FrontLebensartZu Fuss unterwegs im Viamala-Land

Zu Fuss unterwegs im Viamala-Land

Wandern in den Schweizer Alpen ist beliebter denn je. Rund um die wilde Schlucht des Hinterrhein bei Thusis erstreckt sich eine weite und vielfältige Landschaft von Obstgärten bis Steinwüsten, denen das Wanderbuch «Passland Viamala» sich widmet.

Wer im Auto südwärts reist, hört oft, man möge auf die N13 ausweichen, die Gotthardautobahn sei Staugebiet. Zwischen Reichenau, wo es in den Isla-Bella-Tunnel geht, und dem San-Bernardino-Tunnel ist von der Autobahn aus zwar einiges zu sehen – Burgen und Schlösser im Domleschg, der markante Gipfel des Piz Beverin, etwas Fels und viele Tunnels durch die Schluchten Viamala und Rofla bis zu den Dörfern im Rheinwald, die man einst zur Stromgewinnung unter Wasser setzen wollte.

Ein Obstgarten im Domleschg und am Horizont der Piz Beverin (2998 Meter, dank hohem Steinmannli erreicht er 3000).

Die drei Autoren des neuen Kultur- und Wanderführers Robert Kruker, Julian Reich und Andreas Simmen sind alle berggängig und mit Land und Leuten vertraut. Sie haben die zwanzig Routen durch die Talschaften und hinauf bis zu den Wasserscheiden ins Engadin und ins Misox gemeinsam ausgearbeitet. So wichtig wie die genaue Beschreibung der Pfade, Brücken und Stiege ist ihnen die Beschreibung der Kultur: Sowohl das Leben der Bergbauern einst und jetzt bringen sie einem näher, als auch die Kulturdenkmäler der schon seit dem Mittelalter wichtigen Gegend für den Nord-Süd-Transit.

Die Vielfalt der Landschaften von leichten Wegen durch Obstgärten und Naturwiesen bis zu schwierigen Passagen in Steinwüsten oberhalb von 2600 Metern am Piz Beverin oder im Quellgebiet des Rheins haben sie fotografiert. Historische Abbildungen und Fotos von moderner Architektur oder uralten Kirchen ergänzen die Vielfalt ihres Bilds aus dem Leben am Hinterrhein früher und heute.

Zwei Brücken in der Schlucht: oben für schnelle Räder, unten für wandernde Füsse.

Was nützt ein Wanderführer, der zu schwer für den Tagesrucksack ist? Sicher animiert er, den einen oder anderen Vorschlag zu realisieren. Dann aber hilft – heutzutage selbstverständlich – das Internet weiter: Die Routen lassen sich aufs Smartphone downloaden oder auch ausdrucken. Die praktischen Hinweise Seite 21ff helfen weiter, wo welche GPS- und andere nützliche Daten für die Wanderungen zu finden sind, natürlich samt Hinweisen für Verpflegung und Übernachtung – je nachdem im Dreistern-Hotel oder in der SAC-Hütte.

Landwirtschaftsbetrieb am Dorfrand von Lohn am Schamserberg

Ausserdem ist das Buch Passland Viamala in seiner Vielfalt so gestaltet, dass man gern einfach so drin liest, zunächst die Wanderroute – passt sie für die Wandernden?, dann das eine oder andere Dorfporträt – lohnt es sich, zu verweilen und den Ort genauer anzuschauen? und vor allem die grauen Seiten, wo die Autoren Ausflüge in die Kultur- und Technikgeschichte bieten: Uralte Saumpfade sind zu entdecken, mehrere Kirchen, deren Grundmauern ins frühe Mittelalter reichen, deren Malereien weit über die Landesgrenzen bekannt sind, dazu die Baugeschichte der omnipräsenten Kraftwerke Hinterrhein, deren Strom vorwiegend nach Zürich geht.

Auch in hochalpinem Fels büht es: Polsternelke und Enzian. Foto: E. Caflisch

Wir testen virtuell die Route 5: Glaspass – Carnusapass – Wergenstein. Anfang und Ende sind durchs Postauto erschlossen. Dazwischen liegen 19,5 Kilometer Wanderweg mit 1500 Meter Aufstieg, 1000 Meter Abstieg. Die grösste Gefahr liegt während der Alpzeit bei den Mutterkuhherden, das grösste Glück bei der Sicht von Steinböcken oder Gemsen.

Der Weg führt zunächst über den Steg des Carnusabachs, dann über immer höhere und kargere Alpweiden hinauf zum Carnusapass. (Für die Walser der Schottenpass, passend zum Schottensee, dessen Form und milchige Wasserfläche an ein Käsekessi voll Molke, oder eben Schotte erinnert.)

