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Schulreise ins Weltall

Wie andere Institutionen versucht auch das «Theater Effingerstrasse» in Bern, Jugendliche als Zielpublikum zu gewinnen. Das neue Stück «Spaceman» bietet Schülerinnen und Schülern der Oberstufe Gelegenheit, auf der Bühne Jugendthemen zu entdecken.

Ungewohntes tut sich an der Effingerstrasse: Im Traditionstheater, das in den vergangenen Jahrzehnten mehrheitlich von der älteren Generation besucht wurde, treten zwei junge Schauspielerinnen in Raumanzügen auf. Ausdrücke wie «Fuck», «Kacke», «Wichsen» fallen mehrfach. Der Text ist durchzogen mit englischen Passagen. Nicht nur im jugendlichen Slang, in der gesamten Inszenierung dringt die Erlebnis- und Gedankenwelt der jungen Generation durch: Die Gesten, das Sounddesign, das Bühnenbild, die Lichtwechsel, die wechselnden Stimmungen erinnern eher an eine Disko als an eine klassische Guckkastenbühne.

Molly erwacht in ihrem Astronautensessel (Larissa Keat).

Gezeigt wird an der Effingerstrasse die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks «Spaceman», geschrieben vom US-amerikanischen Autor Leegrid Stevens, der in New York lebt. In Brooklyn führt der Autor und Theatermacher gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin Erin Treadway, das «Loading Dock Theater». Verantwortlich für die Berner Inszenierung ist Regisseur Philipp Jescheck. Die Übersetzung hat Larissa Keat gemacht. Das Bühnenbild stammt von Michele Lorenzini, die Kostüme sind von Sarah Bachmann. Die Astronautin Molly Jennis und ihr Spiegelbild wird von den Schauspielerinnen Larissa Keat und Julia Sewing verkörpert.

Kommunikation sieht anders aus

Die Handlung wirkt futuristisch: Der erste Mensch auf dem Mars soll eine Frau sein. Seit acht Monaten ist Molly in ihrer Raumkapsel unterwegs zum roten Planeten. Mit an Bord sind ihre Pflanze Sip und Jim, eine computeranimierte Stimme, mit der sie einfache Gespräche führt und die ihr Nachrichten und Interviews von der Erde vorspielt. Das Team der Kontrollstation ist Mollys einziger realer Kontakt. Doch jedes Mal dauert es zehn Minuten, bis ein Satz in Houston ankommt, und genauso lange braucht die Antwort. Wirkliche Kommunikation sieht anders aus.

Euphorie kommt auf, als der eigene Club den Football-Final gewinnt (Julia Sewing).

Die Astronautin schaut leidenschaftlich gerne American Football, ist unerwarteten Meteoritenstürmen ausgesetzt und träumt mit einer Nahrungstube in der Hand von Eiern mit Speck. Sie vermisst die Küsse ihres Freundes Harry und einen guten Kaffee. Das Personal der Bodenstation erwartet von ihr, dass die junge Wissenschaftlerin perfekt funktioniert. Sie soll sich bei Medieninterviews so präsentieren, wie es Sponsoren und Publikum erwarten. Molly gerät während der achtmonatigen Reise durch das Weltall immer stärker unter Druck. Je mehr sie sich von der Erde entfernt, umso näher kommt sie sich selbst und ihrer eigenen Wahrheit.

Nachdenken über das eigene Ego

Die im Stück angetönten Themen sind vielfältig: In «Spaceman» werden die Schwierigkeiten der interplanetaren Raumfahrt lebendig. Strahlungsbelastung, Robotik, neue Welten, langfristige Schwerelosigkeit, wenig Licht, beträchtliche Kommunikationsverzögerungen und mangelnde Hygiene sind nur einige der Herausforderungen, denen sich Astronautin Molly als erste Reisende zum Mars stellen muss. Aber sie entdeckt bald, dass das nichts ist im Vergleich zu den psychologischen Auswirkungen, monatelang in einer kleinen Kapsel mit sich allein zu sein. Die Zeit verbringt die Astronautin damit, über Entscheidungen nachzudenken, die sie getroffen hat oder sich zu fragen, was sie wohl erwarten wird, wenn sie endlich ihr Ziel, den Mars, erreicht. Es geht um Identität, Selbstbestimmung, zwischenmenschliche Beziehungen, Einsamkeit, Selbstbilder und Fremdbilder, Grenzerfahrungen, Gott und (natürlich) um die Liebe.

Die Schwerelosigkeit ist gut nachvollziehbar (Larissa Keat).

Die Berner Inszenierung ist originell, schnell, zuweilen grell, laut, aber in weiten Teilen auch sehr witzig. Die beiden Protagonistinnen spielen mit vollem Einsatz, differenziert, einfach grandios. Die Schwerelosigkeit ist bis in die Zuschauerränge spürbar, die Verzweiflung auch, als die Bordelektronik ausfällt. Ekstatische Freude kommt auf, als der geliebte Football-Club den Superball gewinnt. Menschliche und roboterhafte Stimmen ergänzen die beiden Schauspielerinnen. Das Timing zwischen den live gesprochenen Passagen und den Einspielungen ist so perfekt, dass man die technischen Tricks als Zuschauer gar nicht wahrnimmt. Insgesamt ein toller Theaterabend. Nicht weniger als zwanzig Schüleraufführungen sind tagsüber geplant, um das Stück auch Schulklassen der Oberstufe zu zeigen. Ein massiv reduzierter Eintrittspreis und eine 22seitige Mappe mit Begleitmaterial für den Unterricht locken zu einer Schulreise nach Bern, ins Theater.

Die Astronautin und ihr Spiegelbild. (links Julia Sewing, rechts Larissa Keat).

Wer nach den Corona-Lockdowns das Publikum zurückgewinnen will, muss innovativ sein und fürs Theater neue Publika erschliessen. Die neue Intendantin der Effingerstrasse, Christiane Wagner, wagt diesen Weg gleich zweigleisig: In der laufenden Saison sind mehrere Produktionen auf Jugendliche ausgerichtet, inkl. Begleitmaterial für den Unterricht. Ausserdem findet am Sonntag, 22. Januar 2023, im Theater ein Überraschungstag statt, an dem es um das Reiseland USA geht: Mehrere Veranstaltungen drehen sich um das Thema Raumfahrt, amerikanische Literatur, amerikanisches Essen, und das Berner Reisebüro Lehmann bietet Beratungen für die Ferienplanung an. Man darf gespannt sein, ob die neue Strategie von Christiane Wagner Früchte trägt und sich mehr Jugendliche ins Theater getrauen, ohne dass das ältere Stammpublikum zu sehr vergrault wird.

Titelbild: Die Astronautin Molly (hier dargestellt durch Julia Sewing) bedient die Elektronik im Cockpit. Alle Fotos  © Severin Nowacki.

LINK  Das Theater an der Effingerstrasse

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