FrontKolumnen«Unsere Welt neu denken»

«Unsere Welt neu denken»

Wiederholt durfte ich erfahren, dass zahlreich auch jüngere Jahrgänge zur Leserschaft des Seniorweb gehören. Erfreulich für Jung und Alt!  Gewiss, jede Generation hat ihre eigenen Merkmale. Die Babyboomer – geboren zwischen 1946-1964 – brachen rebellisch das Schweigen, während die Generation Z (1997-2021) sich angepasst und behütet zurück zum «Mittelfeld» bewegt. Die «Generationen» lassen sich somit immer weniger voneinander abgrenzen: Es findet zunehmend ein gemeinsames Handeln statt. Themen wie Klimakatastrophe, Coronapandemie und der aktuelle Krieg gegen die Ukraine bestimmen die Denkweise, gelegentlich natürlich auch in der Differenzierung der Detailbeurteilung. Und Personen aus Politik und Gesellschaft sowie die zunehmende Digitalisierung haben mehr Einfluss auf die Gruppenbildung als das Geburtsjahr. Für alles, was derzeit die Welt tangiert und beschäftigt, kann folglich nie X eine Generation verantwortlich gemacht werden. Lösungen, Schuld und Fehlleistungen werden eher im politischen und unternehmerischen Umfeld gesucht?

Die Zeiten ändern sich stets: Internet und neue Medien führen die Generationen und die Welt zusammen und ermöglichen heute eine Politik und Denkweise auf Augenhöhe; auch zwischen Jung und Alt. Alle Generationen interessieren sich für Politik und Demokratie, wenn sie selbst etwas davon haben und ihr Engagement nicht folgenlos bleibt. Soziale Medien sind in der Schweiz eher noch politikfreie Räume, so natürlich auch unser Seniorweb, das mit seiner Thematik und «Denkweise» letztlich alle Generationen anspricht. Selbst in Kolumnen und Beiträgen, die auch von Politikerinnen und Politikern ausser Dienst verfasst werden. Junge Menschen sind heute glücklicherweise betont zielstrebig, ehrgeizig und weniger anfällig für Ideologien, haben aber gelegentlich mehr Mut, gegen Fehlleistungen des Establishments zu kämpfen und gegen die herrschenden Zustände auf die Barrikaden zu steigen, und verstehen es treffend, die Leistungen und Fehler der Vätergenerationen korrekt einzuschätzen.

Einerseits geht es uns so gut wie nie, andererseits zeigen sich Verwerfungen, Zerstörungen – so auch der Putin-Krieg gegen die Ukraine – und Krisen, faktisch in allen Teilen der Welt. Um unseren Globus steht es keineswegs optimal. Ob Umwelt oder Gesellschaft; gleichzeitig sind unsere Systeme unter Stress geraten. Zumindest seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie ist eines mehr als offenkundig: Die Welt ist engstens vernetzt. Wir sitzen alle im selben Boot – wenn auch nicht in der gleichen Position – und bilden eine globale Schicksalsgemeinschaft. Entweder wir gehen gemeinsam unter oder wir schaffen es, die grössten Herausforderungen wie die Klimakrise und den Erhalt unserer Biosphäre gemeinsam anzugehen.

Noch gibt es dafür leider kein die Welt umspannendes Bewusstsein. Wie lässt sich das ändern? Wir ahnen: So wie es ist, wird und kann es nicht bleiben. Wie finden wir zu einer Lebensweise, die das Wohlergehen des Planeten mit dem der Menschheit versöhnt? Wo liegt der Weg zwischen Verbotsregime und Schuldfragen auf der einen und Wachstumswahn und Technikversprechen auf der anderen Seite?

