FrontKolumnenMahnmale in meinem Wohnzimmer

Mahnmale in meinem Wohnzimmer

Wir wollen es nicht wahrhaben, doch unsichtbar herumstreichende Viren bedrohen uns. Wir zählen täglich, wie viele Betten uns in den Intensivstationen der Spitäler für alle Fälle bleiben. Das nagt an der Freiheit. Wir sind «frei geschaffen und wären wir in Ketten geboren», so ungefähr suggeriert es uns der Idealist Friedrich Schiller. Und jetzt sollen wir uns nicht mehr frei fühlen und nach von oben verfügten Regeln leben. Viele begehren auf, sie empören sich, sie suchen Schuldige, finden sie und attackieren sie. Wir sind stolze Menschen. Zwar würde es uns nicht schlecht anstehen, etwas bescheidener zu sein. Aber uns ändern? Das ist schwierig. Hirnphysiologische Untersuchungen legen nahe, dass wir uns am besten gefallen, wenn wir nach unseren Gewohnheiten leben, die uns seit der Kindheit eingeschliffen sind.

Ich habe in meinem Leben zwei Skulpturen gekauft. Die eine ist ein geschnitzter Hiob und die andere eine Stele. Ich gebe gerne zu, dass sie über längere Zeit unbeachtet an ihren von mir zugewiesenen Plätzen standen. Den Hiob hatte Bernhard Prähauser in Hallein geschnitzt; ich erwarb sie bei einem Besuch in Salzburg. Hiob wurde von Gott schwer geprüft. Mein Hiob wurde aus einem Stück Lindenholz geschaffen, das ein Meter gross ist. Sein bärtiger Kopf schaut hervor, als wäre er noch im Holz gefangen. Die linke Hand tritt profilartig aus dem rohen Holzstück und berührt die Brust, während der rechte Arm mit einem übergrossen Arm und einer Hand tatenlos herunterhängt. Diese Hand bildet das symbolische Zeichen, dass Hiob seinem Schicksal wehrlos ausgeliefert ist.

Jeder Mensch erlebt Situationen, über die er nicht verfügen kann, in denen er den Arm hängen lässt. Und doch verfügt er, wie Schiller meint, einen eigenen unverfügbaren Kern, der ihm in einer schwierigen Lebensphase Halt geben kann. Ich verlor meine Frau und später auch meine Freundin an je einem Krebs. Damals schaute ich oft zum stummen Hiob und erinnerte mich an seine Geschichte. Ihm wurde alles genommen, so dass er an Gottes Güte zweifelte und haderte, er habe die Strafe des Allmächtigen nicht verdient. Ich war in meinem Denken weiter als Hiob. Ich wusste, dass ich aus eigener Kraft die Hand wieder heben musste.

Die zweite Skulptur ist eine Stele von einer Höhe von ca. einem Meter dreissig. Es handelt sich um eine viereckige Säule, die maschinell gefertigt wurde. Sie ist signiert mit R. Knöll 1989. Diese Figur ist ein stilisiertes Gegenbild des Hiob. Auf der viereckigen, fein geschliffenen Säule sitzt ein als Würfel gefertigter Kopf. Dieser wiederum thront auf einem gefächerten Kragen, darunter zieht ein gekrümmter Bauch nach unten, über den sich eine Art goldfarbige Epaulette schwingt. Es handelt sich um ein Hoheitszeichen, wie es Offiziere und Kapitäne auszeichnet. Der Künstler hatte sich offenbar einen erfolgreichen Mann vorgestellt. Im Unterschied zu Prähausers Hiob lebt die Figur nicht. Sie wirkt erstarrt. Die Epauletten symbolisieren den Stolz. Ich bezeichnete die Figur schon beim Kauf als «Holzkopf».

Dieser Holzkopf sollte mich stets daran erinnern, dass ich Gefahr laufen konnte, meinen Kopf hoch zu tragen und in meinem Amt zu erstarren. Auch sollte er mich daran erinnern, dass ein politisches Amt eine Rolle auf Zeit darstellt. Bald schon, wenn ein Amtsträger zurücktritt, kann er mit den alten Römern sagen: «Sic transit gloria mundi», Glanz und Ruhm der Welt vergehen; und hohe Würdenträger sind wieder gewöhnliche Menschen. Ich habe die beiden Figuren von Zeit zu Zeit meditiert, um mir im Alter nicht vorwerfen zu müssen: «Du bist ein hadernder Hiob und ein sturer Holzkopf geblieben!»

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