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«Inside – Outside»

In der Kunstwerkstatt der Berner Psychiatrieklinik Waldau treffen derzeit zeitgenössische Arbeiten eines etablierten Malers, eines sogenannten Insiders, auf Werke von künstlerischen Outsidern, von Menschen mit Psychiatrieerfahrung.

Der Verein Kunstwerkstatt Waldau existiert seit 2003. Hauptinitiant war Otto Frick, der damalige Malermeister an der UPD (Universitäre Psychiatrische Dienste) Bern. Malen und Zeichnen sind seit Jahrzehnten, seit der Entdeckung von Adolf Wölfli, ein wesentlicher therapeutischer Ansatz in der UPD Bern. So ist bekannt, dass das, was über die Hand auf das Papier gebracht wird, die Patientinnen und Patienten beruhigt und befreit. Manche so therapierten Menschen finden in der gestalterischen Tätigkeit einen neuen Lebenssinn. Ihr Talent können sie aber nach der Entlassung aus der Klinik mangels geeigneter Räumlichkeiten oft nicht mehr ausleben.

Pionierin Madeleine Mollet war in der Kunstwerkstatt von Anfang an dabei.

Hier setzt die Kunstwerkstatt Waldau an. Der Verein stellt allen Kunstschaffenden mit Psychiatrieerfahrung auf dem Gelände der Waldau ein Atelier, Farben und eine Betreuungsperson unentgeltlich zur Verfügung, damit sie ihrer künstlerischen Tätigkeit auch nach einem Klinikaufenthalt nachgehen können. Im Weiteren organisiert die Kunstwerkstatt Ausstellungen sowie Events, um die Werke der Kunstschaffenden mit Psychiatrieerfahrung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 35 waren es bisher. Die Künstlerinnen und Künstler erhalten dadurch auch eine Resonanz auf ihre Arbeiten. 2021 erhielt der Verein den Preis der Burgergemeinde Bern für Inklusion.

Erstmals werden nun zwei bisher getrennte Kunstwelten verbunden, die der etablierten Insider mit der Welt der sogenannten Outsider. Im Erdgeschoss der ehemaligen Futterscheune zeigen neun ehemalige Patientinnen und Patienten der Waldau ihre Werke. Im ersten Stock gibt Alex Zürcher, freischaffender Maler und Dozent für Malkurse und Malferien im In- und Ausland, einen Einblick in seine verrückte Welt. Die extra für die Ausstellung in nur sieben Wochen geschaffenen Bilder passen zur Umgebung der Scheune und zeigen Stoppelfelder, Baumarten, Strohwitwen, Holzköpfe und andere Antistars.

Regina Eichenberger (48)

«Aus Essenztropfen aus der Vergangenheit eine neue Zukunft entstehen lassen.»

Spannend sind die Lebensgeschichten der ehemaligen Patientinnen und Patienten im Erdgeschoss: Nach einem unruhigen Leben mit einem Berg an Interessen und Neigungen hat Regina Eichenberger 2022 Zugang zur Kunstwerkstatt und zur Malerei gefunden. «Die Vielfalt ihrer Talente ermöglicht es ihr, immer wieder neue Wege zu finden. Sie erfährt sich in allem, was ihr begegnet. Die Verbundenheit ihres Wesens mit der Erde und dem Ursprung allen Seins als zentrales Lebensprinzip hat für sie grosse Wichtigkeit», heisst es in ihrer Biografie.

Madeleine Mollet (77)

Farbige Fantasiewelten und Figuren als Spiegel des Lebens.

Die 77-Jährige Bernerin ist in der Kunstwerkstatt von Anfang an dabei. Sie begann während eines Aufenthalts in der Waldau zu malen und nahm sogar Kurse bei Alex Zürcher. Ihre kolorierten Tuschzeichnungen erinnern an den Autodidakten Adolf Wölfli. Seit 2003 veröffentlicht Madeleine Mollet Texte und Zeichnungen in der hausinternen Zeitschrift der Psychiatrieerfahrenen «Kuckucksnest». Ausser in der Schweiz hat sie auch in Japan, den Niederlanden und in Frankreich ausgestellt. Am vergangenen Donnerstag war die Künstlerin im Atelier gerade damit beschäftigt, eines ihrer Werke auszubessern. Stolz zeigte sie interessierten Besucherinnen und Besuchern ihre Welt. Nach getaner Arbeit genoss sie dann vor der ehemaligen Futterscheune Kaffee und eine Zigarette.

Lechi Abaev (65)

Der Wahnsinn von Gewalt, Terror und Krieg, aus sicherer Distanz.

