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Das Ende herbeisehnen oder fürchten

«Das Ende denken», dieser Titel steht über den aktuellen Ringvorlesungen des Collegium Generale der Uni Bern. Es geht um das Ende aus verschiedensten Perspektiven.

In bestimmten Momenten – der aktuellen Pandemie beispielsweise – wünschten wir, das Ende wäre da. In anderen Situationen löst das Ende eher Angst aus. «Der Mensch ist das Wesen, das ans Ende denken kann. Wie denkt, wie konzipiert der Mensch das Ende, wie geht er damit um», fragt Claus Beisbart, Physiker und Philosoph an der Universität Bern, in seiner Einführung.

Untersucht werden Konzepte, historische Vorstellungen, positive und negative Gefühle angesichts eines Endes. Wie wird das Lebensende gestaltet? Was zerbricht, wenn eine Beziehung endet? Wie endet eine geschichtliche Epoche oder eine biologische Art? Welche Vorstellungen über das Ende der menschlichen Zivilisation finden wir in der Literatur?

Alle Vorträge sind frei zugänglich. Sie werden als Videopodcast aufgenommen, so dass Interessierte, die nicht den Weg nach Bern auf sich nehmen wollen, den gewünschten Vortrag anschliessend nachverfolgen können. (Alle Angaben am Schluss)

Wann ist eine Pandemie zu Ende?

Im Anfangsvortrag sprach Christian Althaus nicht nur über die aktuelle Frage zum Ende der Sars-Cov-2-Pandemie, sondern grundsätzlich darüber, wie Wissenschaftler Pandemien und ihr Ende bestimmen. Am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern arbeitet Althaus mit computergestützter Modellierung zur Beurteilung des Pandemie-Verlaufs. In seinem Vortrag gab es eine ganze Menge Kurven zu sehen. Und, um das vorwegzunehmen: Je gleichmässiger und flacher die Kurvenausschläge der Infektionszahlen über eine längere Periode werden, desto näher kommt das Ende einer Pandemie.

So konnte Claus Beisbart mit gutem Grund feststellen: «Heute ist ein guter Zeitpunkt, um über das Ende der Pandemie nachzudenken.» Unser heutiges Verständnis von Pandemien, erklärt Althaus, beruht auf dem, was wir aus der Pandemie 1918/19 wissen, der berühmten sogenannten Spanischen Grippe. Diese wirkte auch deshalb so verheerend, weil die Menschen durch die vier Jahre des 1. Weltkriegs sehr geschwächt waren.

Die Schrecken der Pandemie tauchten immer wieder auf.

Von früheren Pandemien gibt es Zeugnisse. Medizinhistoriker kennen eine «Pest» im spätrömischen Reich 165 – 180 n. Chr. – es war eventuell eine Pockenpandemie. Die «Justinianische Pest» wütete von 527 – 565 n. Chr. Die Schwarze Pest (zwischen 1346 und 1353) ist über Jahrhunderte im Gedächtnis der Völker geblieben. Vergessen gingen die sechs Cholera-Pandemien im 19. Jahrhundert. Darauf folgten Influenza-Pandemien, Atemwegserkrankungen: 1890 die «Russische Grippe» und 1918/19 die «Spanische Grippe», die diesen Namen zu Unrecht trägt, denn der erste dokumentierte Fall stammt aus Kansas USA.

Der Heilige Sebastian wurde besonders gegen die Pest zu Hilfe gerufen. Unten sieht man Kranke im Todeskampf und Leichen, die weggetragen werden. / Walters Art Museum /commons.wikimedia.org

Epidemiologen in der Schweiz benennen die Periode zwischen der Spanischen Grippe und der aktuellen Pandemie als «Katastrophenlücke». Als Folge waren die Erfahrungen, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hat, weitgehend verloren gegangen.

So mussten wir den Begriff Übersterblichkeit, d.h., die Zahl der Toten, die den Durchschnitt übersteigt, zuerst wieder lernen. Die aktuelle Pandemie verursachte die höchste Übersterblichkeit seit 1919. Althaus erwähnt, dass der Erreger der Russischen Grippe (1890) seinen Ursprung in Zentralasien, eventuell in Sibirien, hatte, es war ein Virus, das von Vögeln und Schweinen auf den Menschen übergesprungen war. An dieser Grippe erkrankte laut Statistik eine ungewöhnlich grosse Zahl der Zürcher Bevölkerung, aber die Öffentlichkeit wurde der Krankheit gegenüber zunehmend gleichgültig. Alte Menschen waren für diese Influenza-Variante besonders anfällig. Dieses Virus war demjenigen von Sars-CoV-2 sehr ähnlich. Deshalb erstaunt es nicht, dass 1890 ebenfalls Post-Influenza-Erkrankungen auftraten.

