FrontGesellschaftLetzte Zeitzeugen erzählen

Letzte Zeitzeugen erzählen

Überlebende des NS-Regimes blicken zurück, bevor ihre Erinnerungen verloren gehen. Simone Müller sprach mit ihnen, Annette Boutellier hat sie fotografiert.

Am 30. Januar 2023 jährt sich zum 90. Mal die Machtergreifung der Nationalsozialisten mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Ein Umbruch in der Geschichte, der mit unvorstellbarem Leiden einherging und die Welt auf den Kopf stellte. Nur noch wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen können darüber berichten.

Nina Weilová, 1932 geboren in Klatovy, Tschechien. Seit 1968 lebt sie in der Schweiz. «Wenn sie von Auschwitz spricht, tut sie es manchmal so, als ob sie von jemand anderem reden würde.»

Für ihr Buch Bevor Erinnerung Geschichte wird besuchte Simone Müller 14 Jüdinnen und Juden sowie eine Zeugin Jehovas, die zwischen 1923 und 1942 in zehn verschiedenen europäischen Ländern geboren wurden und seit langem in der Schweiz wohnen. Betroffene Sinti oder Roma suchte sie vergebens. Die Porträtierten wuchsen in unterschiedlichen kulturellen, sozialen, sprachlichen und geografischen Kontexten auf. Sie kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz, flohen 1956 oder 1968 aus dem ehemaligen Ostblock oder kamen aus persönlichen oder beruflichen Gründen.

Kurt Salomon, 1935 geboren in Aachen, zeigt seinen Judenstern, den er in Brüssel tragen musste, bevor er als Kind in einem Kloster bei Brüssel versteckt wurde. Am 2. August 2022 starb er in Genf.

Für die Autorin war es eine Herausforderung, Menschen für das Projekt zu finden, die bisher nie öffentlich über ihre Erfahrungen gesprochen hatten. Für einige war die Belastung zu gross, noch einmal mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert zu werden, viele hatten jahrzehntelang geschwiegen und begannen erst im Alter, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Einige redeten viel von ihrer frühen Kindheit vor der Deportation oder Flucht, andere beschrieben vor allem die Kriegszeit oder sprangen in ihrer Erzählung immer wieder in die Gegenwart.

Betroffen war die Autorin oft von paradoxen Gesprächssituationen: Während László Papp an einem kleinen Küchentisch in Bern von den Selektionen im Vernichtungslager Auschwitz erzählte, strömten draussen Passanten in den neu eröffneten Migros-Supermarkt oder während Kurt Salomon im Café den gelben Stern auspackte, den er 1942 in Brüssel tragen musste, wurde am Nebentisch ein Kindergeburtstag gefeiert.

Besonders aktuell und von der Geschichte eingeholt erscheint das Porträt von Mark Varshavsky, der im ukrainischen Melitopol geboren wurde und in Charkiw aufwuchs. Er war siebenjährig, lernte seit ein paar Monaten Cello spielen, als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Viele Intellektuelle glaubten damals, es kämen wieder die gleichen Deutschen wie im Ersten Weltkrieg, korrekte Offiziere mit einem gewissen Kulturniveau. Doch die SS war skrupellos und trieb die Jüdinnen und Juden in den Tod.

Mark Varshavsky, 1933 geboren in Melitopol, Ukraine, lebt in Basel. Viele seiner Sätze beginnen mit «vor dem Krieg».

Was wenig bekannt ist, die Sowjetunion evakuierte von 1941 bis 1944 einen Teil der jüdischen Bevölkerung aus Charkiw ins zentralasiatische Gebiet des Landes. Marks Familie gehörte dazu. Die Fahrt im mit Menschen vollgestopften Viehwaggon dauerte 25 Tage, Typhus breitete sich aus. In der kasachischen Steppe wurden sie in Baracken ohne Fundamente untergebracht, extreme Hitze, Kälte und der Hunger waren unerträglich.

Als er nach Charkiw zurückkam, war die Stadt beinahe vollständig zerstört. Inmitten der Trümmer begann Mark wieder Cello zu spielen. Mit elf Jahren besuchte er erstmals in seinem Leben eine Schule. Er wurde Cellist und Dirigent und in der Sowjetunion ein gefeierter Musiker. Yehudi Menuhin, der grosse Geiger und Dirigent, vermittelte ihm die Ausreise in den Westen, wo er in Israel, Italien und New York lebte, heute in Basel. Mit der Emigration hatte er die sowjetische Staatsbürgerschaft verloren und sah seine Familie erst 1989 wieder. Seine Mutter war im Jahr zuvor gestorben.

Katharina Hardy, 1928 geboren in Budapest, Ungarn. Lebte in Zürich.

«Bergen-Belsen ist meine Heimat», sagte Katharina Hardy. Doch als Simone Müller sie in der städtischen Alterswohnung in Zürich Wiedikon besuchte, meinte sie, «ich habe das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein». Und das nach einem langen Leben, geprägt von unvorstellbaren Erfahrungen im KZ und der Flucht 1956 aus Ungarn. Jahrzehnte lang schwieg sie, erst der Enkel brachte sie zum Reden.

