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Bitte genau hinhören

Ein regelmässiger Leser der Kolumne «Auf ein Wort» hat den Grund gefunden, weshalb viele ältere Personen sich schwertun, ein Hörgerät zu benutzen: «Schweizer Hörgeräte, die sich Senioren schnappen» steht da in der Annonce von hoergeraete-vergleich.com. «Muss so etwas ähnliches wie der Enkeltrick sein», vermutet der Einsender. Danke, dass er uns alle vor den gefährlichen Tonverstärkern gewarnt hat. Und: Hände weg von übergriffigen Hörhilfen.

Ein weiteres, ziemlich «abverheites» Inserat: «Neuer Golfgegner wird elektrifiziert.» Lässt mich als Golferin natürlich aufhorchen, obwohl es auf einer normalen Golfrunde gar keine Gegner gibt, nur an Turnieren. Spielen jetzt vielleicht auch Roboter Golf? Die Auflösung folgt im Text: Es geht um ein neues Peugeot-Modell, das da in Konkurrenz zu einem Golf (mit vier Rädern) gesetzt wird. Wehe, wenn die beiden Gegner im Strassenverkehr aufeinander prallen!

Die folgende Titelzeile ist auch nicht ohne: «Nach dem Tod der Umfahrungsstrasse sollen jetzt Pflanzen erblühen». Wer bis jetzt nicht gewusst hat, dass auch Strassen ein Leben haben und sterben können, muss jetzt weiter denken. Können sie auch krank werden, sich verlieben – und vermehren – oder einfach mal abhauen? Und: Gibt es einen Strassenfriedhof, auf dem vielleicht sogar Pflanzen erblühen? Oder geht es doch nur um ein Strassenprojekt, das da beerdigt (schon wieder Tod!) wurde?

Es gibt Sätze, die schwer verständlich sind – oder von allen verstanden werden können. «Corona zehrt an dieser Errungenschaft», ist so ein Satz. Zuerst mal ist das einfach kein Deutsch, sondern ein fast zufälliger Wörterhaufen. Wer von etwas zehrt, von seinen Ersparnissen zum Beispiel, der profitiert davon, zieht einen Nutzen daraus. «an» ist da fehl am Platz, «von» müsste es heissen. Oder dann wird an der Errungenschaft gezerrt, was sprachlich korrekt, aber ziemlich sinnentleert ist. Ein Hund kann am Hosenbein des Briefträgers zerren, aber wer zerrt an einer Errungenschaft?

Ein neues Verb gelernt: hektiken. «Menschen hektiken umher, Tiere nicht.» Ausser vielleicht, sie werden gejagt oder vor einem Schlachthof ausgeladen. Da uns das eher weniger passiert, die Frage: Weshalb hektiken wir?

Zum Schluss noch eine Prise Kulinarisches: «Culotte, die halblange Hose, ist heute in aller Munde.» Da fragt man sich, wie eine Hose bis übers Kinn reichen kann – oder, wo in aller Welt «alle» ihren Mund haben. Ein Gericht auf der Speisekarte schafft es in die Top Tree. Wäre es nicht besser, man würde beim Deutsch bleiben und dafür die Bäume im Garten lassen?

Und Kinderlähmung möchte man auch nicht unbedingt essen: «Als die Kinderlähmung vertilgt war (…).» Sagt man ja so: Ein Thema ist gegessen. Vorbei. Abgehakt. Aber vielleicht wäre es besser, eine Seuche wäre getilgt. Diese Schlagzeile würden wir, auf Covid 19 bezogen, ja gerne mal lesen.

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