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«Sind Weiber auch Menschen?»

Die Multimediaprojektion «Kraftakt Frauenstimm- und Wahlrecht» ist im Landesmuseum zu Gast: So haben Tausende von Schweizerinnen für ihre politischen Rechte gekämpft.

Das Projekt Hommage 2021 zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts, getragen vom gleichnamigen Verein, wurde damals gleich ein Opfer von Corona. Es war zwar rechtzeitig zustande gekommen, die Multimediaschau wurde im Jubeljahr auch an der Fassade des Parlamentsgebäudes gezeigt, aber das Echo war bescheiden. Seit Februar 2023 ist die Projektion wieder sichtbar, endlich mit verdienter Vernissage und vielen Begleitveranstaltungen, die im Lockdown nicht möglich gewesen waren.

Das Interesse an der Multimedia-Projektion ist gross. © Schweizerisches Nationalmuseum

Uns scheint der Weltfrauentag der passende Moment, bei der künstlerischen Leiterin Liliana Heimberg nachzufragen. Viele von uns haben 1971 das Ja der Männer gefeiert, später Geborene haben miterlebt, wieviel Energie, Arbeit und Enttäuschung der Kampf für ihre Mütter und Grossmütter war, und für die Klimageneration ist jener Abstimmungssonntag, der die Schweiz endlich nach dem Jemen 1970 und vor Bangladesh 1974 mit den Umländern in Europa gleichstellte, längst Geschichte. Selbst wenn ihnen bewusst ist, es gibt auch für die Gleichstellung noch viel zu tun.

Liliana Heimberg, Theaterpädagogin und Regisseurin. Foto: © André Albrecht

Liliana Heimberg erinnert sich: «Meine Mutter war Italienerin und hatte ihr Wahlrecht mit der Heirat eines Schweizers wieder verloren. Sie empfand die Schweiz als rückständig, damals in den 50er und 60er Jahren. Aber als Kind habe ich das nicht verstanden.» Liliana und ihre ältere Schwester durften den Vater jeweils sonntags zum Abstimmungslokal begleiten, wo er sie dann draussen stehen liess. Abstimmen und Wählen waren irgendwie geheime Männersache.

Frauensache dagegen ist es nun, der Geschichte der Frauenrechte auf den Grund zu gehen: «Es war ein Riesenaufwand, bis die Multimedia-Projektion vor zwei Jahren am Parlamentsgebäude auf dem Bundesplatz laufen konnte. Aber es war wichtig, diesen Aufwand zu leisten und im politischen Zentrum der Schweiz zeigen zu können. Die Vernissage und die Präsentation im Landesmuseum ist für uns nun ein symbolischer Schritt: Die Schweizer Geschichte muss jetzt neu gedacht werden.»

Liliane Heimberg arbeitete mit einem Expertinnen-Team zusammen, vor allem mit der Historikerin Franziska Rogger. Nicht nur, dass das gespiegelte Stück Geschichte nun Kraftakt Frauenstimm- und Wahlrecht heisst, die Recherche und Realisation war ein ebensolcher Kraftakt: «Aussagekräftige Bilder aus der Geschichte der Frauen sind selten.» 350 historische Aufnahmen, Plakate, Porträts, Dokumente wurden mit grafischen Elementen, Sound- und Lichteffekten zur grossen Schau über ein Stück peinliche Demokratiegeschichte der Schweiz und ein Stück grossartiger Frauensolidarität und -Kreativität zusammengebaut.

Bildauszug 8: Fotodokumente von Frauenarbeit im zweiten Weltkrieg bei der Armee und in der Wirtschaft. (Quelle: Hommage 21)

Dass das Land und die nächste Generation in die Geschichte einbezogen werden war Liliana Heimberg wichtig, denn sie verfolgte einen regionalen Ansatz für das Projekt. So bekamen Schulklassen in allen Kantonen den Auftrag, zwei Vertreterinnen aus der Geschichte des Kampfs um Gleichstellung auszuwählen: «Manchmal haben wir leer geschluckt, wen sie uns präsentierten,» sagt Liliana Heimberg, aber die Suche nach weiblichen Vorbildern hat zu einer teilweise überraschenden Porträtsammlung des Projekts Hommage 21 geführt und zu 60 neuen Einträgen im Historischen Lexikon der Schweiz, wo natürlich noch immer vorwiegend Männer ihren Eintrag haben.

Bildauszug 7: Saffa 1928 mit der Schnecke als Symbol für das Tempo in der Gleichstellungspolitik (Quelle: Hommage 21)

Wer sich den «Kraftakt» nun im Landesmuseum oder schon auf dem Bundesplatz angeschaut hat, kann sich da und dort erinnern, zum Beispiel an die Bedeutung der beiden Saffa-Ausstellungen, erfunden, errichtet und getragen von Frauen und ihren Organisationen. Sie waren 1928 und 1958 Mittel im Kampf um die gleichen Rechte. Oder an das Bild der grossen Demonstration mit Emilie Lieberherr, an Fotos, die vor zwei Jahren bei der grossen Ausstellung zum Frauenstimmrecht im Landesmuseum gezeigt worden waren.

Aber die Projektion bietet mehr, oder anderes, nämlich Fakten und Emotionen: Zum Beispiel eine Sequenz mit Hochzeitsbildern aus dem frühen 20. Jahrhundert: Die Bräute verschwinden, übrig bleiben die Männer, die ja das Sagen hatten und entsprechend reagierten, als Iris von Roten mit Frauen im Laufgitter die Misere knallhart formulierte.

