FrontKolumnenVerunsicherung

Verunsicherung

«Über meinen Hunger bin ich Meister». So zitierte unser ehemaliger Lehrer für römisches Recht an der Universität eine Figur aus dem Altertum. Diese hatte, ursprünglich ein reicher Mann, alles verloren. Besass noch die Kleider, die er am Leibe trug. Viele wollten ihn unterstützen. Er lehnte ab. Seine Unabhängigkeit, seine Freiheit waren ihm mehr wert als Sicherheit.

Auch wenn ihm nur noch der Hunger geblieben war. Damit konnte er leben. Über den Hunger hatte er selbst die Macht. Ich gestehe, damals überforderte mich diese Geschichte.

Kennen wir aus der Antike nicht auch noch die Erzählung über Diogenes, der genügsam in einem Fass lebte? Er war ein weit herum bekannter angesehener Philosoph. Alexander der Grosse begegnete ihm und war beeindruckt. Er fragte ihn nach seinen Bedürfnissen, denn er wollte ihn beschenken. «Geh mir nur ein wenig aus der Sonne» soll Diogenes geantwortet haben. Das war sein einziger Wunsch. Etwas anderes benötigte er nicht.

Wenn ich mich der Gegenwart zuwende, begegne ich nicht Besitzlosen, die sich für Freiheit und Unabhängigkeit anstelle von Sicherheit entschieden haben. Nein, aktuell wimmelt es ja in den Medien nur so von Namen, welche die Listen der Reichsten und Vermögendsten dieser Welt anführen. Das sind offenbar unsere heutigen Helden! Pikant daran ist, dass die Werte, die ihre Reputation ausmachen, häufig «volatil», also unsicher, sind.

In der heutigen Pandemie-Diskussion spielen die Begriffe «Freiheit» und «Sicherheit» eine grosse Rolle. Die Ansichten stehen sich teilweise unversöhnlich gegenüber. Zum Glück finden sich in unserem Lande noch Ventile für die Frustration und den Unmut in Form von friedlichen Demonstrationen, öffentlichen Podien und Leserbriefspalten.

Was ist an den heutigen Einschränkungen, die uns von der «Obrigkeit» zugunsten der allgemeinen Gesundheit abverlangt werden, so beschwerlich? Wir werden ja nicht in Ketten gelegt und in Burgverliesen eingekerkert. Und geimpft werden wir ja heute auch nicht zum ersten Mal in unserem Leben. Davon legt das Impfbüchlein Zeugnis ab.

Ich denke zurück und frage mich, wann, wie, wo die Bevölkerung in der Schweiz während meiner Lebenszeit in ähnlich unsicheren Zeiten lebte? Soll ich mit der Periode des zweiten Weltkrieges beginnen? Ein Beispiel. Man sollte nicht mehr unbedacht aussprechen, was einem auf der Zunge lag. «Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat» hiess es auf Plakaten, die überall ausgehängt waren. Etwas humoristischer präsentierte der «Nebelspalter» die Maxime. «Man nimmt einen Stuhl und hockt ufs Muul». Auch das adäquat illustriert! Wo aber blieb die Meinungsäusserungsfreiheit?

Verdunkelungsgebot. Kein Lichtschein durfte nach aussen dringen. Und wehe, jemand fuchtelte beim abendlichen Ausgang mit seiner Taschenlampe unvorsichtig herum. Die Kontrolleure waren mit ihren Ermahnungen schnell zur Stelle.

Aber was sollen diese alten Geschichten? Es gibt auch heute Bestimmungen, die unserer Freiheit tagtäglich Grenzen setzen und uns unsicher werden lassen. Beispiele: Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Am besten vor das Haus oder Gebäude an die frische Luft gehen! Promillegrenze für den Blutalkoholgehalt für jene, die sich an ein Steuer setzen wollen. Nur ein Glas Wein, oder am besten kein Glas Wein trinken! Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen, Tempolimiten für weitere Strassen. Was gilt jetzt wo?  Und relevant für Fussgänger: Beim Überqueren der Strasse werden wir durch Lichtsignale «fremdbestimmt». Unsicher sind da nur die Längen der Phasen!

Alle diese Gebote und Einschränkungen dienen dem Schutz der Allgemeinheit. Sie haben ihre Entstehungsgeschichte.  Sie wurden in langwierigen politischen Prozessen erarbeitet und fanden schliesslich die Zustimmung der Mehrheit.  Sie gelten für die ganze Bevölkerung, aber betroffen sind jeweils einzelne Gruppen. Wir haben uns damit  «arrangiert».

In der aktuellen Pandemiesituation ist alles etwas anders. Die Behörden und die Bevölkerung fühlten sich am Anfang überrascht und überrumpelt. Die Bewältigung dieser neuen, unbekannten Bedrohung der Gesundheit aller musste anfänglich improvisiert werden. Das führte zu Unsicherheiten. Die Kompetenzen für einschneidende Massnahmen sind in unserem föderalistischen System auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, was das rasche Handeln erschwerte und immer noch erschwert.

Wissenschaft und Politik mussten zusammengeführt, Material und Informationen bereitgestellt werden. Alle konnten betroffen sein. Alles spielt sich in der Öffentlichkeit ab. Wir vernehmen es alle gleichzeitig, wenn sich neue, unbekannte Viren zu verbreiten beginnen. Massnahmen werden gelockert und dann wieder verschärft. Auch das vernehmen wir. Zur Beruhigung der Situation trägt das nicht bei.

