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Rätselraten à la Puccini

Erst kürzlich hat Sondra Radvanovsky als Medea an der Met in New York brilliert, nun gibt sie am Opernhaus Zürich ihr gefeiertes Debüt als Turandot in Puccinis gleichnamiger Oper. Am Sonntag war Premiere.

Puccinis letzte Oper „Turandot“ ist ein Monument. Allein schon die Besetzung ist riesig: Neben dem üppigen Orchester im Graben gibt es eine Live-Kapelle, die wie aus weiter Ferne hinter der Bühne spielt. Und auch der Chor sprengt das übliche Mass: der Opernchor wird mit Zuzügern verstärkt, es gibt einen Zusatzchor, und auch der Kinderchor kommt zum Zug.

Der Chor wurde mit Zuzügern und dem Kinderchor verstärkt. Alle Bilder Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Ein Monument ist diese Oper aber auch, weil Puccini vor ihrer Vollendung verstarb; sie ist Fragment geblieben. Es fehlt der versöhnliche Schluss, in welchem sich die männerhassende Turandot und der unbekannte Prinz in Liebe vereinen. Es gibt eine von Franco Alfano vollendete Fassung, die üblicherweise auch gespielt wird. Doch Dirigent Marc Albrecht entschied sich für die Zürcher Produktion anders: er bricht dort ab, wo Puccini aufhörte, also nach dem Tod von Liú. Sie muss sterben, weil sie Turandot den Namen des Prinzen aus Liebe zu ihm nicht verrät.

Der Fluch einer Urahnin

Die Geschichte dreht sich um die schöne, aber hasserfüllte chinesische Prinzessin Turandot. Sie trägt den Fluch einer Urahnin in sich, die von einem Fremden vergewaltigt worden war. Turandot rächt sich nun an den Männern, indem sie sich ihnen verweigert. Sie wimmelt ihre Freier mörderisch ab: nur wer die drei Rätsel lösen kann, die sie ihnen stellt, darf sie heiraten. Und wer versagt, wird kurzerhand geköpft.

Szene mit Prinzessin Turandot (Sondra Radvanovsky) und ihrem Vater (Martin Zysset).

Doch trotz all dieser Morde will es der unbekannte Prinz (Calaf) erneut wagen. Er ist in Liebe verblendet, die Unnahbare zu erobern ist sein Ziel. Alle warnen ihn davor, doch er lässt nicht locker. Sogar seinen Vater, den die Lichtgestalt Liú zu ihm geführt hat, lässt er stehen. Er schlägt den Riesen-Gong dreimal, Turandot erscheint mit ihrem greisen Kaiser-Vater. Das Rätselraten um Liebe oder Tod beginnt.

Ein Liebhaber erster Güte

Star-Tenor Piotr Beczola verkörpert den Calaf mit Haut und Haar. Er vermag in dieser dramatisch fordernden Partie immer auch die innigen Töne überzeugend auszuspielen, man nimmt ihm das lodernde Begehren und die echte Liebe ab. Und als er in „Nessun dorma“, der wohl populärsten Tenorarie überhaupt, zum „vinceeeeero!“ ansetzte, gab es begeisterten Szenenapplaus.

Auch die Partie der Liú ist mit der lyrischen Sopranistin Rosa Feola wunderbar besetzt. Sie überzeugt in ihrem Rollendebüt mit suggestiver und doch lichter Stimme. Auch die ans Kitschige grenzende Schluss-Szene, in der sie trotz Morddrohung den Namen ihres geliebten Prinzen nicht verrät, gestaltet sie ganz natürlich. Sie wurde denn auch vom Premierenpublikum gebührend gefeiert.

Szenenbild mit Turandot und Liu (Rosa Feola) und Chormitgliedern.

Marc Albrecht schenkt den Sängerinnen und Sängern nichts, er fordert sie vielmehr mit vollem Klang heraus. So gelingt es ihm, die zum Teil recht modernen Klänge Puccinis in ihrer metallenen Schärfe auszuspielen. Die Philharmonia Zürich wirkt sehr präsent, übertreibt aber nie, so dass die Sängerinnen und Sänger immer gut zu hören sind.

Detailgenaue Personenführung im Chor

Die Regie von Sebastian Baumgarten setzt auf eine intensive und detailgenaue Personenführung. Die Szenerie legt er in der Entstehungszeit der Oper an. Ein riesiges Bild im Bühnenprospekt zeigt eine Kriegsszene aus dem 1. Weltkrieg, ein Soldat, der aus einem Schützengraben schiesst. Davor hängt eine weisse Leinwand, auf der der Mond aufgeht, das Weltall-Gestirn gezeigt und die Morde von Turandot mit zwölf Strichen aufgezählt sind.

Turandot, einsam in ihrem Hass. Und in Zürich bekommt sie nicht mal ein Happy End.

Aber nicht die Bilder sind zentral, über die man geteilter Meinung sein kann, sondern die Figuren. Allen voran der grosse Chor, chinesisch einheitlich und konform eingekleidet von Christina Schmitt. Sie alle bewegen sich choreografisch exakt zum Gesang, ausdrucksstark und rhythmisch genau. Unglaublich, wie die Sängerinnen und Sänger mit Schritten, Umdrehungen und gemeinsamem Ducken synchron zu einer wirkungsvollen Masse werden.

Dazu kommt eine Chorpartie, die alles andere als einfach ist. Puccini hatte nie zuvor den Chor so intensiv eingesetzt, bei Turandot ist er für ihn als kommentierendes Volk zentral. Unglaublich, wie homogen dem Opernchor die heikel zu intonierenden Passagen gelingen, und die hohe Expressivität durch die Bewegung sinnig verstärkt wird.

Gefeiertes Turandot Rollendebüt

Besonders gespannt war man natürlich auf das Rollendebüt von Sondra Radvanovsky als Turandot. In dieser Figur liegt ja etwas Surreales und der Zeit Enthobenes. Ihr gelb-schwarzer Umhang ist steif und majestätisch, doch für die Rätsel legt sie diesen ab und erscheint als emanzipierte Frau in sportlicher Hose. Sondra Radvanovsky verkörperte Turandot nicht einfach als exzessive Herrscherin, sondern gibt ihr mit schräg nickendem Kopf auch etwas Verlorenes.

Dazu singt sie die hoch dramatische Partie mit souveräner Stimmkraft, ohne dabei die Zwischentöne zu vernachlässigen. Obwohl Turandot nach verlorenem Rätselraten noch einmal alle Hebel in Bewegung setzt, um über Nacht den Namen des Prinzen herauszufinden, bröckelt ihre Macht bedenklich. Radvanovsky vermag diesen allmählichen Machtverlust stimmlich und szenisch interessant darzustellen. So wurden die beiden weiblichen Zürcher Rollendebüts der hellen Liú und der dunklen Turnadot zum Ereignis dieses Premierenabends.

Weitere Vorstellungen: 21, 24, 27, 30 Juni; 4, 8 Juli 2023

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