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Ich bin überzogen

Wer in der «NZZ am Sonntag» die Kolumne von Manfred Papst, dem Redaktor der Kultur-Seite, liest, wird belohnt mit Geschichten, die sich originell durch die Texte ziehen. Hüpfend und spielerisch kommt die Kolumnen in verschiedenen Gestalten daher, manchmal als Primadonna oder als lässiger Tänzer, aber auch mit bewusst überhöhtem Ärger eines Redaktors, der Zeitungen liest und oft den Kopf schüttelt. Manfred Papst schreibt Kolumnen heiterer Art, die mich an zwei Hunde erinnern, die sich balgen und vor Freude aneinander hochspringen. Diejenige vom Sonntag den 19. September ist so eine, die die Lesenden lehrt, ohne belehrend zu sein. Der Titel lautet: «Das geht durch Mark und Pfennig» Das Wort Pfennig stört bei diesem Bild, es müsste doch Bein heissen. Manfred Papst beginnt die Kolumne mit drei Szenen. Stellen Sie sich vor, Sie seien beim Zahnarzt, der Bohrer nähere sich dem Zahn; Sie liegen im Bett, eine Stechfliege surre im Zimmer; Sie stehen beim Bahnhof Stadelhofen, wo drei S-Bahnen gleichzeitig knirschend bremsen. Er schildert die Szenen ausführlich und schreibt:

«Weshalb ich die Leiden hier so blumig schildere? Damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie es mir ergeht, wenn jemand ‘verlöscht’ statt ‘erlischt’ sagt. Das tut mir in den Ohren weh, das dreht mir den Magen um, da bekomme ich Pickel. Und ich sage Ihnen: Ich begegne der falschen Form inzwischen auf Schritt und Tritt, in sogenannten Qualitätszeitungen ebenso wie bei namhaften Schriftstellern … Wenn jemand für einen anderen keine Gefühle mehr hegt, dann verlöscht seine Liebe nicht, sondern sie erlischt, und wenn der Vorgang ganz abgeschlossen ist, dann ist er nicht verlöscht, sondern erloschen. So ist das nun einmal bei den unregelmässigen Verben.»

«Deutsche Sprak, schwere Sprak», sagen die Italiener. Meine Tochter hatte sich schon in der Primarschule eine Redewendung angewöhnt, die mir durch Mark und Bein ging und mich als Vater ärgerte, etwa als sie erzählte, ein Schulkamerad habe ihr einen Maikäfer in die Bluse gesteckt. Obwohl er leugnete, es gewesen zu sein, blieb sie überzogen, dass er es war. Manchmal schätzen die Kinder die Autorität der Strasse höher als jene der Eltern. Ich versuchte sie mit einigen Beispielen zu überzeugen, dass in dem erwähnten Fall «überzeugt» korrekt sei. Wenn ihr, inzwischen etwas älter, das Überzogen wieder einmal herausrutschte, sah sie, wie ich zusammenzucke. Sie entschuldigte sich mit «I bi überzügt, dass de Napoleon ä grossi Bedütig für d’moderni Schwyz gha häd.»

Inzwischen hört man das Wort sehr oft bei einem Politiker, was mir zu denken gibt. Ist er wirklich überzeugt von dem, was er sagt? Selbst ein Bundesrat hat vor einiger Zeit mit angestrengter Miene ausgeführt, dass er überzogen sei, dass man die Motion ablehnen müsse. Es geht mir wie Manfred Papst mit «erlischt und erlöscht». Ich ärgere mich und mein Gehirn wird von einem Bild überzogen so etwa, dass mir einfällt, der Arc de Triomphe sei gerade von weissen oder hellen Tüchern überzogen. Mich stört dieses Wort in einem Votum und meine Aufmerksamkeit geht für eine Weile verloren. Es kommt mir allerlei Weiteres in den Sinn, etwa, dass das Votum so überzogen sei, wie der Firnis ein Ölgemälde überziehe.

Der Titel der Kolumne, dass es dem Autor durch Mark und Pfennig gehe, überzeugte mich dann, als ich las, dass seine Tante Änne im Ruhrpott jeweils im gängigen Bild das Bein durch Pfennig ersetzt hatte. Und da der Pfennig nicht den Wert einer Mark besass, wollte sie wohl sagen: «Ach ja, so schlimm ist es denn doch nicht. Wir werden es überleben.» Was meines Erachtens der Kolumnist der NZZ nicht so bagatellisiert haben kann, denn es ist ihm Ernst mit dem, was er ausführt, aber nicht tierisch.

1 Kommentar

  1. Natürlich haben Sie mehr als Recht Herr Iten und die von ihnen angeführten Beispiele lesen sich auch treffend und sind «überzeugend». Nur sind nicht alle Leute so sprachgewandt. Wenn die sich nun dauernd fragen habe ich das jetzt richtig geschrieben oder stimmt die Form irgendwie nicht, dann lassen sie das Schreiben ganz, was ich dann definitiv bedauern würde. Aber ich bin sicher uns gewöhnlichen werden Sie den einen oder anderen Fehler mit einem Augenbrauenhochziehen nachsehen.
    Freue mich immer wieder auf ihre Beiträge.
    Liebe Gruess
    Ernst

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