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Licht im Dunkel

Wann ist das Licht in der Dunkelheit aktueller als in der Weihnachtszeit, wenn die Tage kurz sind und wir uns nach der Sonne sehnen?

War es nicht auch im Stall von Bethlehem sehr dunkel? Steht in der Bibel etwas darüber, dass die Krippe beleuchtet war? Die Drei Weisen orientierten sich an einem Stern, heisst es. Dafür mussten sie in den Himmel schauen, wenn er dunkel ist – und wolkenlos. Licht und Dunkelheit gehören zu unseren Weihnachtsgefühlen, die Wärme der Kerzen, aber auch die unheimliche Dunkelheit.

Von einer besonders bedrohlichen Dunkelheit am Heiligabend handelt eine der zahllosen Weihnachtsgeschichten, die mir kürzlich wieder in den Sinn kam: Bergkristall von Adalbert Stifter. Vor 169 Jahren veröffentlicht, scheint sie von unserer Gegenwart fast so weit entfernt wie die biblischen Geschichten selbst.

Vielleicht kennen Sie diese Erzählung: Zwei Geschwister, Konrad und seine jüngere Schwester Sanna bringen ihrer Grossmutter Weihnachtsgeschenke und Grüsse. Dafür gehen die beiden von Gschaid, wo sie wohnen, nach Millsdorf, wo die Grosseltern mütterlicherseits daheim sind. Die beiden fiktiven Alpendörfer liegen nicht so weit auseinander, als dass die Kinder nicht mühelos dahin laufen könnten und wieder zurück.

Genau an diesem Tag jedoch ändert sich das Wetter von einem Moment auf den anderen. Als die beiden sich auf dem Heimweg der kleinen Passhöhe mit dem seltsamen Namen «Hals» nähern, beginnt es so heftig zu schneien, dass Konrad und Sanna sich verlaufen. – Denken Sie daran: Damals, 1853, gab es kein Telefon und schon gar kein Handy.

Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Biedermeier

Der Schnee – Symbol für das Helle, Strahlende – kann so dicht fallen, dass man die Orientierung verliert und die Gefahr besteht, im felsigen Gelände abzustürzen. «Schneenebel nennen wir das», sagte mir einmal eine Frau vom Land. So nah sind Licht und Dunkelheit nebeneinander.

Am Ende drückt es der Grossvater der Kinder so aus: «Hundert Jahre werden wieder vergehen, dass er gerade niederfällt wie nasse Schnüre von einer Stange hängen.» Denn es ist eine Geschichte mit glücklichem Ende, in mehrfacher Hinsicht: Die Kinder werden gerettet, nachdem sie eine bange Nacht in einer Eishöhle ausgeharrt hatten. Von beiden Seiten des Passes, von Gschaid und von Millsdorf aus, waren Suchtrupps losmarschiert. – Die Szene, in welcher der Vater seine Kinder in die Arme nimmt, berührt so tief, dass meine Augen feucht werden.

Zu den gelungensten Passagen gehören die Landschaftsbeschreibungen, die Beschreibungen der Wetterlage, die Anzeichen der kommenden Kälte und des Schnees, wie die Kinder durch den Wald gehen und später ins alpine Felsgelände geraten. Adalbert Stifter beschreibt auch die Wahrnehmungen der Kinder ungemein genau. Wir begleiten Konrad und Sanna auf ihrem Weg, wie sie vergnügt miteinander schwatzen.

Dass sich die Lage auf dem Heimweg verschlechtert, merken wir daran, dass Konrad, der wohl Sanna gern zeigt, was er schon alles weiss, zu fürsorglichen, beschützenden Worten wechselt. Noch intensiver wirkt Sannas «Ja, Konrad», ihre einsilbige Antwort auf jede Bemerkung ihres Bruders. Deutlicher als viele Worte drückt es aus, was für mulmige Gefühle sie bewegen.

Gefahren in der alpinen Landschaft

Adalbert Stifter ist, wie gesagt, ein peinlich genauer Erzähler. Jedes Detail hat seine Bedeutung. Auf dem Pass steht für gewöhnlich ein Pfosten, «die rote Unglückssäule des Bäckers», der an den tragischen Tod eines Mannes erinnert. Als Konrad und Sanna diese Stelle passieren, bemerkt Sanna schon am Morgen, dass der Gedenkpfahl umgefallen ist und gerade nicht als Wegmarke dienen kann. Auf dem Rückweg verirren sie sich.

Die Erzählung entwickelt sich in mehreren Kreisen: Im Zentrum stehen Konrad und Sanna sowie ihre Eltern, der Schumacher in Gschaid und seine bemerkenswert schöne Frau aus Millsdorf. Besonders der Grossvater, Färber in Millsdorf, war mit der Hochzeit seiner einzigen Tochter nie wirklich einverstanden, er zürnte seit mehr als zehn Jahren. Die Mutter von Konrad und Sanna wiederum wurde von den Gschaidern geschnitten, sie blieb eine Fremde. Denn wie oft in ländlichen Gegenden sind sich die Menschen in Nachbardörfern nicht wohlgesonnen. Die Leute in Gschaid fühlten sich «gescheiter», den Millsdorfern überlegen, weil diese im tiefer gelegenen Dorf angenehmere Lebensbedingungen hatten. – Oder woher kam die Missgunst der einen gegen die andern?

