FrontKulturIdealisierte Natur im Salon

Idealisierte Natur im Salon

Landschaftszimmer gehörten im 18. Jahrhundert zur repräsentativen Ausstattung vornehmer Bürgerhäuser. Malereien nicht mehr auf Holztäfer, sondern auf Leinwandtapeten, waren in Zürich sehr beliebt. Bis heute sind mehrere erhalten geblieben.

Heute werden virtuelle Hyperlandschaften zu Sehnsuchtsorten. Vor etwa 250 Jahren waren es Landschaftszimmer, die die Natur als ideale Vision in die gute Stube brachten. Das wohlhabende Bürgertum schätzte diese künstlich geschaffene Welt höher ein als die reale Natur. Im Salon traf man sich zum geselligen Beisammensein und präsentierte seinen sozialen Status. Diese Modeströmung war mein Dissertationsthema, das mich im Leben immer wieder begleitete.

Christoph Kuhn d. Ä., Versailler Park- und Brunnenanlagen, um 1743, im «Beckenhof» vor Ort erhalten. Die Ofenmaler waren vielseitig und wagten sich auch an wandfüllende Malereien. Foto: BAZ

Verschiedene Landschaftszimmer sind in Zürich noch am originalen Ort erhalten, wie im heutigen Staatsarchiv. Einige wurden privat umplatziert, etwa ins «Werdmüller-Zimmer» im Hotel Storchen. Mehrere dieser Leinwandtapeten befinden sich im Depot des Schweizerischen Landesmuseums.

Im «Beckenhof» gibt es einen zweiten Raum mit mythologischen Szenen nach französischen Vorlagen, um 1743, von Unbekannt, vor Ort erhalten. Foto: BAZ

Zu den frühesten Zeugen gehören die Malereien in Rundbogenfeldern im «Beckenhof». Es war der Ofenmaler Christoph Kuhn (1709-1762), der um 1743 für Junker Grebel (1700-1765) in dessen neu erbauten Herrenhaus einen Raum mit Versailler Parklandschaften malte. Die verschiedenen Korrekturen zeigen, dass ihm die Malerei nach französischen Stichvorlagen nicht einfach von der Hand ging.

Während Christoph Kuhn aus Wallisellen bei den Ofenmalern im thurgauischen Steckborn sein Handwerk erlernt hatte, gab es Maler in Zürich, die eine zunftmässige Lehre absolvierten und während den obligaten Wanderjahren im Ausland die Tapetenmalerei kennenlernten. Allerdings war das bei Johann Balthasar Bullinger (1713-1793) noch nicht der Fall. Er bildete sich anfänglich in Tiepolos Werkstatt in Venedig weiter, war aber als Reformierter mit dem Malen von Heiligenbildern nicht zufrieden. Es zog ihn weiter nach Holland, wo er sich in der Landschaftsmalerei übte.

Johann Balthasar Bullinger, Porträt um 1770. Bullinger ist heute vor allem für seine präzisen graphischen Ansichten vom Zürcher Limmatquai bekannt.

Als Bullinger 1741 nach Zürich zurückkam, erwartete man von ihm, dass er die soeben in Mode gekommenen Landschaftszimmer gestaltete. Doch offenbar war dies neu für ihn, denn er beklagte sich: «Ich musste ein Zimmer mit grossen Landschaften ganz überziehen. Diese Arbeit triebe mir den bittern Schweiss aus, denn durch sie sollte sich mein Kredit in Zürich etablieren», er wollte heiraten. Doch in der Folge entwickelte er sich zum begehrten Tapetenmaler, schuf mehrere Landschaftszimmer in Zürich, aber auch Tafelbilder sowie Porträts und wurde Professor an der 1773 gegründeten Kunstschule in Zürich. Dank seiner Autobiografie und dem erhaltenen Werkverzeichnis sind wir über seine Arbeit gut unterrichtet.

Johann Balthasar Bullinger, Teil einer Leinwandtapete aus dem Haus «Zur Stelze», 1755, heute im Schweiz. Landesmuseum, Zürich. Foto: rv

Bullinger empfahl seinem jüngeren Kollegen Johann Heinrich Wüest (1741-1821) nach der Lehrzeit die Wanderjahre in Holland zu verbringen. So kam Wüest in Amsterdam mitten in den Boom der Landschaftszimmer und lernte die Grundlagen der Perspektive und der Malerei im Grossformat kennen. Nach sechs Jahren kehrte er nach Zürich zurück und erhielt 1769 gleich den ersten Auftrag für ein Landschaftszimmer im Haus «In Berg».

