FrontKulturHarald Naegeli: Der Tod und das Mädchen

Harald Naegeli: Der Tod und das Mädchen

Das Zürcher Musée Visionnaire wird in diesem Jahr den ganzen Sprayer von Zürich und den Zeichner Harald Naegeli dahinter zeigen. Teil zwei der Retrospektive trägt den Titel «Mensch & Vergänglichkeit».

Heimlich sprayte er seinen Protest gegen die Betonierung und die Betonköpfe an die Mauern verschiedener Städte, bis er entdeckt, verhaftet und verurteilt wurde. Nun lebt er 80jährig wieder in Zürich und zeichnet in seinem Atelier Tag für Tag, dem Tod das Leben mit Kohle und Kreide in der Hand entgegenhaltend. War Teil eins der Ausstellung (März – Juni 2021) Landschaftenbildern und Tierstudien gewidmet, also der Naturbeobachtung, sind nun bis Oktober Wanzen und Weiber, Voyeure und Kreuzdarstellungen zentrale Themen, deren Umsetzung in ihrer Deftigkeit näher bei den Sprayfiguren verordnet werden kann, als die Tiere – immer wieder Naegelis Liebling, der Elefant – oder die mit feinem Strich geschaffenen Landschaften.

Auf dem im Museum aufgebauten Arbeitstisch des Künstlers steht auf einer kleinen Staffelei ein Totentanz mit Tod und Mädchen. Ausstellungsansicht.

Harald Naegeli ist überzeugt, dass die Menschheit auf dem besten Weg ist, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln und dass die Natur obsiegen wird. Fragt sich, wie diese Natur, an deren Untergang so unermüdlich gearbeitet wird, dann ausschaut. Seit sechs Jahren arbeitet Naegeli im Atelier an Bildern über Leben und Tod, Vergänglichkeit der Welt, in der wir leben. Die christliche Kreuzigungsszene ist für den Agnostiker ein in unserer Kultur allgegenwärtiges Bild für den unausweichlichen und gewaltsamenTod, so kommt Golgatha in seinen Zeichnungen immer wieder aus seinem Kopf aufs Papier, immer neu mit Figuren ergänzt und interpretiert als «Beginnender Krieg» oder «Sinnlose Anbetung» oder auch «Christus erkennt die Sinnlosigkeit seines Opfers und springt ins Wasser».

Harald Naegeli: Kreuz / Leiter / Wanze / Fisch mit Totenköpfen / Mond / Soldaten. Kreide auf Tuschgrund  2018 Leihgabe des Künstlers © Pro Litteris 2021

Zerstörung der Welt durch eine sich selbst überschätzende Menschheit. Und das auch immer wieder ironisch und mit Humor, denn er selbst weiss um den eigenen Tod und fürchtet sich nicht davor. Sich nicht ernst nehmen und zugleich an die eigene Botschaft glauben, Harald Naegelis Kunst ist eine explosive Mischung.

Frauenakte mit oder ohne Vogelkopf, aber immer mit Kurven fast wie im Comic, sind hier eine Visualisierung von Tod und Mädchen, dort eine Metapher für männerbeherrschende Frauen. Die Wanzen – unheimliche Riesenkäfer denen nicht beizukommen ist – bevölkern einen weiteren Teil dieser Zeichenserie. Naegeli hat Wanzen auch im öffentlichen Raum gesprayt, und wer an Abhörwanzen oder Überwachen und Kontrolle durch ungreifbare digitale Mächte denkt, liegt nicht falsch.

Ein Voyeur schaut auf die unheimliche Szene mit zerbrochenem Kreuz, aufs Rad geflochtener Figur und grauslichen Insekten. Harald Naegeli: Apokalypse 3/20. 2003-2020. Kohle, Tusche und Acryl auf einem verworfenen Urwolken-Teil. Leihgabe des Künstlers. © Pro Litteris 2021

Eindrücklich die Serie der Voyeure: Ein Gesicht blickt seitlich herein auf eine apokalyptische Szenerie, in der sich Naegelis Panoptikum von Kreuzen, Kriegern, Käfern und bösen Geistern umtreiben. Der Voyeur scheint das Unheil völlig teilnahmslos zu betrachten, eine Metapher für uns alle, die wir zumeist hilflos und ohne Empathie auf all die Katastrophen schauen, die den Menschen anderswo die Existenz rauben. Diese hier beschriebenen und andere Blätter der Zeichenserie sind auf verworfenen Urwolken-Fragmenten als Bildträger entstanden. Die feingestrichelten Partikelzeichnungen bringen eine weitere Dimension, eine Art Kosmos aufs Bild.

 

 

Harald Naegeli: Gestorbener und seine Seele. 2019. Kohle und Tusche über einem Urwolken-Fragment. Leihgabe des Künstlers, © Pro Litteris 2021

Das Motiv des Totentanzes ist als Memento Mori seit dem Mittelalter gestaltet worden. Naegeli hat vier davon geschaffen. Nach dem Kölner Totentanz sprayte er den ersten Totentanz der Fische 1986, nachdem der fatale Chemieunfall in Schweizerhalle den Rhein bis weit Richtung Mündung in ein blutrotes totes Gewässer verwandelte, 1987 folgte der Totentanz der Fische in Venedig, dessen Untergang wegen Raubbau mit Industrieabwässern und Overtoursimus nicht nur ein Mythos ist,und schliesslich schenkte der Künstler der Heimatstadt im Karlsturm des Grossmünsters einen Totentanz, der wegen Naegelis unbotmässigem Willen, sich nicht exakt an die bewilligten Parameter zu halten, nun unvollendet bleibt.

Harald Naegeli gestaltet bei der Vernissage die Eröffnungsseite zur Ausstellung «Mensch & Vergänglichkeit» im Gästebuch des Musée visionnaire.

Naegelis Sensenmänner, die er während des ersten Lockdowns an Zürcher Mauern sprayte, sind zu zwei Dritteln weggeputzt oder übertüncht worden, aber das stört ihn am wenigsten: Es geht nicht um Ewigkeit, denn Graffiti sind ephemer und bleichen von selbst aus, sondern um die Auseinandersetzung mit der Figur und der Vergänglichkeit: Passanten sind der Andere, der König, der Reiche, das Mädchen beim Tanz mit dem Tod. Das dokumentieren die unzähligen Fotos, die immer noch neu auf die gleichzeitig mit der Ausstellung geschaffenen Plattform sprayervonzürich hochgeladen werden.

Titelbild: Golgatha 2018-2019. Kohle und Tusche über einem Urwolken-Fragment. Leihgabe des Künstler, © Pro Litteris 2021
Fotos: E. Caflisch und R. Hänny
Bis Oktober, anschliessend Teil 3: Urwolken; bis Jahresende
Zum Seniorweb-Bericht über Teil 1: Die Landschaften des Harald Naegeli

Hier gibt es Informationen zur Ausstellung im Musée visionnaire

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