Unterdessen hat sich trotzdem alles etwas «normalisiert». Und es scheint mir, dass vor allem unser Verständnis dafür gewachsen ist, dass wir uns mitten in einem Prozess befinden, dessen Verlauf und Ausgang vor allem eines ist: unsicher. Und das, obwohl man sich in der Schweiz, einem der grössten Versicherungsmärkte der Welt, doch gegen beinahe alle Unwägbarkeiten des Lebens versichern kann!

Jetzt aber sind neue Tugenden gefragt. Alle müssen wir lernen, mit der Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie zu leben. Das trifft einzelne Sektoren unseres gesellschaftlichen Lebens besonders, wie etwa die Wirtschaft oder die Kultur. Aber wir sitzen alle im selben Boot. Und alle müssen wir uns zugunsten der ganzen Bevölkerung persönlichen Einschränkungen unterziehen. Aber das können wir!

Ich beobachte, dass daraus ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, eine neue Solidarität wächst. Wir tragen Sorge zueinander. Und wir befassen uns wieder mit den grundlegenden Fragen des Lebens. Das sind die positiven Konsequenzen, gleichsam die «guten Seiten» der Pandemie. Das sollten wir nicht unterschätzen!

4 Kommentare

  1. Ich weiss nicht, in welcher Welt Frau Stamm lebt. Denn wenn ich z.B. die Reaktionen auf die Ergebnisse der drei jede und jeden in unserem Land betreffenden Abstimmungen vom vergangenen Wochenende verfolge, entdecke ich beim besten Willen kein «neues Zusammengehörigkeitsgefühl, eine neue Solidarität» (JS) wachsen. Vielmehr wollen die beiden unterlegenen Parteien das Ergebnis der Justizinititiative und des Covidgesetzes nicht akzeptieren und bereits wieder neue Volksvorlagen einreichen, während die siegreichen Initianten der Pflegeinitiative jetzt den von ihnen bekämpften Gegenvorschlag realisieren. Von «Zusammengehörigkeitsgefühl» und «Solidarität» ist da leider nichts zu sehen.

  2. Liebe Frau Stamm

    Sie haben Recht, wir wurden geimpft und zwar ohne uns zu fragen oder zu informieren, man hatte also keine Wahl. Wenn ich mich Recht erinnere wurden wir in der Schule, mein Impfbüchlein sagt mir mit 8 Jahren, erstmalig geimpft. Die damaligen Impfstoffe waren jeweils Einzelimpfungen z.B. Röteln, Kinderlähmung etc. Heute haben wir es bei Kindern ab 2 Monaten mit Mehrfachimpfungen mit bis zu 6 verschiedenen Impfstoffen zu tun, es ist einfach bequemer alles auf einmal zu impfen. Gegen Masern und Röteln gibt es schon gar keine Einzelimpfungen mehr. Ich denke wie ich auch sind Sie nicht gegen all diese Krankheiten geimpft oder jedenfalls nicht in diesen Kombinationen:
    Ab 2 Monate bis 1 Jahr
    6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Hepatitis B

    und ab dem 1 Jahr bis 2 Jahr kommen noch hinzu:
    Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern, Röteln (MMR) und ggf. Windpocken (MMRV)
    Keiner hinterfragt, alle tun es, wir wollen glauben und hoffen, dass es gut ausgeht. Aber haben Sie sich nicht auch schon gefragt wieso es immer mehr Autoimmunerkrankungen, ADHS, Autismus und Alzheimer auch schon in jungen Jahren gibt. Die Pharmabranche rühmt sich nicht gerade sehr kommunikativ und aufklärend bei Impfschäden zu sein.

    Aktuell haben wir es mit neuartigen und nicht erprobten Impfstoffen zu tun, die, in meinen Augen und in den Augen von vielen Menschen, nicht „Marktreif“ sind (Zeit kann man nun mal nicht teleskopieren). Die Hersteller haben sich meines Wissens eine nicht Haftung vertraglich zusichern lassen. Auch das steigert mein Vertrauen nicht unbedingt.
    Ich frage mich darf man mit diesem Wissen, eine Impfpflicht für junge, gesunde Menschen und Kinder überhaupt diskutieren, zumal diese Bevölkerung, wenn keine Vorerkrankungen bestehen, nur milde bis keine Erkrankung durchmacht. Wer würde eine Impfung für diese Gesunden verantworten wollen? Der Bundesrat weiss sehr genau wenn er diese Impfung für obligatorisch erklärt, dass er (also wir) haften würde. Meiner Meinung nach ist auch die Zertifizierung äusserst fragwürdig, den Gesundheitszustand bei jedem Restaurant- Kino- Theaterbesuch auszuweisen zu müssen finde ich schlichtweg illegal. Ich erinnere mich noch gut als AIDS das grosse Thema war, wenn da ein Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern einen Nachweis oder einen AIDS-Test verlangt hätte er wäre, zu Recht, öffentlich an den Pranger gestellt und gerichtlich bestraft worden. Und aktuell kann jeder Wirt, Veranstalter etc. einsehen ob ich geimpft, „getestet“ bin, ich finde das schlichtweg ein Skandal.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel