FrontKulturEine Utopie wird zerstört

Eine Utopie wird zerstört

Die Libanesin Mounia Akl hat mit ihrem Erstlingsfilm «Costa Brava, Lebanon» eine Analyse der Situation im Land, das sensible Psychogramm einer Familie ob Beirut und das Gleichnis eines Überlebensversuchs in einer destruktiven Welt geschaffen. Ab 3. Februar im Kino.

Walid ist mit seiner Frau Souraya, ihren Töchtern und der kranken Mutter aus dem in Müll und Korruption versinkenden Beirut ausgezogen und hat der Familie in den Hügeln fernab der Hauptstadt ein kleines Paradies geschaffen. Dort leben sie mitten in Olivenhainen, bewirtschaften ihren Garten und geniessen das Leben, bis die Regierung direkt vor ihrem Haus Müll ablagert.

Feinfühlig schilder «Costa Brava, Lebanon» den Alltag der Familie Badri in der anfänglich heilen, schliesslich prekären Situation. Die 16-jährige Tala entwickelt sich derweil zur Frau, während die 9-jährige Rim kindlich ihre Welt entdeckt und die lungenkranke Grossmutter Zeine von der frischen Luft profitiert. Die Utopie wird mit der Mülldeponie unterhalb ihres Geländes und der Explosion im Hafen von Beirut, wo Korruption herrscht, gewaltsam beendet. Ihnen – und uns – stellt sich die Frage: Was lässt sich in der Dekadenz einer korrupten Welt überhaupt noch tun?

Die Eltern trifft der Umbruch im Innersten

Mounia Akl, die Regisseurin, führt uns in ihren Film ein

Im Libanon aufwachsend, war ich von Chaos und Poesie umgeben. Das Land stand immer am Rande einer Apokalypse, was uns dazu veranlasste, in der Gegenwart zu leben und niemals ruhig zu schlafen. Das galt sowohl für meine Familie als auch mein Land. Ich war oft von Menschen in extremen Zuständen umgeben und entwickelte eine Faszination für menschliche Schwächen und die Wahrheit, die in Zeiten persönlicher Tragödien ans Licht kommt. Und ich begann zu beobachten, mit welchen Mitteln wir uns wappnen, um das Trauma zu bekämpfen, und dabei oft auf Ausbrüche oder Verleugnung setzen.

Dichotomie ist das, was der Libanon ist und was ich geworden bin. Diese Zweiteilung hat unsere Gesellschaft ad absurdum geführt und die Menschen dazu gebracht, ihre Häuser vor der Realität zu schützen, die zu schmerzhaft ist, als dass sie ertragen werden kann. Dieses Denken in extremen Kategorien hat uns aber auch mit grenzenloser Fantasie, Humor und einer unmittelbaren Lebenserfahrung ausgestattet.

Heute ist selbst diese Flucht nicht mehr möglich. Dieser Zwiespalt ist in unsere Herzen eingedrungen. Im Film «Costa Brava» versuche ich, die Struktur einer Familie zu zeigen, in der Hoffnung, dass er die Struktur unserer ganzen Gesellschaft widerspiegelt. Das Ideal der Familie Badri, rein zu bleiben, indem sie die Gesellschaft verschmäht, ist eine eskapistische Fantasie. Doch aus dem Bruch und der Zwietracht erwächst für die Familie und für den Libanon die Chance, sich mit klarem Blick für Wahrheit und Mitgefühl neu aufzubauen.

Drei weibliche Sichten auf die Welt

Familiensage und Welttheater

Die Filmemacherin nützt die Perspektiven ihrer Figuren, um die Vielfalt der Wahrnehmung zu zeigen und durchzuspielen. Die Mitglieder der Familie sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wieder mit der Gesellschaft in Beirut in Kontakt zu treten oder in ihrer Autarkie mitten in der Natur zu verweilen. Sie müssen sich entscheiden: Widerstand oder Flucht?

Eine Stärke von «Costa Brava» liegt darin, so finde ich, dass er nicht bloss ein Thema abhandelt, sondern uns das Innenleben aller Familienmitglieder mit ihren verschiedenen Themen erleben lässt, in schönen Bildern von Joe Saade, dem eindrücklichen Spiel der Darstellerinnen und des Darstellers und der einfühlsamen Führung der 1989 geborenen Schauspielerin und Regisseurin Mounia Akl.

Eine weitere Qualität des Films besteht wohl darin, dass er im Mikrokosmos der Familie Badri mit der Explosion im Hafen von Beirut, den Stimmen der Demonstrierenden und die offensichtliche Korruption, welche die Geschichte Libanons prägt, einen Makrokosmos durchscheinen lässt.