Diese Zukunft neu und ganz anders in den Blick zu nehmen – darin besteht die aktuelle und künftige Herausforderung. Die Politökonomin Maja Göpel hat mit ihrem Buch «Unsere Welt neu denken» (2020) einen Bestseller veröffentlicht, der seit über zwei Jahren fortlaufend an Interesse gewinnt. Das neu gegründete «New Institute», dem die Autorin vorsteht, will denn auch genau dies: ganz neu und anders denken. Die Wirtschaft umkrempeln, sodass die Natur nicht länger ausgebeutet wird. Ein neues «Wir» hervorbringen, das Grenzen überwindet und dennoch lokale Verwurzelung ermöglicht.

Es ist bemerkenswert und erfreulich, dass ein Sachbuch mit überwiegend komplexen Wirtschaftsthemen seit über zwei Jahren als wahre «Bibel» der korrekten Lebensweise und Lösungsfindung gilt!  Es liegt wohl daran, dass Göpel die komplexen Sachverhalte verständlich analysiert und einen Weg zwischen Wertung und wissenschaftlicher Analyse aufzeigt. Selbst «komplexe» Probleme wie den «Rebound-Effekt» erklärt die Autorin anschaulich und entlarvt diesen als «eines der am meisten unterschätzten Hindernisse auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaftsweise»: nämlich, dass technologischer Fortschritt keineswegs die Ressourcen schone. Weitermachen wie bisher, nur effizienter – das funktioniere nur in Reden, so Göpel. Als Beispiel nennt sie einen 2,5 Tonnen schweren Elektro-SUV, der bei seiner Herstellung so viel CO2 produziere wie ein herkömmlicher Diesel bei 200.000 Kilometern Fahrt.

Maja Göpel zeigt überdeutlich auf, dass es letztlich auch um Freiheit, Demokratie, Wohlstand, Armut und Migration geht: «Heute wissen wir, der Kuchen kann nicht immer weiterwachsen. Dass jeder unterm Strich ständig mehr hat, geht nicht auf. Also müssen wir uns fragen, wie wir den Kuchen anders backen und verteilen. Unser Wohlstand darf nicht die Ursache für die Armut anderer Menschen sein, unsere Freiheit nicht der Grund dafür, dass andere ihre Heimat verlassen müssen.» Weiter erläutert die Autorin zusammenfassend:  «Die künstliche Trennung – hier der Mensch, da die Umwelt – lieferte in der Vergangenheit die Begründung dafür, warum die natürlichen Ressourcen so rücksichtslos ausgeplündert werden durften, als könne der Mensch ohne Umwelt existieren. Heute beeinflusst die Menschheit die natürlichen Entwicklungsprozesse der gesamten Erde. Daraus entsteht eine neue Verantwortung. Wir brauchen ein neues Weltbild, aber auch ein neues Selbstbild, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.»

Der Appel der Autorin geht klar und unmissverständlich an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt: «Die Diskussion darüber, was zu tun ist, wird mit grosser Leidenschaft geführt. Gleichzeitig führt sie nicht zu Lösungen. Extreme Positionen bestimmen das Bild. Immer heisst es: Entweder Wohlstand oder Klimaschutz. Entweder Kapitalismus oder Ökodiktatur. Entweder Freiheit oder Verbote. Der Mittelweg hat kaum Fürsprecher, dabei würde ihn die Mehrheit der Leute vermutlich mitgehen. Worum sorgen wir uns wirklich? Was haben wir abseits der Extreme gemeinsam? Diese Fragen zu stellen und dann zu zeigen, dass viele Dinge, die angeblich einander ausschliessen, sich gut kombinieren lassen», ist der Appell von Prof. Dr. Maja Göpel. Das Buch ist und bleibt lesenswert in jeder Hinsicht und könnte wie angetönt in der Tat als «aktuelle Bibel» für die universellen, von Menschen gemachten Götter, als auch die irdischen Gottheiten gelten? Nehmen wir also, Leserinnen und Leser jeden Alters, die Bemerkung der Autorin zu Herzen: «Wir alle können jeden Tag Teil der Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen, auch wenn sich diese Veränderung erst einmal klein und wenig anfühlt.»

Vorheriger ArtikelFrischer Wind im Luzerner Theater
Nächster ArtikelDie Wahrheit suchen

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel