FrontKulturRänkespiel zwischen Liebe und Macht

Ränkespiel zwischen Liebe und Macht

Gleich mit seiner ersten Neuinszenierung in der Bundesstadt liefert der neue Berner Schauspieldirektor Roger Vontobel Theater vom Besten: Im alten Stadttheater überzeugt er mit Schillers Klassiker «Maria Stuart», einem einfachen, aber wuchtigen Bühnenbild, beeindruckenden Licht- und Schatteneffekten, wortgewaltigen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie elektrisierender Live-Musik.

Der minutenlange Applaus am Ende der gut zweistündigen Vorstellung war berechtigt: Diese klassische Art von Theater, notabene im «alten Haus» am Kornhausplatz gespielt, liebt das Berner Publikum über alles. Mehr als einer Besucherin, einem Besucher rutschte beim Verlassen des «Kulturtempels» der Satz über die Lippen: «Endlich wieder einmal grosses Theater in Bern».

Dabei ist die Auseinandersetzung mit Schillers Trauerspiel «Maria Stuart» für Laien relativ anspruchsvoll. Die Intrigen am englischen Königshaus und deren Hintergründe sind uns Schweizerinnen und Schweizern fremd. Um Schillers Sprache zu verstehen, muss man sehr genau hinhören. Die akustischen Verhältnisse auf der grossen Bühne machen das Zuhören nicht einfacher. Und: Die wechselnden Beziehungen zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten lichten sich erst im Verlauf des Abends.

Elisabeth (links) gegen Maria: der Kampf um die Krone ist voll entbrannt.

Das Drama handelt von zwei Frauen, einer Krone und drei Tagen für die Unterzeichnung eines Todesurteils: Schillers Politthriller thematisiert das politisch-private Machtspiel zwischen zwei ungleichen, aber gleichermassen autonomen Frauen. Maria Stuart (gespielt von Yohanna Schwertfeger), die Königin von Schottland, ist als Revolutionärin nach England zurückgekehrt und macht der amtierenden Monarchin, Elisabeth I. (Isabelle Menke), den Thron streitig. Dass Maria des Mordes an ihrem Gatten verdächtigt wird, macht die Annäherung zwischen den ungleichen Cousinen nicht einfacher. Die reformierte Elisabeth fürchtet um Macht sowie Einfluss und lässt ihre katholische Widersacherin in den Kerker werfen sowie zum Tod verurteilen.

Was fehlt, ist die Unterschrift zur Exekution. Schillers Bühnenversion setzt drei Tage vor der Hinrichtung ein. Mortimer (Linus Schütz), der Neffe von Marias Aufseher Paulet (Hans-Caspar Gattiker), soll Maria liquidieren. Er nimmt den Auftrag der Königin aber nur zum Schein an. Denn er hat – wie andere Günstlinge auch – ein Auge auf die Verurteilte geworfen. Er weiht den Grafen von Leicester (Olaf Johannessen) ein, der ebenfalls eine Schwäche für die feurige Schottin hat. Ein Treffen von Elisabeth und Maria soll eine Chance auf Begnadigung bringen. Im Hintergrund intrigieren Baron von Burleigh (Claudius Körber) und Georg Talbot (Stéphane Mäder) tatkräftig mit.

Elisabeth und ihre vertrauten Grafen sowie Räte.

Die Gefangene bittet ihre Gegenspielerin schriftlich um ein persönliches Treffen. Der Brief geht der englischen Königin sehr zu Herzen, da Maria ihre Gefühle und die Verwandtschaft beider anspricht. Den Ausschlag für das Treffen gibt Graf Leicester, der, angetan von Maria, deren Hinrichtung so lange wie nur irgend möglich hinauszögern will. Er schmeichelt Elisabeth, betont ihre Königinnenwürde sowie die erhöhte Machtstellung über Maria und bringt sie damit dazu, ein Treffen im Park zu arrangieren.

