StartseiteMagazinGesellschaft«Auf Spurensuche in Mitholz»

«Auf Spurensuche in Mitholz»

Wegen der Räumung des ehemaligen Munitionslagers im Kandertal müssen Dutzende von Familien aus Mitholz wegziehen. Sie verlieren Haus und Heimat. Eine Ausstellung im Alpinen Museum in Bern befasst sich mit dem Begriff «Heimat».

Am 19. Dezember jährt sich zum 75. Mal die Explosionskatastrophe von Mitholz. Seit Februar 2020 weiss die Bevölkerung, dass viele der 160 Einwohnerinnen und Einwohner ihr Heimatdorf für zehn Jahre verlassen müssen. So lange braucht der Bund für die Räumung des nicht explodierten Sprengstoffs im ehemaligen Munitionsdepot unter der «Fluh». Was Heimat bedeutet, zeigt sich meistens erst dann, wenn man diese verliert. Das Alpine Museum der Schweiz hat sich deshalb vor gut zwei Jahren entschieden, in einem «Community-Projekt» eine Ausstellung zu kreieren, die über Heimat, Erinnerung, Risiko und Verantwortung reflektiert.

Aufräumarbeiten nach der Explosion. Foto © Hans Lörtscher / Kulturstiftung Frutigland.

Die Konzeptarbeiten verliefen in mehreren Phasen. 2020 wurde durch Vermittlung der Gemeindeverwaltung eine Projektgruppe mit sieben Personen gebildet, die im Dorf aufgewachsen sind. Ab Dezember 2020 diskutierte die Gruppe auf fünf Sitzungen über Erinnerungen, Gefühle und Erwartungen an die Ausstellung. An einem Medientermin sagte die Mitholzerin Dory Schmid am vergangene Dienstag, dass es für sie wichtig war, bei der Konzeption der Schau mitzuwirken. Den vom Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) verordneten Wegzug aus Mitholz sieht sie als «Opfer für die nächste Generation». Für ihre Grosskinder hoffe sie auf ein «sauberes Mitholz». Selber werde sie nicht mehr dahin zurückziehen, aber ihre Grosskinder möchte sie dann schon gerne im Heimatdorf besuchen, erklärte sie.

Mitglieder des «Community-Projekts» bei einem ihrer Treffen. zVg

Annelies Grossen, deren Elternhaus 1947 bei der Explosion komplett zerstört worden war, lebt heute in Frutigen. Sie berichtete auf dem Medientermin über vier «Sammeltage», an denen sie teilnahm. Gemeinsam mit anderen Talbewohnerinnen und -Bewohnern sammelte sie in den vergangenen Monaten in Mitholz Steine, Pflanzen, Farben und Töne. Dabei habe sie ihren Ort aus einer neuen Perspektive kennengelernt. Ziel dieser Konzeptionsphase sei es gewesen, herauszufinden, «was Mitholz mit uns macht», erzählte die Frutigländerin den Medienvertretern. Insgesamt waren laut der Kuratorin Barbara Keller rund 45 Personen aus der Region an den kuratorischen  Vorbereitungsarbeiten beteiligt.

Sinnliche Erlebnisse in mehreren Räumen

Ein Modell von Mitholz am Ausstellungseingang zeigt auch den Fels (links) mit dem verschütteten Munitionsdepot. zVg

Am Anfang der Ausstellung steht ein Modell des Dorfs Mitholz, im Massstab 1:160, mit nachgebauten Häusern, Strassen, Eisenbahnlinie, Felsen, Wäldern. Die Fluh mit dem Schuttkegel ist deutlich erkennbar. Von Trümmern, Felsblocken, zersplittertem Holz und Gegenständen aus dem Jahr 1947 erzählt der zweite Raum. Hier werden die Folgen der Explosion visuell erlebbar. Ein Feldstecher, ein Schuh, eine Blechbüchse, eine Bibel liegen zwischen den Trümmern. Der Medienberichterstattung und parlamentarischen Aufarbeitung ist der dritte Raum gewidmet, bevor man in einem weissen Tunnel Details über das vom Sprengstoff ausgehende Risiko erfährt. Komplex ist eine Animation mit acht mehrstufigen Räumungsvarianten, die vom VBS ausgearbeitet wurden.

