FrontKulturMax Bill – mit der ganzen Welt vernetzt

Max Bill – mit der ganzen Welt vernetzt

Das Zentrum Paul Klee in Bern präsentiert seine neue Ausstellung «max bill global» mit dem Fokus auf Bills künstlerisches Schaffen. Es zeigt damit, welch wichtigen Einfluss seine unablässige Kontaktpflege auf seine Entwicklung und auf seine Anerkennung hatte.

Der Begriff war noch nicht in Mode, aber getan hat er es trotzdem: Max Bill (geb. 1908 in Winterthur – gest. 1994 in Berlin) war ein Netzwerker par excellence. Wohin er kam, stets suchte er Kunstschaffende, mit denen er zusammenspannen konnte. Was Max Bill mit dem Zentrum Paul Klee verbindet, ist die Begegnung der beiden grossen Schweizer Künstler am Bauhaus in Dessau.

Max Bill, Ende der 1940er Jahre © haus bill zumikon, angela thomas

Schon als Zwanzigjähriger ging Max Bill für knapp zwei Jahre ans Bauhaus, wo nicht nur Kunst als Malerei oder Skulptur gelehrt und praktiziert wurde, sondern alle Formen von kreativer Arbeit mit allen denkbaren Materialien, von Textilkunst bis zu Plakatgestaltung und Architektur. In diesen beiden Sparten schulte sich Bill ebenfalls. Zurück in Zürich, entwarf er zunächst einmal Plakate, um überleben zu können.

Über die Kontakte von Bill mit Paul Klee oder Wassily Kandinsky gibt es keine direkten Zeugnisse. Es lässt sich nicht dokumentieren, welche Kurse Max Bill besucht hat, erklärt Kuratorin Fabienne Eggelhöfer. Wer aber schaut, was die Ausstellung an frühen Werken von Bill zeigt, erkennt unschwer: Hier hat der Jüngere den Stil seines Lehrers übernommen, bis hin zu der Art und Weise, wie Klee seine Bilder am unteren Rand von Hand beschriftete. – In jeder Station werden hauptsächlich Werke von Bill selbst gezeigt, daneben stets auch charakteristische Werke von Künstlern, mit denen Bill damals in Beziehung stand. So werden die künstlerischen Kontakte augenfällig.

Max Bill, «konstruktion in messing». 1939. Messing. 144 cm. Kunsthaus Zürich, Geschenk des Künstlers, 1986  © 2021, Pro Litteris, Zürich

In Dessau gründete Max Bill gemeinsam mit anderen Studierenden eine erste Gruppe: die gruppe z, die keine nennenswerten Aktivitäten veranstaltete, aber Bill später erlaubte, Kontakte wieder aufzunehmen. Zurück in Zürich gründete er die Künstlergruppe die augen, die ebenfalls nicht weiter aktiv war. Wichtig für den jungen Künstler wurde die Gruppe Abstraction – Création in Paris. 1930 war Bill dorthin gereist. Da er Sophie Taueber-Arp und Hans Arp schon bekannt war, durfte er dieser international wichtigen Gruppe von Avantgardisten beitreten, zu der u.a. Piet Mondrian und Georges Vantongerloo gehörten. Diese Begegnungen hatten auf Bills Schaffen sichtbaren Einfluss.

Zurück in Zürich entstand die Künstlergruppe «Allianz» mit Bill, Richard Paul Lohse, Verena Loewensberg u.a., die in der Schweiz und international bekannt wurde. Auch nach Südamerika hatte Bill Kontakte, was dazu führte, dass ihm 1951 in São Paulo eine grosse Ausstellung gewidmet war und er den ersten Preis der ersten Bienal de São Paulo erhielt. Während in Europa und Nordamerika die «Konkreten» bald wieder als überholt galten, wurde er in der südamerikanischen Kunstszene weiterhin sehr geschätzt. Konkrete Kunst, sagt Fabienne Eggelhöfer, galt dort als Ausdruck des Fortschritts und erhielt viel Anerkennung.

Eine wichtige Etappe war der Aufbau der Hochschule für Gestaltung in Ulm, an die Max Bill berufen wurde. Diese Institution war von Amerikanern – damals noch Besatzungsmacht in Deutschland – initiiert worden, als Gegenkraft gegen Professoren, die in den Kunsthochschulen an ihren Sesseln klebten und immer noch der nationalsozialistischen Kunst verhaftet waren. Hier konnte Max Bill als Netzwerker viele Bauhauskünstler, die nach Amerika ausgewandert waren, für eine Mitarbeit gewinnen.

