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Eine Überraschung

Unser Turnlehrer im Lehrerseminar Rickenbach bei Schwyz unternahm mit uns gelegentlich Exkursionen. Man müsse einige Fixpunkte der Gegend kennen lernen. Einmal führte er uns auf die Axenstrasse mit dem Blick auf das Rütli und vor das Portal des Mositunnel, der zu jener Zeit für die Umfahrung von Brunnen gebaut wurde. Hier standen wir also vor der Grossbaustelle und er fragte uns, worin sich die Tätigkeit des Baumeisters von derjenigen eines Lehrers unterscheide? Wir stutzten und so antwortete er selber: «Der Baumeister sieht am Ende seiner Arbeit, was er geschaffen hat, der Lehrer weiss nicht, was aus seinen Schülern wird».

Vor einigen Tagen konnte ich diese Frage mit frischem Wissen wieder einmal beantworten. Ich sass in Zug im Café Speck im 1. Stock und las die Zeitung. Auf einmal wurde es auf der Treppe laut. Mit fröhlichem Lachen, mit heiterem und freudigem Reden kündigte sich eine muntere Gruppe an. Ich schaute kurz auf. Es waren Frauen, die im Café offenbar einen Zwischenhalt einlegten. Nichts Ungewöhnliches also und ich las weiter. Als ich wieder den Kopf drehte, bemerkte ich, dass zwei oder drei der Frauen stehen blieben und fragend zu mir schauten. «Hallo, da sitzt ja unser ehemalige Psychologielehrer». Nun begann der Zufall seine wenig eingeübte Rolle zu spielen. Tatsächlich, es waren ehemalige Schülerinnen, die vor fünfzig Jahren als Kindergärtnerinnen das Seminar verliessen, was nun anscheinend gefeiert wurde.

Ich sass etwas plump in einer Ecke und staunte, denn als die Eilpost im hinteren Raum ankam, wo die Gruppe Platz genommen hatte, begann der Reigen der Begrüssung. Jede ehemalige Schülerin wollte mich kurz begrüssen. Mit strahlendem Lächeln reihten sie sich vor mir auf. Es fielen Worte wie: «Ich erinnere mich, wie Sie oder was Sie sagten …». In kürzester Zeit war die vergangene Zeit präsent. Wie war das doch eine gute Phase in meinem Leben! Jede dieser angetönten Erinnerungen könnte eine eigene kleine Geschichte geben. Mein Unterricht bestand vielfach aus Geschichten, mit denen ich psychologische Fragen erklärte. In der Klasse der Kindergärtnerinnen herrschte meist eine spielerische und fast schon poetische Stimmung, weil es sich um den Unterricht kleiner Kinder drehte, denen es Wichtiges zu vermitteln gab.

Schnell zog die Zeit vorbei und ich musste meinen Bus erreichen. Ich verabschiedete mich völlig aufgetaut und hocherfreut über die unerwartete Begegnung. Eine der Frauen schenkte mir eine kleine Fotographie, die mich mit Albert, meinem Freund und ehemaligen Lehrerkollegen, beim Marsch über eine abfallende Wiese zeigt. Sie erinnert mich an die Organisation eines Orientierungslaufs. Zum Abschied nahm ich einen Strauss von freudigen Gesichtern mit.

Im Bus kreisten meine Erinnerungen um das Panorama der Frauen, aus dem ich doch noch einige Gesichter zuordnen konnte. Mir fielen die Worte unseres Turnlehrers ein. Habe ich nicht soeben bestandene Persönlichkeiten, Lehrerinnen und Mütter getroffen, von denen ich ahnte oder zu glauben wusste, was aus ihnen geworden war? Aufgestellt wie sie waren, machten sie mir Eindruck. Sie haben alle am ewigen Portal des Lebens gebaut und Grundsteine für unzählige Menschen gesetzt. Haben sie nicht eine grossartige Aufgabe erfüllt, die jedes Bauwerk überstrahlt?

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2 Kommentare

  1. Sehr schön, Ihre positiven und anschaulichen Erzählungen, als wäre man dabei gewesen.
    Unverhofft kommt oft, heisst es. Da hat man Jahrzehnte von einer bestimmten Person nichts gehört und gesehen und plötzlich läuft man sich mehrmals per Zufall über den Weg. Man freut sich, oder vielleicht kommen auch eher ungute Gefühle von früher hoch. Zufallsbegegnungen sind wie Blitzlichter in die Vergangenheit und öffnen nicht selten Türen in eine Zeit, die wir vergessen glaubten und abgehakt haben.
    Der Mensch beschönigt oder verklärt ja auch gerne mal vergangenes und «versorgt» das Unangenehme ins „Hinterstübchen“, bis es, etwa bei solchen Zufallsbegegnungen, wieder auftauchen kann. Vielleicht eine Chance, heute genauer hinzusehen und neue Zusammenhänge oder Erkenntnisse für einen selber zu entdecken? So oder so, überraschende Begegnungen stimmen meist freudig und sind erhellend, auch wenn sie uns etwas überrumpeln und manchmal sogar verunsichern.

  2. Lieber Res. Ich bin eine von Deinen glücklichen Schülerinnen vor 50 Jahren!!! Erinnerst Du Dich an Trudy Huser? Ich hatte mich auf jede Psychologiestunde gefreut! Wir sind immer noch in regem Kontakt, treffen uns jetzt jedes Jahr einmal in Zürich und sind vertraut wie vor 50 Jahren! Es war die beste Zeit meines Lebens … auch dank Dir!
    Deine Kolumnen lese ich sehr gerne!
    Mit freudigen Erinnerungen. Gertrud Hasler

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