StartseiteMagazinKulturBasquiat – ein Stern der zu schnell verglühte

Basquiat – ein Stern der zu schnell verglühte

Der Hype um Superlative bei Kunst, Preisen und Prominenz an der Art Basel ist passé. Ein grossartiges Werk bleibt bis Ende August: die «Modena-Paintings» von Jean-Michel Basquiat in der Fondation Beyeler (Riehen BS).

Vier Jahrzehnte hat es gedauert, bis die acht Bilder, die Jean-Michel Basquiat in rund einer Woche für eine Ausstellung in Modena gemalt hatte, erstmals gemeinsam gezeigt werden können. Seinerzeit kam die Ausstellung wegen Unstimmigkeiten nicht zustande, die riesigen Leinwände gingen an verschiedene Galeristen und wurden in der Folge weltweit an Sammler verkauft. Der Fondation Beyeler und ihrem Direktor Sam Keller – einst Chef der Art Basel und Freund von Ernst Beyeler – ist das Zauberstück gelungen, die ganze Serie auszustellen, nachdem Beyeler 2010 die erste Basquiat-Retrospektive in Europa präsentieren konnte.

Ausstellungsansicht mit: Boy and Dog in a Johnnypump (Junge mit Hund in einem Hydranten-Sprühregen). Foto: © R. und E. Bühler

Die Figur des Jungen ist ein Selbstporträt. Foto: © Anna Barbara Neumann

Jean-Michel Basquiat, Sohn eines Vaters aus Haiti und einer puertorikanischen Mutter, wusste schon sehr früh, dass er ein grosser Künstler, ein Star werden wollte. In der überbordend kreativen Kunstszene von Soho in New York hatte er erfahren, dass Talent allein nicht ausreicht: Vermarktung ist nötig, ohne Alleinstellungsmerkmale geht nichts. Seine Ideen fand er in all dem, was ihm begegnete, von Alltagsgegenständen bis zu Hochkultur, von Literatur bis zu Werbesprüchen. Der Durchbruch gelang ihm gerade mal 20jährig. Er konnte bei der Gruppenausstellung New York/New Wave im Moma PS1 mitwirken. Seine Themen waren seit den Graffiti-Sprüchen, die er mit einem Freund aus der Highschool an Hauswände sprayte, Rassismus, Kolonialismus, Ausbeutung, Gewalt und Konsumwahn.

Blick in den Dokumentationsraum. Foto: © R. und E. Bühler

Zudem machte ihn die Hauptrolle im Dokumentarfilm Film Downtown 81 über die Undergroundszene in Manhattan bekannt. Er war der erste schwarze Künstler, der sich im Kunstbetrieb – einer Welt der Weissen – durchsetzen konnte, ein charismatischer Popstar des New Yorker Underground, bald ein Freund von Andy Warhol, der dank seines Erfolgs ein heisses Leben mit Parties, Frauen und Drogen führte, wenn er nicht malte. Er malte und zeichnete jedoch mit einer unglaublichen Produktivität, als ob er gewusst hätte, wie wenig Zeit ihm blieb, und hinterliess nach seinem frühen Tod ein riesiges Werk an Zeichnungen, Objekten, Gemälden.

The Guilt of Gold Teeth, 1982. (Ausbeutung, Unterdrückung, Diktatur, Haiti unter Papa Doc könnten hier Themen sein.) Nahmad Collection © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto: Annik Wetter

Als jüngster Künstler wurde er 1982 auf die Documenta in Kassel eingeladen. Das weckte auch Neid und Missgunst, Basquiat war ein Schwarzer und erst noch ein Autodidakt. Aber er war alles andere als naiv, auch wenn die Malweise auf den ersten Blick unbeholfen wirkt. Basquiat hat sich nicht nur mit seiner Herkunft und seiner Umwelt auseinandergesetzt, in seinen Werken spiegelt sich ein umfassendes Wissen um abendländische Kunstgeschichte, um Weltkulturen. Was immer er sah, hörte, las, sog er wie ein Hungernder in sich auf und setzte es direkt in seiner Arbeit um. Manche Fachleute reden von einer Copy and Paste Haltung bevor der Begriff existierte. Darum wohl bleibt seine Malerei so aktuell.

