FrontGesellschaftEngagement trotz Risiko?

Engagement trotz Risiko?

Social Distancing und erhöhter Schutzbedarf: Ältere Freiwillige konnten ihr Engagement während der Corona-Pandemie nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Dennoch haben viele von ihnen Wege gefunden, weiterhin freiwillig tätig zu sein, wie eine Studie der Hochschule Luzern zeigt. Einige mussten ihr Engagement trotz allem beenden.

Mit Beginn der ersten Corona-Welle im März 2020 konnten viele Menschen im höheren Lebensalter ihre freiwilligen Tätigkeiten nicht mehr wie gewohnt ausüben. Grund dafür waren Schutzmassnahmen wie Social Distancing und Kontaktbeschränkungen. Hinzu kommt, dass ältere Menschen in der Schweiz zur Risikogruppe gehören und besonders vor einer Ansteckung geschützt werden sollten. «Diese Umstände haben das Engagement und die sozialen Teilnahmemöglichkeiten von älteren Menschen stark eingeschränkt», sagt Mario Störkle, Co-Studienautor und Dozent am Institut für soziokulturelle Entwicklung an der Hochschule Luzern. Er hat zusammen mit den beiden HSLU-Forschenden Stephan Kirchschlager und Meike Müller untersucht, wie sich das freiwillige Engagement älterer Menschen in der Schweiz während der ersten zwei Corona-Wellen entwickelt hat. Dafür hat das Forschungsteam über 400 ältere Menschen in der Schweiz befragt, die sich freiwillig oder ehrenamtlich engagieren.

Viele passten ihr Engagement an, manche beendeten es

Die Studie zeigt: Gerade zu Beginn der ersten Welle haben viele ältere Menschen ihr Engagement pausiert oder an jüngere Mitmenschen abgegeben. Zumindest ein Teil der Befragten konnte aber trotz Pandemie weiterhin freiwillig tätig sein – insbesondere dann, wenn es sich um Tätigkeiten handelt, die beispielsweise auf Online-Kanäle verlagert oder unter Einhaltung der Schutzmassnahmen weitergeführt werden konnten. So haben 38 Prozent der Befragten angegeben, ihre freiwillige Tätigkeit während der ersten Corona-Welle vollständig oder teilweise auf Telefonkontakte umgestellt zu haben. 34 Prozent von ihnen haben ihr Engagement zumindest teilweise über Online-Kanäle weitergeführt und 27 Prozent haben angegeben, ihre Tätigkeit vorübergehend an jüngere Personen abgegeben zu haben.

«Eine Umstellung auf digitale Alternativen oder das Einhalten von Social Distancing war jedoch bei vielen Tätigkeiten nicht so einfach möglich», erläutert Störkle. Als Beispiele nennt der Studienautor freiwillige Fahrdienste, Besuche oder Hilfe bei der Hausarbeit. Daher mussten auch einige ältere Personen ihre Tätigkeiten aufgeben. 14 Prozent aller Befragten gaben an, während der ersten Welle ihr freiwilliges Engagement vollständig und dauerhaft beendet zu haben, bei weiteren elf Prozent ist das zumindest teilweise der Fall gewesen. Dabei hängt die Entwicklung des Engagements signifikant mit dem Alter der Befragten zusammen. Jüngere Engagierte unter 65 Jahren tendierten während der ersten Welle deutlich weniger dazu, ihr Engagement vollständig einzustellen, als dies bei Befragten der höheren Altersklassen ab 65 Jahren der Fall war.

 Weniger Unterbrüche in der zweiten Welle

Während der zweiten Corona-Welle ab Mitte Oktober 2020 wurden die freiwilligen Tätigkeiten seltener unterbrochen als noch während der ersten Welle im März 2020. «Die freiwillig Engagierten haben sich offenbar schnell mit der neuen Realität arrangiert und sich aufgrund der mittlerweile etablierten Schutzmassnahmen wieder sicherer gefühlt», sagt Mario Störkle. So haben 62 Prozent aller Befragten angegeben, ihr freiwilliges Engagement während der ersten Welle vollständig oder Seite 2 / 3 zumindest teilweise pausiert zu haben. Während der zweiten Welle waren es noch 32 Prozent. Auch die älteren Befragten ab 65 Jahren tendierten während der zweiten Welle im Vergleich zur ersten Welle deutlich weniger stark dazu, ihr Engagement vollständig einzustellen.

Aktiv im Alter oder Risikogruppe?

Alle Befragten gehören zu derjenigen Personengruppe, die vom Bundesamt für Gesundheit aufgrund ihres Alters als besonders gefährdet eingeordnet wird. Das Forschungsteam hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie gefragt, wie sie damit umgehen, aufgrund ihres Alters in eine Risikogruppe eingeteilt zu werden. «Ein Teil der Befragten wehrt sich gegen eine pauschale Zuordnung, weil sie eine Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe nicht mit ihrem Selbstbild des ‹aktiven Alters› in Einklang bringen und dies als entmündigend werten», fasst Störkle zusammen. Andere hingegen hätten eher kein Problem damit, so der Forscher. Ein grosser Teil der Befragten (82 Prozent) stimmt der Aussage zu, dass die Zugehörigkeit zur Risikogruppe sie dazu animiert hat, sich im Alltag vorsichtiger zu verhalten. Zugleich geben 77 Prozent der Befragten an, sich durch ihr Alter nicht eingeschränkt zu fühlen. 76 Prozent empfinden sich als gesund und machen sich daher keine grossen Sorgen. Und 71 Prozent der Befragten fühlen sich trotz ihres Alters nicht der Risikogruppe zugehörig. Es zeigt sich vielmehr, dass die Befragten eher eine individuelle Risikoeinschätzung vornehmen, die sich nicht allein am kalendarischen Alter orientiert, sondern auch gesundheitliche und soziale Erwägungen mit einbezieht.

Weitere Informationen zum Projekt «Folgen der Corona-Pandemie für ältere Freiwillige und ihr Engagement» sowie den Abschlussbericht gibt es HIER

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