Zu Weihnachten den Frieden in der Gemeinschaft gefunden

Die Suche nach den beiden Kindern in der Weihnachtsnacht lässt sie nun alle kleinlichen Streitereien vergessen, und die Freude, die Kinder wohlbehalten wiederzufinden, verbindet von nun an die Familien und die Dörfer. Harmonie als höchste Weihnachtsfreude, darauf hat es Adalbert Stifter angelegt. Der Religion gebührt dabei im katholischen Österreich des 19. Jahrhunderts ein gewichtiger Platz. So will Stifter die Erzählung verstanden wissen, als Kulmination der hohen christlichen Feiertage am Heiligabend, den alle Personen persönlich erfahren, jeder auf seine Weise. «Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen», damit beginnt die Erzählung.

Thomas Fietzek, Schneekristallwachstum. © commons.wikimedia.org

Es mag sein, dass es heutzutage schwierig ist, das Ereignis in einem solchen religiösen «Korsett» ernstzunehmen. Stifter, der selbst ein sehr ernster Mensch war, meinte es aber genauso. Eine höhere Ordnung sollte das Leben der einzelnen und der Gemeinschaft bestimmen. Dabei war Stifter ein Liberaler, kein rückwärtsgewandter Konservativer. Er engagierte sich für die Revolution von 1848 und gehörte zu denjenigen, welche die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche vorbereiteten. Auf der anderen Seite muss er auch ein schwermütiger Mensch gewesen sein, der sich, um das Leben aushalten zu können, einen ideellen bzw. religiösen Halt geschaffen hatte.

«Bergkristall» ist im Suhrkamp Verlag erhältlich.
Mehr zu Adalbert Stifter, seinem Leben und Werk.

Fotos der Schneekristalle: © commons.wikimedia.org

In der Weihnachtsserie «Feiern in dunklen Zeiten» bereits erschienen:

Bernadette Reichlin So viele düstere Wolken 
Peter Steiger Chic oder Schock – Christbaum verkehrt herum 

1 Kommentar

  1. Das vorgestellte Buch kenne ich leider nicht, aber nach Ihren detaillierten Schilderungen kann ich mich gut in jene Zeit und in die Verhältnisse der Bewohner*innen der beiden Dörfer und in die Verbundenheit der Kinder einfühlen.
    Die Weihnachtszeit empfand ich früher als eine beseelte Zeit, in der man irgendwie «weichgespült» und frohen Herzens die Wochen vor dem 24. und 25. Dezember erwartete. Das vermisse ich heute. Klar, in den vergangenen 50 Jahren hat sich viel geändert, die Menschen haben sich generell verändert. Je nach dem in welchem Kulturkreis man aufgewachsen ist, bedeutet die Geburt Jesus heute immer noch traditionelles Feiern oder Flucht ans Meer, oder so.
    Meine Enkel*innen sind jetzt zwischen 9 und 11 Jahre alt. Es ist das erste Weihnachten, dass sie Mühe bekunden, mir ihren Gschänkliwunsch mitzuteilen. Es ist irgendwie frustrierend: die Kinder haben einfach (fast) alles. Nur Geld schenken widerstrebt mir, ich muss umdenken. Vielleicht braucht es heute andere Freuden, die wir als Grosseltern verschenken können?

    Bei diesen Gedanken kommt mir in den Sinn, wie es in meiner Kindheit war. Das Geld war knapp und so gab es selbstgestrickte Socken oder einen Pulli und einmal, ich war so stolz, weisse Schlittschuhe und, natürlich den obligaten Fünfliber auf dem grossen Lebkuchen vom Götti. Später als Jugendliche für meine Sammlung, eine Schallplatte, ein Buch oder das Paar rote Lederschuhe, die ich mir schon lange wünschte. Es gab etwas Gutes zu essen auf einem sorgfältig gedeckten Tisch und einen einfach geschmückten Tannenbaum mit echten Kerzen. Den Duft in unserer Weihnachtsstube habe ich heute noch in der Nase. Meine Mutter spielte dazu ihre alten Platten von der stimmgewaltigen Mahalia Jackson und zum Abschluss schauten wir im Fernsehen die Schwarz-Weiss-Verfilmung der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Mit dem hartherzigen und geizigen Ebenezer Scrooge, der durch den Geist der Weihnacht zu einem besseren Menschen wurde, hatte diese Weihnacht für mich immer etwas Tröstliches. Sentimental? Ja, aber trotzdem schön!

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