Max Bill, Ulmer Hocker, 1954. Holz, lackiert 45×39,5×28,5 cm max bill georges vantongerloo stiftung haus bill zumikon, angela thomas und erich schmid. Courtesy Hauser & Wirth © Angela Thomas Schmid / 2021 Pro Litteris, Zürich

Max Bill bewahrte sich einen eher traditionellen Kunstbegriff: Kunst hatte mit Ästhetik zu tun, Schönheit war ein wichtiger Wert. Damit widersprach er der aufkommenden Ansicht, Kunst müsse «wissenschaftlich» sein. Solche unterschiedlichen künstlerischen Haltungen führten schliesslich dazu, dass Max Bill sich aus Ulm zurückziehen musste.

Die Gebrauchsgegenstände, die er entwarf, vor allem der Ulmer Hocker, werden von Experten auch heute noch als mustergültig geschätzt in ihrer Funktionalität, Klarheit der Form und vielseitigen Nutzbarkeit.

Max Bill, «reflexe aus dunkel und hell». 1975 Öl auf Leinwand 120×120 cm. max bill georges vantongerloo stiftung haus bill zumikon, angela thomas und erich schmid. Courtesy Hauser & Wirth © Angela Thomas Schmid / 2021 Pro Litteris, Zürich

Im letzten Kapitel widmet sich die Ausstellung den weiteren Beziehungen Bills zu Künstlern in den USA, auch zu Jüngeren wie Donald Judd oder Richard Serra, die zwar nicht mehr die gleichen Anschauungen vertraten, aber von Bills Vielseitigkeit fasziniert waren.

Was die Besucherin ungemein beeindruckt, ist die Weite, die sich eröffnet, als sie den grossen, hohen Ausstellungsraum betritt. Der Bau von Renzo Piano, der sich an den sanften Hügel Schöngrün bestechend schön anschmiegt, schien ihr bisher für viele Ausstellungen mit Werken von Paul Klee zu gross, die gewölbte Decke zu hoch, zu viele Trennwände waren notwendig, um die vielen kleinen Formate der Klee-Bilder zu präsentieren. Nun zeigt es sich, dass Max Bills konkrete Kunstwerke – nicht gigantisch grosse – und eine geschickte Schrägplatzierung der Zwischenwände der Halle die Weite gibt, die mit Max Bills Intention, sich mit so vielen Künstlern zu vernetzen, perfekt harmoniert.

Ausstellungsansicht (Foto mp)

Diese internationale Ausrichtung entspricht, wie wir in der Ausstellung sehen, nicht nur dem Schaffen und den Bestrebungen von Max Bill, sondern der Haltung der gesamten Leitung des Zentrum Paul Klee. Nina Zimmer, die Leiterin der beiden Berner Institutionen Kunstmuseum und ZPK, betont: «Die Moderne ist nicht auf Europa begrenzt, wir wollen die Moderne immer auch aus anderer Perspektive betrachten.» Das wurde schon in früheren Ausstellungen bewiesen, am eindrücklichsten in der umfassenden dokumentarischen Schau über Bauhaus-Einflüsse in verschiedensten Weltgegenden, wo frühere Lehrende oder Studierende gewirkt hatten oder noch wirken.

Die gegenwärtige Ausstellung beschränkt sich auf das künstlerische Werk von Max Bill. – Es gäbe noch viele andere Gesichtspunkte, unter denen man den gesellschaftspolitisch engagierten Menschen, den Lehrer, den Publizist, den Politiker, den Sammler betrachten könnte.

Ein reichhaltiges Rahmenprogramm ab 24. Oktober ergänzt die Ausstellung.
Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee dauert bis 9. Januar 2022.

Ausstellungskatalog: max bill global. Hrsg. von Fabienne Eggelhöfer und Nina Zimmer. Mit Beiträgen von Fabienne Eggelhöfer, Heloísa Espada, Maria Amalia García, Guitemie Maldonado, Angela Thomas Schmid und Lynn Zelevansky.  2021. 1. Aufl. ca. 232 Seiten, ca. 140 farbige und 20 schwarzweiss Abbildungen. Scheidegger&Spiess
ISBN 978-3-85881-697-9

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