Der Kirgise Lechi Abaev hat eine äusserst bewegte Geschichte hinter sich. In seiner Heimat Tschetschenien und in Kirgistan ist er ein bekannter zeitgenössischer Maler und Kunstlehrer. In Grozny gründete er an der Pädagogischen Hochschule die Kunstfakultät. Im Bürgerkrieg nahmen ihn die Russen gefangen. Mehr als 300 seiner Bilder wurden zerstört. 2011 kam er in die Schweiz und begann während Therapien wieder zu malen. Was derzeit in der Ukraine geschieht, beschäftigt den Künstler extrem. Mit dem Pinsel wehrt er sich gegen die Verbrechen an den Menschen und macht mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen aufmerksam auf die Schrecken von Gewalt, Terror und Krieg.

Rebecca Schmid (55)

Einblick in das Innenleben der Künstlerin.

In New York geboren, kam die Kunstschaffende als Einjährige in die Schweiz und besuchte schon als Kind eine Malschule. In der Sekundarschule erkrankte sie, absolvierte aber trotzdem an der Kantonalen Schule für Gestaltung in Luzern eine Ausbildung. Ihr Studium schloss sie mit dem Diplom für Freie Kunst ab. 2016 zog Rebecca Schmid nach Bern und wurde wegen ihrer schweren psychischen Krankheit mehrfach in der Waldau therapiert. Dort gelang ihr der Wiedereinstieg ins zeichnerische Arbeiten und Modellieren von Köpfen. 2020 schloss sie sich der Kunstwerkstatt an. Ihre Selbstbildnisse geben ein eindrückliches Bild einer begabten Malerin wieder.

David Wolf (55)

Abstrakt, unruhig, farbig: Raum für Interpretation.

Der Baselbieter Maler kam 1995 in die Region Bern. Bei bundesnahen Betrieben war er bis 2017 im Marketing und im Kundendienst beschäftigt. Seit 2016 beschäftigt er sich intensiv mit Kunst, zuerst im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Bümpliz, dann in der Waldau und seit Oktober 2017 in der Kunstwerkstatt. Seine Bilder sind abstrakt, farbig und spiegeln ein angeregtes Seelenleben wieder. Die weiteren Künstlerinnen und Künstler mit Psychiatrieerfahrung, die in der aktuellen Ausstellung ihre Bilder zeigen, heissen: Elmar Hempel, Doris Russ-Buhrow, Caroline Saidi, Dorota Solarska. Der Verein besteht aus über 35 Kunstschaffenden und über 100 weiteren Mitgliedern.

Alex Zürcher (73)

«Malen macht frei.»

Alex Zürcher ist bekannt für seine Bilder von Landschaften, Bergen, Orten, Blumen, Menschen und Tieren. Quelle zu Inspirationen fand er in der ehemaligen Futterscheune der Waldau. Seine neusten Bilder, gemalt in Acryl auf Leinwand, in den Formaten ab 100 x100 Zentimeter, nehmen Bezug auf das in der Scheune vorhandene Stroh, Holz, Tierfutter und beinhalten immer wieder Wortspiele. «Malen macht frei» lautet der Titel eines Bildes, «Edle Strohwitwen» ein anderes. Unter den 25 grossformatigen Kunstwerken entdeckt man einen «Catwalk der Strohladies», «Holzköpfe», aber auch die «Unglaubliche Schönheit der Raubkatzen». Malen ist für den Kunst-Insider «Freiheit, Fantasie, Farbfreude und Mut.» Exakt dieselbe Beschreibung dürften sich auch seine Outside-Kolleginnen und -Kollegen im unteren Stockwerk, die Künstlerinnen und Künstler mit Psychiatrieerfahrung, auf die Fahne schreiben.

«Josette – die sagenumwobene Frau aus der Altstadt in Fribourg».

Zürchers Konzept für seine «Rauminstallation in Bildern»: «Bestimmende Elemente sind die Weite des Raums, Holz, Stroh. Ein werkstattmässiger Kontext: Unkompliziert, rauh, roh, natürlich, die Scheune als Galerie: Es geht um das grosse Ganze». Gesucht wird der Dialog zwischen Lebewesen: Wildkatzen und Strohwitwen, Strohmännern und anderen Protagonisten. Darum auch «Die fliegenden Fahnen – Symbole für Stoppel und Stroh». Entstanden sind Zürchers Bilder in einem Guss, im Winter 2022/2023.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Karin Feuz-Ramseyer und Carlo Imboden. Sie ist noch bis zum 11. Februar 2023 in der Berner Waldau zu sehen.

Öffnungszeiten:
Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Samstag: 14.00 – 17.00 Uhr
Freitag: 09.00 – 12.00 Uhr

Titelbild: Die Kunstwerkstatt der Waldau. Vor der ehemaligen Futterscheune macht Madeleine Mollet Pause und trinkt einen Kaffee. Alle Fotos PS.

LINKS

Kunstwerkstatt Waldau

Homepage von Alex Zürcher

Biografie von Alex Zürcher

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