Fast jede Familie besitzt Gegenstände, die an die Explosion von 1947 erinnern. zVg

Sinnlich unter die Haut geht eine begehbare Musikinstallation des «Abschiedschors». Speziell für die Ausstellung hat die Musikerin Kathrin Künzi das Lied «Läb wohl Mitholz» komponiert und mit einem Chor aus Projektbeteiligten und Freiwilligen aufgenommen. Im letzten Raum, dem Sitzungszimmer der «Expertengruppe Mitholz» liegen Pläne, Berichte und weitere Dokumente auf einem langen Tisch. In den Unterlagen blättern ist ausdrücklich erlaubt. Die Infotafel an der Wand mit den Jahrzahlen 2022 – 2040 ist noch unbeschrieben. Hier sollen in den kommenden Monaten und Jahren die weiteren Projektschritte den Fortschritt der Räumung dokumentieren.

2,59 Milliarden Franken, so viel kostet die Räumung des ehemaligen Munitionslagers  voraussichtlich. Der Verpflichtungskredit, den National- und Ständerat im Frühjahr 2023 absegnen müssen, enthält eine nicht unerhebliche Reserve. 760 Millionen Franken sind als Puffer eingeplant: zum einen für die Teuerung über die lange Projektdauer von circa 25 Jahren, zum andern aber, da nach wie vor Unsicherheiten zur genauen Lage, zum Zustand sowie zur Menge der Munitionsrückstände und den anspruchsvollen geologischen und hydrologischen Verhältnissen bestehen, wie aus dem Bericht des Bundesrats hervorgeht.

In der Ausstellung ist ein Wurzelstock der Familie Schmid zu sehen mit dem Text: «Dieser Baum stand neben unserer Scheune in Mitholz. Er ist von einem Sturm ausgerissen worden, wie auch wir von hier weggerissen werden.» zVg

Laut Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums, ist die Mitholz-Ausstellung Teil der Neuausrichtung seines Hauses. Ganz bewusst wolle man nicht nur Hüterin vergangenen Erbes sein, sondern die Gegenwart abbilden und die Zukunft mitgestalten, erläuterte er vor den anwesenden Medien. Die Ausstellung baue auf Dialog, Diskurs, Abwägen sowie den Einbezug der betroffenen Bevölkerung. Mit diesem Ansatz nehme das Museum den Geist der neuen «Kulturbotschaft des Bundes 2025-2028» voraus und hoffe, dass die finanzielle Förderung durch die öffentliche Hand fortgesetzt werde.

«Mitholz ist überall»

In einer Begleitpublikation zur Ausstellung unter dem Titel «Über Heimat nachdenken» kommen fünf Autorinnen und Autoren zu Wort: David Hesse schreibt über die Risikogesellschaft heute, Jon Mathieu über die Herausforderungen an die Berggebiete, Eveline Althaus über unsere Häuser, Mit-Herausgeber Daniel Di Falco über den Glauben an die Berge, Fabienne Meyer über das Erinnern und das Vergessen. Der Fotograf Christian Schwager liefert Illustrationen über getarnte Militäranlagen. Und Hansruedi Schneider, Redaktor beim «Frutigländer», steuert eine aufschlussreiche Chronologie der Ereignisse vor und nach der Explosion bei. Die Publikation vermittelt die Botschaft: «Mitholz ist überall».

Titelbild: Das Alpine Museum der Schweiz in Bern. Foto: PS. Alle übrigen Fotos: © Olivier Rüegsegger / Alpines Museum der Schweiz.

Die Ausstellung im Alpinen Museum ist bis zum 30. Juni 2024 zu sehen. Die Begleitpublikation kann im Museumsshop für 10 Franken gekauft werden.

LINK: Alpines Museum der Schweiz

LINK: Film «Mitholz» von Theo Stich

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