Disziplin und Perfektion wurden Katharina in die Wiege gelegt. Mit sechs Jahren lernte sie Geige spielen. Schon als Kind litt sie in Budapest unter dem Antisemitismus, wurde auf der Strasse bespuckt oder als Elfjährige nicht in die renommierte Franz-Liszt-Akademie aufgenommen, weil sie Jüdin war.

Ihre Erinnerungen lassen sich mitunter kaum in Worte fassen, einzelne innere Bilder werden nur angetippt: 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück, 1945 in Bergen-Belsen. «Normal war nicht das Leben. Normal war der Tod,» sagt Katharina und denkt, dass sie eigentlich zu den Toten in Bergen-Belsen gehört. Immer wieder reiste sie zu Gedenkveranstaltungen dorthin.

Nach der Befreiung durch britische Soldaten ging sie nach Budapest, wo sie Musik studierte, eine Stelle im Orchester fand und als Solistin auftrat. 1956 folgte die Flucht aus Ungarn in die Schweiz. Für sie gab es keinen Gott mehr, nur die Arbeit. Die Härte, die ihr zu überleben half, behielt sie bei. Für ihre Kinder war es nicht immer einfach mit mir, meinte sie.

Am 5. August 2022 starb Katharina Hardy in Spiez. «Man kann mich nicht befreien. Es ist einfach immer da.» Und doch fand sie: «Ich habe ein wunderschönes Leben gehabt. Irgendwie».

Titelbild: Die im KZ Theresienstadt eintätowierte Nummer von Nina Weilová hält ein Leben lang.
Fotos:
© Annette Boutellier

Simone Müller, «Bevor Erinnerung Geschichte wird. Überlebende des NS-Regimes in der Schweiz heute – 15 Porträts», Fotografien von Annette Boutellier, Limmat Verlag, Zürich 2022. ISBN 978-3-03926-049-2

3 Kommentare

  1. Zu diesem Thema passt folgende Veranstaltung:
    Seit 2011 existiert in Riehen eine Gedenkstätte, die an die jüdischen Flüchtlinge erinnert, welche zwischen 1933 -1945 an den Schweizer Grenzen abgewiesen wurden. Errichtet wurde dieser Ort von Johannes Czwalina, einem Basler Unternehmensberater. Der Film zeigt die Entwicklung und die Aktivitäten dieser nach wie vor einzigen Gedenkstätte in der Schweiz für jüdische Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg.
    «JOHANNES UND SEINE GEDENKSTÄTTE» – Dienstag, 17. Januar 2023, 19 Uhr in Basel, Zwinglihaus, Gundeldingerstrasse 370.
    Regie und Drehbuch: Susanne Scheiner / Produktion: AVA Scheiner AG, Zürich / Farbe / Dauer: 66 Min. / Deutsche Originalversion. Im Anschluss an die Vorführung findet ein Podium statt.
    Teilnehmer: Johannes Czwalina, Betreiber der Gedenkstätte / Christine Kaufmann, Gemeindepräsi­dentin Riehen / Dr. Fabienne Meyer, Historikerin / Prof. Dr. Erik Petry, stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel / Susanne Scheiner, Filmemacherin.
    Moderation und Organisation: Peter Bollag (Projektleiter Christlich-Jüdische Projekte)
    Veranstalter: CJP Christlich-Jüdische Projekte, Basel und Forum für Zeitfragen, Basel / Eintritt frei / Kollekte
    LINK: http://www.johannes-und-seine-gedenkstaette.ch/
    Link auf das filmende Ehepaar Susanne und Peter Scheiner: http://www.ava-scheiner.ch/

  2. Ich wüsste gern, warum die Rote Armee zwischen 1941 – 44 einen Teil der jüdischen Bevölkerung aus Charkiw nach Sibirien ( Zentralasien ) ausgesiedelt hat. Die Transport – und Unterbringungsbedingungen im Lager dort weisen nicht gerade auf eine wohl geplante, durchdachte humanitäre Aktion hin.

    Ich weiss aus meiner Familie, dass die Rote Armee in Kooperation mit der polnischen Befreiungsarmee nach Kriegsende dort Anfang 1945 meinen jüdischen Onkel und dessen Sohn, den er mit seiner Frau, meiner katholischen Tante hatte, aus Bielitz ( bei Krakau ) irgendwohin für immer verschleppt hatten.
    In diesem Fall waren es nicht die Nazis oder Soldaten der Wehrmacht, da die beiden wohl jahrelang von der solidarischen deutschen Familie versteckt werden konnten.

    • Guten Tag Herr Kauder
      Warum die Familie von Mark Varshavsky im Viehwagen ins kasachischen Aktjubinsk ausgesiedelt wurde, geht aus dem Buch nicht hervor, nach einer humanitären Aktion klingt es nicht. Es waren schlimme unvorstellbare Zeiten, die offenbar nie ganz zu Ende gehen.
      Freundliche Grüsse, Ruth Vuilleumier

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