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Märchen als metaphorische Erzählung

Wunderbar, wie die Märchen im Gedächtnis haften, die Mutter uns erzählte hatte und die mich durchs Leben begleiteten. «Der Wolf und die sieben Geisslein» war mein Lieblingsmärchen. Wenn ich so über die Geschehnisse in der Welt nachdenke, fällt es mir immer wieder ein.

Die schützende Mutter verlässt ihre sieben Geisslein und warnt die Kinder vor dem Wolf. Sie wolle für alle Futter holen, sagt sie, und werde bald zurück sein. Der Wolf sei ein schlimmer Räuber. Er sei böse, habe eine tiefe Stimme und schwarze Pfoten. Sie dürften auf keinen Fall die Türe öffnen. Als die Mutter das Haus verlässt, schleicht der Wolf heran und bittet mit dunkler Stimme um Einlass. Die Kinder rufen: «Du bist der Wolf! Du hast eine raue Stimme!» Der Wolf geht ins Dorf, kauft Kreide, frisst sie und schmeichelt mit sanft verstellter Stimme.

Die Kinder erkennen den Wolf aber auch an den schwarzen Pfoten. Er geht zum Bäcker und lässt sich die Pfoten mit Teig bepflastern. Und als dies nicht genügt, rennt er zum Müller, der sie mit Mehl bestäubt. Endlich lassen sich die Geisslein täuschen und öffnen die Tür. Allein das kleinste kann sich vor dem Fressen retten. Es versteckt sich im Uhrenkasten.

Die metaphorische Erzählung des Märchens stösst den Übertragungseffekt an, der lautet: Das Böse und Schlechte versucht wie der Wolf mit Täuschung und Lügen seine Absicht zu erreichen. Es ist der «Wolf im Schafspelz», wie ihn ein Sprichwort bezeichnet. Jeder Leser und jede Leserin wissen, wie die Geschichte weitergeht. Sie lehrt, unbekannten Stimmen zu misstrauen.

Die Ukrainer kannten den Wolf und hüteten sich vor ihm. Die uralte Erfahrung, dass, wer Macht besitzt, gefährlich ist und zur Aggression neigt, spiegelt sich im Märchen. Es warnt vor der getäuschten Friedfertigkeit, die den Schwachen vorgibt, harmlos zu sein. Putin hat viel Kreide gefressen und die Pfoten geweisselt.

Die metaphorische Erzählung des Märchens lässt erkennen, dass sich sogar im Kleinen unerfahrene Menschen leicht täuschen lassen. So erzählen Lügner etwa alten Menschen Enkel- und Schauergeschichten und ergaunern sich Geld. Was im Kleinen geschieht, verfängt im Grossen. Oft hetzt ein ganzes Rudel gegen ein mögliches Opfer.

Je grösser und mächtiger das Rudel ist, desto angriffiger wird es: «Ich werde dich kriegen! Du wirst mein Opfer!» Auch die Wirtschaftsgeschichte berichtet von vielen feindlichen Übernahmen schwächerer Unternehmen. Die Macht will sich ausweiten und immer noch grösser werden. Aber sie gerät oft selber in Gefahr, an ihrer Grösse zu scheitern. Der Leitwolf ist gezwungen, zum Diktator zu werden, damit er die Macht erhalten kann. Er nimmt sogar in Kauf, dass er sein eigenes Volk unfrei macht und versucht, es in den Fängen seiner Grösse gefangen zu halten.

Der Kleine wird niemals zu einem Aggressor. Die Schweiz sah sich nach der Niederlage von Marignano 1515 gezwungen, ihre Grossmacht-Träume aufzugeben und klein zu bleiben. Zu ihrem Glück! So konnte sich ein liberaler Pluralismus behaupten. Ich freue mich und bin dankbar, dass ich mich mit dem Geisslein im Uhrenkasten identifizieren und frei bleiben konnte.

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3 Kommentare

  1. Ein schöner Vergleich und zutreffend. Der Satz «Putin hat viel Kreide gefressen und die Pfoten geweisselt», gefällt mir in diesem Zusammenhang besonders gut. Aber bei diesem Thema muss sich wohl jede und jeder an die eigene Nase fassen und ehrlich zu sich selber sein. Obwohl es zurzeit so aussieht, dass demokratische Werte verlieren, Lügen und Täuschungen überhand nehmen, glaube ich weiterhin an die Vernunft des Menschen, weil wir m.E. nur mit Einsicht und mitmenschlichem Denken als Spezies Mensch in Frieden auf der Erde überleben werden.

  2. Ich finde diese Darlegung/Auslegung ganz aktuell spannend : Märchen methaphorische Erzählung (früher)
    und heute: «Prägende Kinderfiguren» durch
    Marie Meierhofer Institut für das Kind, Zürich Pfingstweid Ausgabe April 2023, dargelegt; wie «Tik Tok»
    «Pawel» usw. weiss de Gugger was die Kinder auf TV zu sehen, unterhalten bekommen.

    So gesehen, sind die Auseinandersetzungen die gleichen. Es empfiehlt sich, damit sich auseinanderzusetzen.

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