So wird der Film schliesslich zu einer vielschichtigen, welthaltigen Metapher für die Widersprüche unserer heutigen Gesellschaft, die einerseits den Zynismus der Herrschenden und andererseits die Resignation der Beherrschten verdeutlicht.

Rim, die jüngste auf dem Set, entdeckt die drohende Zukun

Die Personen und ihr Hintergrund

Souraya, 43, war eine berühmte Sängerin und Aktivistin, die mit ihrer Musik durch die Welt tourte. Walid begegnete sie in der Zeit ihres Burnouts, als sie sich von den Exzessen ihres Lebensstils lösen musste. Er zeigte ihr einen gesünderen Weg, indem er sie mit der Natur und dem Familienleben vertraut machte. Walid war es, der sie davon überzeugte, dass der Kampf um das Land verloren sei. Der Bau der Mülldeponie ist für sie jedoch eine Begegnung mit der Aussenwelt, die sie an die Frau erinnert, die sie war und die sie heute vermisst.

Walid, 45, ein Idealist, einst ein Hypochonder, der zum Misanthropen wurde. Nachdem er sich mit Leib und Seele für sein Land eingesetzt hatte, ist er nun an einem Punkt, an dem er die Hoffnung aufgibt. Jetzt glaubt er, dass die Welt und das Land zu verkommen sind, als dass es sich lohnt, weiter dafür zu kämpfen. Er entscheidet sich, lieber in einer Blase zu leben, auf der Suche nach neuen Idealen und einer grösstmöglichen Selbstständigkeit, frei von Korruption, mit der Familie auf einem paradiesischen Landsitz in den Bergen.

Rim, 9, ist hier geboren und hat noch keine andere Welt gesehen. Sie ist das perfekte Ergebnis der Utopie ihres Vaters und die Königin seines Reiches. Sie würde alles tun, um es zu schützen, und hat die Angst ihres Vaters vor der Aussenwelt verinnerlicht, die sich in zwanghaftem Verhalten äussert. Sie ist nicht zu bändigen und akzeptiert kein Nein als Antwort.

Tala, 17, war sieben, als die Familie aus Beirut wegzog. Sie ist introvertiert und hat viele Fragen über die Welt und die Vergangenheit ihrer Mutter. Sie sehnt sich nach der Anerkennung ihres Vaters und wünscht sich eine Beziehung, wie Rim sie zu ihm hat. Als die Mülldeponie ausgehoben wird und Tala regelmässig Bauarbeiter hantieren sieht, kommt ihre aufkeimende Sexualität zum Vorschein.

Zeina, 79, ist Walids Mutter und er ihr Liebling. Die beiden haben eine enge Beziehung, die tiefer wurde, als sein gewalttätiger Vater gestorben war und ihre Gesundheit sich verschlechterte. Sie bringt mit ihren ständigen Klagen über das grüne Leben und ihrer fixen Idee, in ihr soziales Leben in Beirut zurückkehren zu wollen, Humor ins Haus.

Alia, 39, Walids Schwester, lebt seit 15 Jahren in Kolumbien, wo sie im Finanzwesen tätig ist. Sie steht für all jene Libanesinnen und Libanesen, die ihr Land mit gebrochenem Herzen verlassen haben, um sich anderswo ein stabileres Leben aufzubauen. Doch überall, wo sie lebt, fühlt sie sich vertrieben.

Die Zukunft vor der Tür

Zwei Filme zum Vergleichen mit «Costa Brava, Lebanon»

Ein anderer Film aus dem Libanon ist «Capharnaum – Stadt der Hoffnung», ein Aufschrei aus dem Chaos: Die libanesische Regisseurin Nadine Labaki hat mit «Capharnaum» durch die Augen eines Kindes geschaut und eine erschütternde, provozierende Anklage an die Gesellschaft geschaffen, deren Protest jedoch weltweit kaum gehört wurde.

Vom Thema der Enteignung handelt «This Is Not A Burial, It’s A Resurrection», eine Meditation über Tod und Geburt: Der aus Lesotho stammende Lemohang Jeremiah Mosese erzählt in «This Is Not A Burial», wie ein Dorf für ein industrielles Grossprojekt überflutet werden soll, wogegen sich eine alte Frau wehrt.

Titelbild: Im Vordergrund die Idylle, hinten der Blick zum drohenden Ende

Regie: Mounia Akl, Produktion: 2021, Länge: 106 min, Verleih: trigon-film

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