Vergessenes Wissen über den Umgang mit Pandemien

Die Spanische Grippe verlief in zwei bis drei Wellen mit unterschiedlichen Todeszahlen, Kleinkinder waren sehr stark betroffen. Aus heutiger Sicht müssen die Fachleute feststellen, dass die Spanische Grippe einen worst case in der Pandemiebekämpfung darstellte. Es fehlte damals wohl an allem. Trocken stellt Althaus fest, dass der Kampf gegen die Pandemie 2019/20 aus Expertensicht ebenfalls sehr unglücklich begann. Trotz der Kenntnis über die verheerende Spanische Grippe beging man wieder die gleichen Fehler: Öffnungen wurden zu früh beschlossen.

Begräbnis für Pestopfer in Tournai. Détail einer Miniatur aus «Chroniques et annales de Gilles le Muisit, abbé de Saint-Martin de Tournai», Bibliothèque royale de Belgique / commons.wikimedia.org

In den 1950-60er Jahren gab es weniger ausgeprägte Influenza-Pandemien. Auch die sogenannte Schweinegrippe verlief weniger heftig als befürchtet. In Langzeitstudien erkennt man, dass unterschiedliche Altersgruppen, die früher schon in Kontakt mit diesen Viren gekommen waren, weniger von Sterblichkeit betroffen waren. Die Schweinegrippe führte dazu, dass 2010 eine Revision des Schweizer Epidemiegesetzes vorgenommen wurde, mit Anpassungen an den neuen Wissensstand. Auch damals gab es schon Gruppen in der Bevölkerung, die dieses Epidemiegesetz ablehnten. Durch den Beschluss dieses Gesetzes erhielt die Schweiz einen Planungsvorsprung, was die Vorsorge betrifft. Aber: Die Wissensgrundlage beruhte auf Influenzaviren – im Gegensatz zu den aktuellen Coronaviren.

Kommt nun das Ende der Pandemie?

Jede Pandemie bedeutet eine anhaltende Belastung des Gesundheitssystems. Auch im nächsten Winter müssen wir noch einmal mit angespannten Situationen rechnen. Trotzdem prophezeit Althaus am 23.2.2022: Der 1. April 2022 wird aus gesellschaftlicher Sicht das Ende der Pandemie sein. Länger bestehen werden Probleme mit Long Covid.

Das Virus bleibt wahrscheinlich potentiell vorhanden. Evolutionsbiologisch betrachtet geht es darum, in ständigen Untersuchungen zu beobachten, wie sich die Virulenz eines Virus verändert, wie gravierend die Menschen erkranken.

Die Mathematiker Leonhard Euler und Daniel Bernoulli

Schon im 18. Jahrhundert hatte Daniel Bernoulli in Basel zusammen mit seinem Freund Leonhard Euler Differenzialgleichungen ausgearbeitet, um zu berechnen, welchen Nutzen die Vorform eines Impfstoffes für die französische Bevölkerung haben könnte. Erstmals wurde Mathematik für gesundheitsökonomische Berechnungen angewandt.

Zum Verständnis, wie Pandemien sich ausbreiten, wurden viele Forschungsarbeiten publiziert. Mit wachsender Immunität sinkt die Reproduktionszahl. Nach mehreren Wellen mit hohen Ausschlägen der Kurve kommt das System in ein endemisches Gleichgewicht. Eine Pandemie ist beendet, wenn sich die Zahl der Infizierten nur geringfügig ändert. Je länger die Immunität anhält, desto besser für das endemische Gleichgewicht. Durch den Wechsel der Jahreszeiten entstehen saisonale Muster.

Der zukünftige Verlauf unserer Pandemie wird erst in einigen Jahren erkennbar, abhängig von Immunität und Impfintensität. Dazu kommt der Einfluss der Virusvarianten, der nicht im Voraus bestimmt werden kann. Schliesslich wird auch diese Pandemie ein Teil der Geschichte der Schweiz werden.

Collegium Generale der Universität Bern
Ringvorlesungen
Portrait Christian Althaus

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