FrontKulturSwiss Orchestra – ein mutiger Schritt

Swiss Orchestra – ein mutiger Schritt

Im Herbst 2019 ging die junge Schweizer Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer mit ihrem «Swiss Orchestra» erstmals auf Schweizer Tournee, dann kam der Corona-Lockdown. Nun startet sie als neue Intendantin von Andermatt Music wieder durch.

In den letzten Jahren war Andermatt oft in den Medien, der Grossinvestor Samih Sawiris hat hier, nahe am Abgrund zur Schöllenenschlucht, ein luxuriöses Ferienresort samt Golfplatz gebaut, wobei er auch mächtig in den Ausbau der Ski-Infrastruktur investierte. Zu diesem «Feriendorf» im Dorf gehört auch die Andermatt Konzerthalle, ein Neubau der Architektin Christina Seilern. Sie wurde vor einem beeindruckenden Panorama errichtet und ist mit 650 Sitzplätzen gross genug für Orchesterkonzerte.

Schweizer Orchester gibt es so nicht

In diesem höchstgelegenen Konzerthaus der Schweiz ist neuerdings auch das «Swiss Orchestra» «in residence», ein grosses Sinfonieorchester, das Lena-Lisa Wüstendörfer 2018 als Tourneeorchester gegründet hat. Es war ein mutiger Schritt, denn in der Schweiz ist die Förderung der Orchester kantonal und städtisch geregelt, einem «Swiss Orchestra» fehlt deshalb die kulturpolitische Heimat.

Lena-Lisa Wüstendörfer dirigiert in der Tonhalle Zürich das «Swiss Orchestra». (Dominic Buettner)

Doch manchmal kann eine Portion jugendlicher Übermut nicht schaden, gerade in der Schweizer Musiklandschaft. Wie kam Wüstendörfer darauf, gleich selber ein Sinfonieorchester mit 50 bis 70 Mitgliedern zu gründen? «Ich bin bei Konzerttourneen ins Ausland, vor allem nach Asien, oft gefragt worden, ob ich nicht ein Werk eines Schweizer Komponisten mitbringen und dirigieren könne,» erzählt die international gefragte Gastdirigentin. «Und ich war jedes Mal wie vor den Kopf gestossen, weil mir nur ganz wenige Werke einfielen, schon gar nicht aus der Klassik und Romantik.»

Suche nach vergessenen Schweizer Werken

So machte sich Wüstendörfer, die auch Musikwissenschaft studiert hat, in den Schweizer Archiven und Bibliotheken auf die Suche und fand überraschend viele und interessante Stücke. Musikwissenschaftlern sind Namen wie August Walter, Jean Baptiste Edouard Dupuy, Hans Huber oder Johann Carl Eschmann sehr wohl ein Begriff, haben diese doch das Schweizer Musikleben zu ihrer Zeit stark geprägt. Im Konzertsaal gespielt werden deren Werke jedoch nur selten.

Die junge Dirigentin in Aktion. (Dominic Buettner)

Überzeugt von der Qualität und Originalität dieser Schweizer Musik, wollte Wüstendörfer das ändern und gründete dafür ihr «Swiss Orchestra». Die Schweizer Orchestermusik aus Klassik und Romantik ist dessen künstlerisches Programm, und das mit Erfolg. Denn Wüstendörfer programmiert dazu stets populäre Stücke grosser Klassiker wie Beethoven, Brahms oder Mozart, zudem engagiert sie erstklassige Solisten.

Am Eröffnungswochenende in Andermatt tritt etwa die französische Star-Pianistin Hélène Grimaud in einem Solorezital auf, und im Sinfoniekonzert spielt die russische Geigerin Alina Pogostkina Mozarts 5. Violinkonzert. Neben der 7. Sinfonie Beethovens ist zudem die «Ouvertüre in d-Moll» des in Luzern geborenen Frühromantikers Franz Xaver Schnyder von Wartensee zu hören. Das vor Spielfreude sprühende Frühwerk entstand 1818 in den ersten Frankfurter Jahren des Komponisten.

Erfolgreicher Start und Corona-Schock

Das «Swiss Orchestra» war bereits bei seiner ersten Tournee im Herbst 2019 auf ein überraschendes Echo gestossen. «Natürlich traten wir zum ersten Mal auf, dennoch war es erstaunlich», weiss Lena-Lisa Wüstendörfer zu berichten. «Die Tonhalle MAAG in Zürich war fast ausverkauft. In Genf hatten wir zwar zuerst grosse Bedenken, weil der Vorverkauf schlecht lief. Doch an der Abendkasse standen die Leute Schlange. Das Parterre der grossen Victoria Hall war sehr gut besetzt, das hat uns enorm gefreut und motiviert.»

Weltbekannt und am nächsten Wochenende in Andermatt: die Pianistin Hélène Grimaud. (Mat Hennek)

Doch dann kam der harte Corona-Lockdown, 2020 konnten die beiden geplanten Schweizer Tourneen nicht mehr stattfinden. Eine unglaublich frustrierende Sache für so ein junges, aufstrebendes Sinfonieorchester. Doch von Aufgeben keine Spur! Wüstendörfer organsierte mit ihrem Team kurzerhand die erste CD-Produktion mit dem «Swiss Orchestra», in Zusammenarbeit mit Radio SRF 2 Kultur. Auf dieser Debut-CD sind Joachim Raffs (Lachen,1822-1882) «Traumkönig und sein Lieb» eingespielt, und die «Sinfonie in Es-Dur» op. 9 von August Walter (Basel, 1821-1896).

Sympathisch ist auch, dass Wüstendörfer ihre Orchesterkonzerte selber moderiert, und das locker und charmant. Das schauspielerische Talent hat sie wohl von ihrem Vater geerbt, Edzard Wüstendörfer (1925-2016) war viele Jahre Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. In Andermatt hat Wüstendörfer für ihr unkonventionelles «Swiss»-Projekt einen idealen Wirkungsort gefunden. Von hier aus geht sie mit ihrem Orchester auch weiterhin auf Tournee.

Konzerte zum Saisonauftakt:
Fr, 4. Feb, 19.30 h Sinfoniekonzert Swiss Orchestra / Sa, 5. Feb, 19.30 h Solistenabend mit Hélène Grimaud / So, 6. Feb. 16.30 h «Stubete» mit Gläuffig & Friends. www.andermattmusic.ch

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