FrontKolumnenAm falschen Ort oder einfach deplatziert

Am falschen Ort oder einfach deplatziert

Es gibt Begriffe, die einfach despektierlich sind. Eingesackt zum Beispiel, sich breit machen oder idiotensicher. Von einer Professorin, die einen Lehrstuhl an einer renommierten Universität «ergattert» hat, habe ich schon mal geschrieben. Dass man so eine Aufgabe sich erarbeiten, sich dafür qualifizieren muss, das alles ist im Verb ergattern nicht enthalten. Ebenso die kürzlich in der Presse gelesene Ehrung für ein Kollektiv, das für seine Forschung ausgezeichnet wurde:»Sie haben den Preis abgesahnt.» Sie haben also das Sahnehäubchen für sich beansprucht, und den anderen den Rest übriggelassen, diese Egoisten. So ein Titel ist einfach deplatziert!

Am falschen Platz hingegen ist im folgenden Satz nur ein kleines Wörtchen: «Als sie eine ihrer Pflegemütter fragte, weshalb sie so viel lache, antwortete sie: Weil ich überlebt habe!» Ganz schlüssig auf den ersten Blick, diese lachende Pflegemutter. Ist aber, das ist dem nachfolgenden Text zu entnehmen, etwas anders: Es war nicht eine der Pflegemütter, die gerne lachten, es war das Mädchen, das als Flüchtling in die Schweiz kam. Als eine ihrer Pflegemütter sie fragte … . Dann stimmt es.

Ob «Nein heisst nein» oder «Ja heisst Ja», das war im Parlament in den letzten Wochen ein Thema. Und kann offensichtlich auch sprachlich zu Problemen führen. «Der fleischliche Umgang in einer Beziehung», wurde in einer Zeitung die strittige Aktivität umschrieben. Da wird wohl Zustimmung eingefordert, bevor das Kotelett oder die Bratwurst auf den Grill geworfen werden. Oder ist das, wenn ein Mann als Würstchen oder die Frau als Pute bezeichnet wird? Oder ist amänd einfach der körperliche, der intime Kontakt zweier Personen gemeint, der einvernehmlich sein sollte?

Zeit ist relativ, und morgen kann schon heute sein, wenigstens in den Redaktionen. Denn die Meldung: «Der Schulbetrieb kann morgen Donnerstag wieder in gewohntem Rahmen stattfinden» ist zwar korrekt – ausser er steht am Donnerstag in der Zeitung. Geschrieben und gesetzt zwar noch am Mittwoch, aber eben: Gedruckt erst für den morgigen Tag. Ähnliches gilt auch für das Inserat: «Eröffnung in drei Tagen!». Ist schlüssig, ausser es erscheint an drei aufeinanderfolgenden Tage und jeder fragt sich, wann aus dem morgen oder übermorgen wohl mal ein heute wird.

Noch etwas Architektur gefällig? Aktuell natürlich, das heisst umweltfreundlich und klimaschonend. «Die Balkone sind komplett mit Solaranlagen bedeckt». Ist trotz allem Umweltschutz ja schon etwas blöd. Da hat man einen Balkon und kann ihn nicht nutzen, weil er unentwegt Strom macht. Also ich hätte mich bei der Fotovoltaik auf die Balkonbrüstung, die Balkonumkleidung beschränkt.

Wer keinen Balkon hat, besitzt vielleicht einen Rasen. Und der muss, so wird in der Presse empfohlen, täglich gesprenkelt werden. Also mit so kleinen Sprenkeln versehen werden, wie sie manchmal auf Böden oder im Gesicht – dort heissen sie dann Sommersprossen – zu finden sind. Die Sonne kann im Wald, wenn ihre Strahlen durch die Äste bis zum Waldboden dringen, diesen sprenkeln. Aber beim Rasen, dort wird kein Sprenkler eingesetzt, sondern ein Sprenger, ein Rasensprenger. Wird damit ein Rasen nun gesprengt oder gesprengert oder gesprinklert? Ich weiss es nicht, würde einfach gewässert schreiben.

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1 Kommentar

  1. Ja, liebe Bernadette Reichlin, die Sprache «verludert» schon und zwar nicht zuletzt von Seiten der Profischreiberlinge, der Journalisten in verschiedenen Zeitungen. Aber auch in Neuausgaben der Literatur scheint es fast ein «Muss» zu sein, möglichst derbe, grobschlächtige und hemdsärmelige Ausdrücke zu verwenden. Aber eben, offenbar muss es einfach schnell gehen, «niederschwellig» sein und Aufmerksamkeit erhaschen.

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