FrontKulturMusikalische Machtspiele

Musikalische Machtspiele

Was passiert, wenn ein vom Ehrgeiz zerfressener Chordirigent seine Sängerinnen und Sänger bis aufs Blut schikaniert und drangsaliert? Im  Komödienklassiker «Chorprobe» von Dietmar Bittrich können im Berner Mundarttheater Matte diverseste Reaktionen und Interaktionen beobachtet werden.

Zwei Damen, zwei Herren und ein Dirigent treffen sich wöchentlich im Hinterzimmer eines Schweizer Wirtshauses zur gesanglichen Erbauung. Die Chorproben gehen so lange gut, bis der Dirigent seinen Sängerinnen und Sängern von einem besonderen Plan erzählt: Zu Ehren des Stadtpräsidenten will er vor viel Prominenz ein Konzert zum Besten geben. Eine Livesendung des Fernsehens verspricht zusätzlich Aufmerksamkeit und Ehre. Der Wunsch nach Ruhm, gepaart mit der Aussicht auf eine Reise in die Karibik als Prämie, lässt den Ehrgeiz der fünf Personen ins Grenzenlose steigen.

Dirigent Werner vergisst vor lauter Ehrgeiz die Grenzen des Anstandes.

Werner, der Dirigent (Michael Enzler), steigert sich nach und nach in musikalische Machtspiele. Er stachelt den Chor mit immer neuen Schikanen zu Höchstleistungen an. Die musikalischen Kapriolen werden verrückter und absurder. Die Grenzen zu Manipulation und Erniedrigung sind fliessend. In seinem blinden Ehrgeiz spürt sich der gnadenlose Maestro nicht mehr.

Einmal lobt er die «lieben Gesangsfreunde», dann kritisiert, ja erniedrigt sie rücksichtslos. Dem Bassisten wird der Gang aufs Klo verweigert, während die Altistin die während der Probe gestrickten Maschen auflösen muss. Im Laufe der eskalierenden Proben gelingt es dem Dirigenten, die «lieben Gesangsfreunde» bis zur Selbstaufgabe zu unterwerfen, bis diese schliesslich glauben, dass sie nur für den selbsternannten Diktator singen.

Die Sängerinnen und Sänger werden so gleichzeitig zu Komplizen und Konkurrenten, je nachdem, welchen Faden der Demütigung oder Unterdrückung ihr Chorleiter gerade zieht. Es werden Intrigen geschmiedet, unbarmherzig wird kontrolliert und denunziert. Die Inszenierung (Regie: Gian Pietro Incondi) ist schnell, witzig und musikalisch überraschend.

Tenor Eric bewegt sich zwischen Unterordnung und Allüren.

Als der Dirigent kündigt und unter wüsten Drohungen den Saal verlässt, macht sich der Tenor für kurze Zeit zum Stellvertreter. Eric (Michael Schoch) fühlt sich zu mehr geboren als nur in einem Chor zu singen. Wenn er die Augen schliesst, hat der Schönling das Gefühl, wie Luciano Pavarotti oder Plácido Domingo auf einer Bühne zu stehen und aus tiefster Brust eine Arie zu singen. Wenn er die Augen öffnet, dann sitzt er nur in einem Laienchor. Zu mehr hat er es nicht gebracht.

«Das Spannende an meiner Rolle ist es, eine Balance zu finden zwischen sich dem Dirigenten unterzuordnen und gleichzeitig seinen Platz einzufordern», beschreibt der Berner Schauspieler seine Rolle. Für den ausgebildeten Musiker Schoch scheint diese Herausforderung auf den Leib geschrieben zu sein: «Wenn ich als Schauspieler Musik mache, dann ist das die perfekte Symbiose.»

Sopranistin Barbara träumt von einer Weltkarriere.

Die Sopranistin Barbara (Sonja Nydegger) verfügt über eine ausgebildete Stimme. Sie versucht, sich mit einer Rose beim unberechenbaren Dirigenten einzuschmeicheln, blitzt aber ab. Mit guter Laune und motivierenden Sprüchen hält sie ihre Mitsängerin und die Mitsänger bei Laune. Ihr Markenzeichen: Exzessives Gähnen verrät, dass sie nachts zu wenig schläft, aber trotzdem immer präsent sein möchte. Auch Barbara träumt von einer Weltkarriere als Sängerin und liebt Schokolade über alles.

Bassist Reto hat einen Zapfen verschluckt. Er wirkt wie ein Getriebener.

Der Bassist Reto (Res Aebi) ist der Schwerfälligste im Quartett. Im karierten Hemd, einem biederen Pullover, braunen Manchesterhosen und einer Musterschüler-Brille wirkt er wie ein verklemmter Theologiestudent. Reto versucht, während den Proben nicht anzuecken, ist einmal laut, dann wieder scheu und benimmt sich wie ein Getriebener.

Gisela, die Altistin, lernt zu singen und sich durchzusetzen.

Die Altistin Gisela (Cornelia Grünig) schliesslich strickt pausenlos, macht auf angepasst, wehrt sich immer dann, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt und lernt im Laufe der Proben, sich in das Ensemble zu integrieren.

Zwischen Lachen und Entsetzen

«Chorprobe» beschreibt das Innenleben eines Quartetts, wie es sich im gemischten Chor, im Kirchenchor oder im Jodlerclub irgendwo im Schweizer Land abspielen könnte. Die absurden Reaktionen auf der Bühne sorgen dafür, dass die Stimmung im Saal zwischen Lachen und Entsetzen hin- und herpendelt.

Dem Stücktitel «Chorprobe» hat der deutsche Autor Dietmar Bittrich einen zweiten Titel beigefügt. Er nennt es «Farce in zwei Aufzügen». Das Wort ‹Farce› stammt ursprünglich aus der Küchensprache und bezeichnet eine «Füllung aus kleingehacktem Fleisch». In der Theatersprache versteht man unter dem Begriff ‹Farce› eine ‹drastische Komödie›. «Chorprobe» ist tatsächlich eine drastische Komödie mit viel menschlicher Tragik.

Wie geht der Mensch mit Macht um? Jeder und jede hat darauf eine eigene Antwort.

Der Dirigent geht äusserst geschickt vor, um sich den störrischen Chor zu unterwerfen. Die Sängerinnen und Sänger folgen ihm mit der Zeit blind. Wohin? – Das weiss niemand so genau. Wie und warum? – Das wissen sie genauso wenig.

Für das Publikum ergeben sich aus dem Geschehen einige interessante Fragen: Wer, wie und was führt zum Ziel? Welches Ziel? Braucht es dafür einen Chef, eine Chefin, einen Führer, eine Führerin? Braucht es Zuckerbrot oder Peitsche? Ist Drohung oder Verführung das richtige Mittel? Wie geht der Mensch mit Macht um? Mechanismen kommen ans Licht, die eine Gemeinschaft trennen, aber auch vereinen.

Getragen wird die sozialkritische <Farce> vom Gesang der Protagonisten. Singen kann heilen und Schmerzen lindern. Unter fachkundiger Anleitung wurden im Theater Matte romantische Balladen, bekannte Ohrwürmer und überraschende Rhythmen einstudiert. Regisseur Incondis Ziel war es, dass die Musik wohltuend, aber auch überraschend klingt. Und das tut sie. Die vierstimmigen Gesangseinlagen wirken unterhaltend, harmonisch und ausgewogen.

Interessant ist, wie gut die Überdrehtheit, die Absurdität und Exzentrik der Inszenierung in der Berner Matte ankommt. Das Publikum leidet und lacht mit. Zwischenapplaus belegt, dass man die Pointen und Songs versteht und geniesst.

Unterschiedliche Publika

Ganz anders wurde zur Jahreswende die exzentrisch überdrehte Produktion der klassischen Komödie «L`Affaire de la Rue Lourcine» im «Theater an der Effingerstrasse» aufgenommen: Nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer verliessen in der Pause enttäuscht das Theater und äusserten sich anschliessend in öffentlichen Kommentaren negativ zur «übertriebenen und schrillen Inszenierung» des Silvesterstücks.

So unterschiedlich sind offenbar die Geschmäcker der Publika in den beiden Berner Theaterhäusern.

Titelbild: Der Wunsch nach Ruhm, gepaart mit der Aussicht auf eine Reise in die Karibik als Prämie, lässt den Ehrgeiz der fünf Personen nach und nach ins Grenzenlose steigen. Alle Fotos: Rolf Veraguth

Theater an der Effingerstrasse: Temporeich, schrill und überdreht – Seniorweb 9.12.2021

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