FrontKolumnenEine Zukunft mit Zukunft

Eine Zukunft mit Zukunft

Haben oder Sein? Über diese alte Frage diskutierten wir Ende Oktober im Sissacher Kulturhaus Cheesmeyer. Es war der Auftakt zu der Gesprächsreihe: Für eine friedliche Zukunft!

«Haben oder Sein?» So heisst ein Buch von Erich Fromm (1900-1980), das uns inspirierte. Der Soziologe und Psychoanalytiker veröffentlichte es vier Jahre vor seinem Tod in Locarno. Er erörtert darin unter anderem, wie soziale Gegensätze sogar Kriege verursachen. Dieser Befund ist leider sehr aktuell. Er fordert uns gesellschaftlich und individuell heraus. Eine friedliche Welt verlangt gerechte Verhältnisse. Zudem müssen wir persönlich damit aufhören, uns über Mitmenschen zu erheben.

«Haben» steht, hier arg verkürzt, für das Streben nach immer mehr Besitz oder Anerkennung, «Sein» für ein schöpferisches Tun. Fromm typisiert so unterschiedliche Existenzweisen. Und als «Sozial-Charakter» bündelt er, was die Gesellschaft von uns erwartet, wie wir denken und handeln sollen. Wenn wir nun, weiter vereinfacht, immer mehr haben wollen, fördern wir Zwietracht und ein einseitiges Wachstum, das uns und die Natur überlastet. Ja, wir funktionieren oft wie Rädchen, konsumieren viel und produzieren mit, was sich gegen uns richtet. Wir verkommen so selbst zu Waren und folgen einem «Marketing-Charakter», der von uns Konformität und ständige Flexibilität verlangt.

Eine Geld getriebene Politik ökonomisiert unser Leben. Sie rechtfertigt soziale Gefälle und unterläuft den sozialen Ausgleich. Das Kapital drängt auf kurzfristige Nützlichkeit und Rendite. Und wenn wir dann ebenfalls unsere Verkäuflichkeit steigern wollen, verlieren wir elementare soziale Bezüge. Damit erhöhen sich ökologische (sowie nukleare!) Gefahren.

Irrationales Verhalten untersuchte Fromm schon nach dem Ersten Weltkrieg. 1900 in Frankfurt am Main geboren, begründete er die Kritische Theorie mit, die marxistische und psychoanalytische Ansätze undogmatisch verbindet. Nach Hitlers Machtübernahme emigrierte er 1934 in die USA und engagierte sich in der Friedensbewegung dafür, Konflikte bewusst und gewaltfrei anzugehen. Wer Feindbilder hinterfragt, richtet Kritik weniger an die Adresse des eigenen Schattens.

Fromm zählte Gier und Kriege zum Haben, Solidarität und Friede zum Sein. Soziales Miteinander benötigt kein aufpoliertes Ego, um begehrenswert zu sein. Liebe unterscheidet sich von Selbstdarstellung, Emanzipation von Harmonie. Wer sich mit Zunickenden umgibt, verliert an Realität. Und auf Erfolg erpicht, verpassen wir unsere Lebendigkeit. Drum fragt sich: Was verliere ich, wenn ich nicht gewinne? Oder mit Fromm: «Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe?»

Eine friedliche Gesellschaft demokratisiert Wirtschaft und Gesellschaft. Sie rüstet ab, statt auf und macht, was wirklich sinnvoll ist. Sie baut auf Menschen, die teilen und die Umwelt sowie sich selbst achten. Diese konkrete Vision lässt sich verwirklichen. Wir können unsere Persönlichkeit entfalten und Freiheiten für alle verwirklichen, ohne andern zu schaden. Schritte vom Haben zum Sein sind, wie die Debatte mit Henning Kurz, Religionspädagoge, und Daniela Dolci, Musikerin und Dirigtentin im Sissacher Kulturhaus zeigt, wohl schwierig, aber dringlich. Hoffentlich ermöglichen sie eine Zukunft mit Zukunft.

Titelbild: Foto © Christian Jaeggi


Wir heissen Professor Ueli Mäder als neuen regelmässigen Kolumnisten von Seniorweb herzlich willkommen. Ueli Mäder, geboren 1951, ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Seine Arbeitsschwerpunkte sind soziale Ungleichheit und Konfliktforschung. Er wurde 2022 mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.

Zu der Preisübergabe ist von Ueli Mäder, Roger de Weck und Jürgen Hardeck das Büchlein «Haben oder Sein: Leben statt Profit! Was mache ich aus dem, was die Gesellschaft aus mir macht?» erschienen. (Erich Fromm Lectures, Zeuys Books, Neuhofen 2022, 110 S., 5 €. ISBN 978-3-903893-08-5. Bezug: info@fromm-gesellschaft.de)

Nächstes Gespräch im Kulturhaus Cheesmeyer, Sissach: Sport verbindet – wirklich? 24. November 2022, 19 Uhr. Als Gäste von Ueli Mäder wirken mit: Daniel Woker (alt Botschafter am Persischen Golf), Walter Mundschin (Ex-Libero des FC-Basel), Johanna Aeschbach (Fussballerin), Wolfgang Bortlik (Schriftsteller), Peter Tschudin (alt Handballer), Moritz Kamber (alt Eishockeyaner) und Lukas Rickli (Musiker).

3 Kommentare

  1. Erich Fromms Bücher begleiteten mich durch meine Adoleszenz und beeinflussten mich durch viele Jahre meines Frauseins. Heute, mit über 70, frage ich mich, was ist von seinem Gedankengut in den Köpfen der Menschen geblieben? Er revolutionierte sicher die Psychotherapie, da der Einbezug der Frauen, im Gegensatz zu Freuds Theorien, wirklich neu war.

    Was ich aus meiner heutigen Perspektive sehen kann, dass das Gedachte immer noch zu sehr auf den männlichen Blick auf die Dinge des Lebens fixiert ist. Und es ist zu theoretisch. Besonders in der Schweiz stelle ich fest, dass Frauendenken und Frauenleben zu wenig gesehen und ernst genommen wird. Bevor es ein wünschenswertes Zusammengehen und Miteinander der Geschlechter geben kann, muss ein Akzeptieren der Frauensicht wahrgenommen und akzeptiert werden und zwar quer durch die Bevölkerung, aber vor allem von der Politik. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Es ist und bleibt ein Kampf der Frauen für ihre Rechte.

  2. Lieber Ueli
    Auch meinerseits ein herzliches Willkommen im Seniorweb. Es ist schön, dir hier wieder zu begegnen, nachdem wir einige Jahre gemeinsam an der damaligen Sozialen Schule Basel gearbeitet haben: du als mein Chef, ich als Dozent für Medienpädagogik. Schön ist es auch, dass du deine Kolumnistentätigkeit mit Erich Fromm beginnst, über den auch ich mehrmals im Seniorweb geschrieben habe.
    Mit lieben Grüssen
    Hanspeter

  3. Leider wissen alle das alles. Und es läuft dennoch in eine völlig andere Richtung. DAS müsste zum Thema werden und vor allem: Was soll man MACHEN, und zwar subito, damit eine Richtungsänderung funktioniert?
    Den Kommentar oben, dass Mann/Frau noch bei weitem, etc. etc. etc. – ist selbstverständlich auch richtig aber nicht zielbringend in der dringenden Frage nach dem Verbessern der Klimabilanz. Weltweite Verbesserung. Wir sind weit weg von Haven oder Sein oder von Genderproblemen – wir stehen am Abgrund.

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