Vom Carnusapass geht es über den Tguma abwärts Richtung Wergenstein. Foto: E. Caflisch

Über die Passhöhe zieht sich beidseits ein gut befestigter knapp ein Meter breiter Weg, konstruiert wie eine Fahrstrasse, bis er in eher mühsamen Fusspfaden endet. Vielleicht absichtsvoll wurde hier ein Ereignis auch hier im Führer vergessen oder verdrängt: Soldaten der im zweiten Weltkrieg internierten polnischen Armee mussten sommers weit oben in Baracken hausen und das Strässchen bauen. Heute steht nichts mehr, die Armee hat die in den 90er Jahren noch sichtbaren Fundamente und die kleine Kapelle so weit zerstört, dass auf dem relativ flachen Platz nichts mehr an sie erinnert auch ein Umgang mit Geschichte.

Thusis bekam nach dem Grossbrand von 1845 einen für den Passverkehr geeigneten neuen Siedlungsplan, dessen Grundstruktur bis heute erhalten ist. Bild von 1920.

Auf den grauen Seiten zu dieser Route wird der Pfarrer und Sozialist Robert Lejeune (1891-1970) beschrieben, dessen Gewaltsmärsche vom einen zum andern oder gar dritten Predigtort an einem Sonntag nur bewundert werden können.

Die alte Strasse im Avers ist ein sehr angenehmer Wanderweg. Brücke über den Averser Rhein.

Wir «testen» auch die Route 15: Cröt – Furgga – Lago di Lei – Alpe Motta – Val Dilg Uors – Innerferrera. Die Wanderung führt nach Italien, aber den Pass braucht es nicht, das Covid-Zertifikat ist eventuell nötig. Für die 14 Kilometer auf und ab muss mit fünfeinhalb Stunden gerechnet werden. Eine Abkürzung ist möglich, wenn man statt über die Furgga durch den Autotunnel zur Staumauer des Lago di Lei geht. Der See gehört zu den Bauten der Kraftwerke Hinterrhein, er wurde 1957 bis 1961 als Ersatz für den Stausee im Rheinwald gebaut, dessen Bewohner in Nufenen, Splügen, Medels sich 1946 erfolgreich gegen die Flutung ihrer Heimat gewehrt hatten.

Zwei Arten von Mauern: Vorn eine Trockenmauer als Weidegrenze der Alpe Motta, hinten die Staumauer.

Wissenswertes zum Stausee erfahren Wandersleut wie Autotouristen im Inforama bei der Staumauer. Fast 700 Meter geht es zu Fuss über die Krone der Mauer, die nach dem Bau dank einer Grenzbereinigung zur Schweiz kam. Versenkt wurden ab 1960 mehrere nur im Sommer von der Hirtschaft bewohnte Weiler und eine Kirche. Sie kamen bei der ersten Entleerung des Stausees 2012 zum Vorschein, teilweise noch mit Dächern. Nach der neuerlichen Überflutung bleibt wohl kaum etwas von diesen Ruinen übrig. Aber der See mit der Pyramide des Pizzo Stella zuhinterst bietet einen grandiosen Blick, während auf der anderen Seite der 138 Meter hohen Staumauer das Rinnsal des Reno di Lei den Namen Restwasser verdient.

«Der Gletscherstaudamm» hat der Filmer Ermanno Olmi (il albero degli zoccholi) den Dokumentarfilm über den Mauerbau im Valle di Lei genannt.

Die Autoren empfehlen umso mehr den Rifugio Baita del Capriolo, wo es Veltliner Spezialitäten und auch Unterkunft gibt, bevor es über besonders artenreiche Alpweiden durchs steile Val digl Uors wieder Richtung Averser Tal geht. Auf dieser Wanderung begegnen wir Natur und Technik fast in Harmonie – zumindest optisch.

Ein anderer Speichersee dagegen ist noch nicht aus Abschied und Traktanden gefallen. Vorerst wird er wohl – wie einst der Greina-Stausee – nicht gebaut, weil es sich nicht rechnet. Der Protest indessen ist Jahrzehnte alt: «Wann wird Curciusa unter Schutz gestellt?» fragen die Buchautoren auf einer der grauen Seiten im Wanderbuch.

Robert Kruker, Julian Reich, Andreas Simmen: Passland Viamala. Höhen und Täler am Hinterrhein. Ein Kultur- und Wanderführer. Rotpunkverlag, Zürich 2021.
ISBN 978-3-85869-930-5

Am 14. August um 17 Uhr wird mitten in der Viamala-Region Buchvernissage gefeiert. Dabei sind die Autoren Andreas Simmern, Julian Reich und Robert Kruker. Der Ort: Der Buachlada Kunfermann, die einzige Buchhandlung zwischen Chur und dem Engadin, die seit Jahrzehnten lebt und weiterlebt. Hier können Sie sich anmelden: info@buachlada-kunfermann.ch.

Titelbild: Der Traversinersteg ist eine hängende Treppenbrücke. Holzbalken und Stahlträger stabilisieren und verhindern den Tiefblick für nicht Schwindelfreie. Bild: Graubünden Ferien
Bilder (wenn nicht anders vermerkt) aus der Publikation.
© Rotpunktverlag

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