In der direkten Begegnung der beiden Frauen, die es in der Realität nie gegeben hat und von Schiller erdichtet wurde, kommt es zur emotionalen Explosion: Die Protagonistinnen bekämpfen sich mit Worten und Gesten, bis aufs Blut. Maria ficht mit ihrer Weiblichkeit, mit dem Argument der Familienbande, mit einem Freundschaftsangebot. Die emotional überforderte Elisabeth wählt eine andere Strategie und greift Maria politisch, aber vor allem persönlich an. Die Schönheit Marias scheint sie dabei am meisten zu Aggressivität zu verleiten. Nach einem falsch zugestellten Briefwechsel, einem Mordversuch und einem Selbstmord ist Marias Schicksal besiegelt. Das Todesurteil wird vollzogen. Als Siegerin aus dem Duell geht Englands eiserne Königin Elisabeth hervor.

Licht und Schatten: Elisabeth (links) und Maria kommen sich immer näher.

Beeindruckend unterstützt das gigantische Bühnenbild (von Olaf Altmann) das Ringen der Frauen. Ein riesiger Keil entzweit die beiden Protagonistinnen. Dank einer Drehbühne wechselt das Publikum ohne störende Umbauten vom rostbraunen Gefängnis der Stuart in den gold-glänzenden Palast Elisabeths. Auf den Kulissenwänden wirken die Schatten der Spielenden einmal bedrohlich, einmal leidenschaftlich, dann wieder autoritär oder untertänig.

Repräsentativ sind auch die Kostüme (von Ellen Hofmann) der Protagonistinnen: Elisabeth, ganz in weiss, mit strenger Frisur, steht für Macht, Disziplin, Härte und Entschiedenheit. Ihr hat der Regisseur männliche Charakterzüge verleiht. Maria Stuart dagegen ist die Verführerin. Sie trägt zu Beginn ein weinrotes, langes Kleid und wildes, offenes Haar. Die Schottin strahlt Aufruhr, Wildheit, Widerspruch, Lebenslust aus. Zur Hinrichtung erscheint sie in einem schwarzen Kleid mit Kette, die ihr zum Schluss als Beweis für den Tod entrissen wird.

Die Leidenschaft für Maria verleiht Mortimer Adlersflügel.

Geschichten mit Übermenschen sind typisch für Schiller. In Maria Stuart geht es um Intrigen, instrumentalisierte Liebesbeziehungen, missbrauchte Macht. Günstlinge werden gefügig gemacht, Widersacherinnern und Widersacher brutal ausgeschaltet, die Herrschaftsverhältnisse im mittelalterlichen England werden zementiert. So funktionieren Diktaturen sowie Oligarchien auch heute, 550 Jahre nach der Hinrichtung der Stuart noch immer. Insofern hat Schillers Trauerspiel durchaus aktuelle Bezüge.

Was ist ein Mensch wert? Darf man über ihn hinweggehen, über ihn bestimmen, wenn er eine andere Meinung als die Herrschenden vertritt? Wenn er für etwas steht, das objektiv gesehen vielleicht gut und richtig ist? Im Kern stellt das Stück die Frage nach Macht in vielfältiger Hinsicht: nach politischer Macht, nach der Verteilung der Macht zwischen Männern und Frauen, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Wie können ungerechte Herrschaftsverhältnisse geändert werden, wenn nicht mit Gewalt? Wozu sind Menschen in der Lage, wenn es um die Erlangung oder die Verteidigung von Macht geht.

Roger Vontobel, Schauspieldirektor und Regisseur.

Ein Blick in die Gegenwart, auf die Machtverhältnisse in China, Russland, Nordkorea, Saudi-Arabien, Brasilien, in die Türkei, macht klar, dass wir bezüglich Intrigen, Korruption und Machthunger international nicht weiter sind als das royale England im Jahr 1587, als Maria Stuart dem Ränkespiel zwischen Liebe und Macht geopfert wurde. Zeitgenössisch ist dagegen die Live-Musik von Keith O`Brien, der das Spiel mit elektronischen Klängen aus einer Parterre-Loge untermalt. Eine wahrhaft gelungene Aufführung.

Titelbild: Ränkespiel im gold-glänzenden Palast von Elisabeth I. Alle Fotos Yoshiko Kusano.

Bühnen Bern. Aufführungen bis 14. Januar 2022. https://buehnenbern.ch/programm/maria-stuart-1/

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