Untitled (Cowparts), 1982. Aby Rosen Collection New York © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto: Adam Reich

Aus der Bahn warf ihn der unerwartete Tod seines Freunds und Mentors Andy Warhol nach einer Operation 1987. Kein Jahr später starb Basquiat an einer Überdosis harter Drogen. Der helle Stern des weltweiten Kunstbetriebs war plötzlich verglüht, sein Ruhm aber wurde nur grösser, seine Bilder gehören zum Teuersten, was überhaupt zu haben ist. Bei der Art Basel stand Basquiats Gemälde Hardware Store für 40 Millionen Dollars im Angebot, das teuerste Werk auf der ganzen Kunstmesse.

In den frühen 80er Jahren förderten ihn Galeristinnen wie Annina Nosel, New York, Bruno Bischofberger, Zürich, und Emilio Mazzoli, Modena. Bei Mazzoli in Modena verbrachte Basquiat 1981 und 1982 einige Wochen. Beim zweiten Aufenthalt malte er in nur einer Woche die acht grossen Leinwände, die mit dem Label The Modena Paintings in die Kunstgeschichte eingegangen, aber bis jetzt nie zusammen gezeigt worden sind. Möglich, dass es auch das letztemal ist.

Profit 1, 1982. Privatsammlung Schweiz © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto: Robert Bayer

Die Leinwände hat Basquiat in der Lagerhalle vorgefunden, wo er malen konnte, sie waren mehr als zwei mal vier Meter gross. So entstand eine Gruppe von Gemälden, die grösser waren als was Basquiat bisher gemalt hatte. Auch wenn er sich mitunter über den Auftrag ärgerte und kein «Galeriemaskottchen» sein wollte, nahm er die Aufgabe ernst und vollendete die Serie.

Blick in den Ausstellungsraum mit: The Field to the Other Road, 1982, und Untitled (Devil), 1982. Foto: © R und E. Bühler

Mehrere Modena Paintings sind von einem schwarzen Kopf oder einer riesigen schwarzen Figur dominiert, immer auf einem in gestischer Malerei gepinselten Hintergrund. Hinzugefügt die schwer oder gar nicht entzifferbaren Kritzeleien, Wörter, Buchstaben, Zahlen, Dollarzeichen auf den Bildern mit den Titeln Profit 1 oder The Guilt of Gold Teeth. Zwei Gemälde zeigen eine Kuh – vielleicht inspirierte ihn die Landschaft um Modena, die so anders war als das hektisch pulsierende Manhattan, zu dem Motiv.

Jean-Michel Basquiat war unter den ersten, die nach der Phase der intellektuellen Konzept- und Minimalkunst zur figurativen und expressiven Malerei fanden. Wilde Gestik und ein rasendes Tempo bei der Umsetzung vermitteln auch nach Jahren die Dynamik des Farauftrags, verbunden mit einer stringenten Komposition, beides sozusagen direkt aus dem Hirn oder auch der Erinnerung auf die Leinwand gezwungen. Acryl, Ölkreide und Sprayfarbe waren seine Malmedien.

Untitled (Woman with Roman Torso [Venus]), 1982. Privatsammlung © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto: Robert Bayer

Wiederholt tauchen in den acht Gemälden Heiligenscheine auf – oder sind es Dornenkronen? Die Figuren haben ihre Arme ausgebreitet erhoben. Eine Geste des Triumphs, der Begeisterung oder auch der Angst und des Entsetzens, je nach Ausdruck der schwarzen Figur, die fast immer als Skelett mit Totenschädel dargestellt ist.

Sieben Bilder des Zyklus hängen nun an den Wänden eines grossen Saals, Untitled (Woman with Roman Torso (Venus)) dominiert das Foyer. Ein Dokumentationsraum mit Fotos, Videos und Text erschliesst die Geschichte der acht Modena-Gemälde. Wer mehr wissen will, ist mit dem Katalog The Modena Paintings gut bedient. Wer sich gern mit einem Basquiat schmückt, dem sei der Museumsshop empfohlen. Ein bedrucktes T-Shirt ist für knapp hundert Franken zu haben.

Titelbild: Untitled (Angel), 1982. Privatsammlung © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Foto: Robert Bayer
Bis 27. August
Weitere Informationen für Ihren Besuch der Ausstellung
Katalog: Basquiat. The Modena Paintings hg. von Iris Hasler und Sam Keller für die Fondation Beyeler. 42 Franken. ISBN 978-3-7757-5508-5 (deutsch); ISBN 978-3-7757-5509-2 (englisch)

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