Bildauszug 5: Aus Familienalben je die Hälfte der Hochzeitsfotografie und als Mittelpunkt der Delegierte für Frauenfragen beim Bundesrats, der allein Sprecher für die Anliegen der Frauen war. (Quelle: Hommage 21)

Oder gleich nach der viersprachigen Einführung mit Frauen aus Stadt und Land der knallige Ausgangssatz: «Sind Weiber auch Menschen?» Daran zweifelte noch vor einigen Jahrzehnten sogar ein Teil der männlichen Wissenschaft.

Wie heftig, unerbittlich und nachhaltig der Kampf der Frauen um gleiche Rechte war, wird eindringlich dargestellt, beispielsweise das Anliegen von Aktivistinnen, bei der Weltausstellung in Chicago 1893, mitmachen zu dürfen: Abgeschmettert vom Bundesrat, weil zu teuer. Nach dem 1. Weltkrieg – Frauen unterstützten die Soldaten mit Geld und den Soldatenstuben – kam Hoffnung auf, aber diese wurde auch nach dem 2. Weltkrieg zunichte gemacht: Die vielen tausend Frauen, die in Industrie, Dienstleistungsunternehmen und Landwirtschaft ganze Arbeit geleistet hatten, mussten zurück an den Herd.

Emilie Lieberherr bei der Grosskundgebung Marsch auf Bern 1996: «Mänscherächt für beidi Gschlächt!»  © Schweizerisches Nationalmuseum

Nochmals ging eine Vorlage an der Urne bachab, obwohl Parlament und Bundesrat für die Gleichstellung votiert hatten. Folge der direkten Demokratie, wo jeder Stimmbürger mitreden kann – es sei denn, er sei weiblich. Aber in den 60er Jahren weichten die Fronten auf. Als der Bundesrat 1968 die Menschenrechtskonvention unterzeichnen wollte, wehrten sich die Frauen erneut vehement, und das internationale Image der Schweiz war eine Peinlichkeit. Erst in einzelnen Gemeinden und im Welschland schon 1959, später auch in den beiden Basel und im Tessin und endlich im Bund wurde das allgemeine Stimm- und Wahlrecht eingeführt.

Blick auf die Projektion, hier auf eine Sammlung von Ja- und Nein-Plakaten. © Schweizerisches Nationalmuseum

Als die UNO 1975 den „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ erstmals mit einer Feier am 8.  März 1975 ausrichtete, hatten auch die Schweizer Frauen seit rund vier Jahren das Stimm- und Wahlrecht: ein Geschenk der Stimmbürger – ein Meilenstein, aber auch ein Zwischenstopp auf dem langen Marsch für gleiche Rechte für alle. Das Landesmuseum ermöglicht nun einem breiten Publikum, das Projekt über die immensen Leistungen von Tausenden von Schweizerinnen für ihre Chancengleichheit zugänglich zu machen.

Umfrage: Was bedeutet Ihnen die Geschichte für die politische Gleichstellung der Frauen? Haben Sie eine persönliche Erinnerung an den Kampf um das Frauenstimm- und Wahlrecht? Waren Sie auf einer der Kundgebungen? Gibt es überlieferte Geschichten in Ihrer Familie? Schreiben Sie uns. Vielen Dank! (Mail an: eva.caflisch@gmx.net)

Titelbild: Schlüsselbild der Ausstellung «Kraftakt Frauenstimm- und Wahlrecht». Projektion Hommage 2021

Bis: 16. April
Hier finden Sie Informationen zur Präsentation und zu den Veranstaltungen im Landesmuseum
Hier geht es zur Geschichte des Kraftakts und des Projekts Hommage 21
Am 8. März, also heute findet im Landesmuseum ein Gespräch mit Franziska Rogger und Liliana Heimberg statt: Aus dem Schatten geholt. Unbekannte Pionierinnen sichtbar machen

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3 Kommentare

  1. Schon nur der Titel dieser Kolumne macht mich wütend. Das Wort Weib = Frau wurde über Jahrhunderte von Männern als abwertende Bezeichnung einer Frau benützt. Für mich ist das Wort «Weib» gesellschaftlich gleichbedeutend wie das Wort «Neger» für schwarze Menschen. Obwohl die Worte aus der Öffentlichkeit verschwunden sind, bleibt die Diskriminierung der betroffenen Menschen weiterhin bestehen.
    Ich habe mich schon als junges Mädchen mit den Schwarzen in Amerika und ihrem Kampf für Gleichberechtigung solidarisiert. Mein erstes Poster in meinem Teenagerzimmer war die Grossaufnahme von Schauspieler Sidney Poitier und meine erste Langspielplatte, die ich mir leisten konnte, war von Steve Wonder; die LP habe ich heute noch.

    Dass Menschen sich immer noch über andere stellen und damit andere abwerten, nur weil sie nicht die gleiche Hautfarbe, die gleiche Herkunft, den selben Status, denselben Glauben oder andere Ziele und Vorstellungen vom Leben und unserer Welt haben, ist meiner Meinung nach die Wurzel allen Übels, das wir auf unserem Planeten ertragen müssen. Die Negierung der Menschrechte, besonders auch derjenigen der Frauen, die die Hälfte der Menschheit ausmacht, ist nicht nur zutiefst ungerecht sondern auch sehr sehr dumm.

  2. Mit grosser Lust, habe ich jahrelang, als Bühnenkünstlerin/Liederweib, an vielen Veranstaltungen mein Lied
    «Weiber an die Macht» gesungen!
    Der Schlusssatz lautet
    «Weiber haben Macht»

    Dorothea Walther

    • «Weiber haben Macht» hat in diesem Zusammenhang etwas archaisches, etwas urtümliches, meint das machtvolle Urweib in einer Zeit, als das Wort Weib absolut positiv besetzt war. Künstlerinnen und Künstler haben ja immer die Freiheit, sich anders ausdrücken, als was in der Gesellschaft grad so gilt, und das ist gut so.

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