Johann Heinrich Wüest, Holländische Landschaft, aus dem Haus «In Berg», signiert und datiert 1770. Es ist Wüests erster Auftrag nach seiner Rückkehr in Zürich und befindet sich heute im Schloss Au/ZH. Foto: Restaurator Heinz Schwarz.

Vermutlich erhielt Wüest diesen ersten Auftrag von Felix Oeri (1716-1774). Als eifersüchtiger Bruder der erfolgreichen und geschäftstüchtigen Anna Oeri, Musseline-Fabrikantin vom «Rechberg» (früher «Krone»), ging er mit seinem Erbe äusserst verschwenderisch um bis zum Bankrott. In Konkurrenz zu seiner Schwester hatte er sich ein Palais direkt oberhalb des «Florhofs» bauen lassen und stattete es mit reichen Deckenstuckaturen aus. Nach den grosszügigen Räumen zu schliessen, könnten die bis fast sechs Meter langen Leinwandtapeten mit holländischen Landschaften von Wüest hierher passen. Ein schriftlicher Nachweis fehlt bislang.

Johann Heinrich Wüest, links: Rhonegletscher, Kunsthaus Zürich, rechts: Schaffhauser Rheinfall, um 1775, Rheinfall-Sammlung, Peter Mettler. Die beiden Bilder stammen ursprünglich aus dem Landschaftszimmer des Gartensaals im «Wollenhof».

Das bekannteste Werk von Wüest «Der Rhonegletscher» gehörte zu einer 18-teiligen Serie im «Wollenhof» und befindet sich heute im Kunsthaus Zürich. Da er dieses Landschaftszimmer im Zeitgeschmack um 1775 mit Einzelbildern im Hochformat gestaltete, wurden diese später bei der Erbteilung auseinandergerissen. Fünf Bilder bekam das Zürcher Kunsthaus, zwölf blieben bei der Familie, nur der «Schaffhauser Rheinfall» ging eigene Wege und befindet sich heute in der Rheinfall-Sammlung Peter Mettler in Schaffhausen.

Daniel Düringer, Ländliche Szenen, um 1760, im «Sonnenhof», heute Staatsarchiv an der Stadelhoferstrasse, vor Ort erhalten. Düringer kam aus Steckborn und war Ofen- und Tapetenmaler. Foto: BAZ

Nicht nur in Zürich, auch in Basel waren die Landschaftszimmer beliebt und mehrere sind bis heute erhalten geblieben. Man konnte diese auch in ausländischen Tapetenmanufakturen erwerben, etwa bei der Tapetenmanufaktur Nothnagel in Frankfurt am Main, die Goethe in Dichtung und Wahrheit anschaulich beschreibt.

Höfische Szenen im Haus «Zum Goldenen Sternen», vermutlich aus einer Berliner Tapetenmanufaktur, um 1766. Vor Ort an der Kirchgasse 14 erhalten. Foto: BAZ

Die Zürcher Auftraggeber waren oft im Seidenhandelsgeschäft tätig und pflegten internationale Verbindungen. So bestellte Salomon Hess-Lavater (1738-1794) für seinen um 1766 renovierten Gesellschaftsraum im Haus «Zum Goldenen Sternen» (heute Karl den Grossen) gemalte Leinwandbespannungen in Berlin. Es waren keine ländlichen Szenen, sondern höfische Gesellschaftsstücke mit Prospektmalerei. Noble Damen und Herren auf der Schlossterrasse, beim Konzert im Freien oder bei der Schlittenfahrt auf dem Eiskanal. Die Eleganz sollte wohl auch auf den Hausherrn und seine Familie abfärben.

Ruth Vuilleumier-Kirschbaum, Zürcher Festräume des Rokoko. Gemalte Leinwandbespannungen in Landschaftszimmern, Zürich 1987. ISBN 3-85572-048-7. Nur noch antiquarisch erhältlich.

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