben sie offenbar keine Hemmungen….überlegen Sie das mal…anstelle sich in die Opferrolle zu werfen…der vom bösen Bergler angeschnauzt wurde…
    Wünsche eine gute Zeit.

  6. lieber Beat W. ich wende mich noch ein letztes Mal an dich. Ich weiß ganz genau wovon ich spreche, denn vor meiner Pensionierung habe ich als Landwirt meine Familie ernährt. Auch im Berggebiet. Ich habe mich immer gegen die offizielle Politik gewehrt, hatte mir zum Ziel gesetzt ohne Staatshilfe zu wirtschaften, was ich leider nie ganz geschafft habe. Solange wir mit sturen unkreativen Berufskollegen, Politikern, und einer unsensiblen Konsumentenschaft zu tun haben, wird sich nichts ändern. Jetzt ist Schluss, Du hast deine Meinung ich habe eine andere. Leider können sich viele Menschen vom Bild des bösen Wolfs als Wahrzeichen für Frust und Unzufriedenheit nicht lösen. Schade, aber danke für dein Statement es zeigt mir womit ich rechnen muss, bei meinem Engagement für eine Nachhaltige Landwirtschaft.

  7. Sorry aber lesen Sie meine Kommentare überhaubt?
    Ich habe null groll auf den Wolf….
    Auch ohne Direktzahlungen würde es Hirtschaften geben, denn das Weiden ist die billigste und Tier und umweltfreundlichste Art aus Gras Nahrungsmittel zu produzieren.. ich brauche keinen tropf erdöl auf der Alp…ich hoffe sie haben gleich viel für die Umwelt gemacht

    Ich habe eine Meinung ja.. diese ist das Sie das System absolut nicht durchblickt haben.

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