Ich sitze in einer gedeckten Veranda an einem hölzernen Klapptischchen. Ich blicke auf den Inn, an seinem Ufer eine Gärtnerei und auf der anderen Seite des Strässchens weiden Kühe. Es ist vier Uhr nachmittags, langsam werden die Schatten länger, die Unterengadiner Dolomiten sind noch besonnt, hellstes Licht fällt auf sie.
In dieser Veranda habe ich zwei Stunde gelesen, das Rauschen des Flusses und das Gebimmel der Kuhglocken bildeten die Begleitmusik. Ich sass zum ersten Mal hier. Aber ich weiss, hierher würde ich gerne wiederkommen, hier könnte ich so lange weiterlesen, bis mir kalt werden würde, dann gäbe es in diesem grossen Haus, zu dem die Veranda gehört, gewiss irgendwo eine Decke, in die ich mich einhüllen könnte, um weiterzulesen.
Ich weiss schon jetzt, dass mir dieser Ort immer wieder einfallen wird als ein glücklicher Ort, die hier verbrachte Zeit als ein glücklicher Nachmittag. Ich weiss schon jetzt, dass diese Veranda, für ein paar Stunden ein kleines Zimmer für mich allein, zu einem Sehnsuchtsort werden wird, zu einem Inbild für eine wunderbare Freiheit, und dass ich diesen Ort stets mit dem Lesen und dem Schreiben verbinden werde – was für mich eben Freiheit bedeutet. Ein dickes Buch meine Lektüre. Die Briefe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Dieser Briefwechsel, der übertitelt ist mit «Wir haben es nicht gut gemacht». Keine leichte Lektüre, aber der Ort hier macht alles leichter, denn immer wieder schweift mein Blick hoch zu den bewaldeten Hängen und noch höher, über die Waldgrenze hinaus zum felsigen Gebirge, darüber sich ein hellblauer Herbsthimmel zieht. Auch wenn ich dazwischen die Umgebung betrachtet habe, so bin ich doch ganz in das Buch versunken. In dieses über sechzig Jahre alte briefliche Hin und Her, wobei die Bachmannbriefe in der Überzahl sind. Doch ich schweife ab, meine Frage lautet nämlich:
Haben Sie auch Lieblingsorte fürs Lesen? Lesen Sie am liebsten am Tisch, im Bett, in der Eisenbahn, im Café? Oder haben Sie als Kind auf einem Baum sitzend gelesen? Oder unter dem Tisch im Glauben, es sähe Sie niemand? Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr gerne auf dem Vordach eines Schopfes gelesen habe, ein Platz, der mich vor Blicken geschützt hat. Obwohl ich die Rufe der Eltern gehört habe, fiel es mir sehr leicht, sie zu überhören. Denn es erschien mir, als kämen sie aus weiter Ferne und aus einer anderen Zeit. Ich sass auf dem Vordach aus Wellblech, liess meine Füsse von der Sonne wärmen, ich las und las, blätterte Seite um Seite um und befand mich in einer anderen Welt. Weit fort von zuhause, fort von der ewigen Arbeit, die es auf einem Bauernhof zu verrichten gab, ich war im Buch.
Ein Freund schrieb mir vor kurzem: «Gute Texte bekommen in mir eine solche Lebendigkeit und Präsenz, dass sie mir gleich wichtig werden können wie die Welt ausserhalb der Bücher.»
Foto Theres Roth-Hunkeler
Dieses Erlebnis kenne ich gut. Manchmal, nach langer Lektüre, schaue ich mich um und es dauert einen Moment, bis mir das eigene Wohnzimmer wieder vertraut wird, bis ich weiss, welches Datum heute ist und welche Uhrzeit, so weit weg bin ich gewesen, so weit hat mich die Lektüre fortgetragen. Kennen Sie solche Momente auch?
Und noch was Eigenartiges zum Thema lesen: Ich habe Freundinnen, die nach langer Berufstätigkeit jetzt in Rente sind und im Grunde tun und lassen können, was sie wollen. Sie lesen sehr gerne, aber erlauben es sich nie während des Tages, sondern stets nur abends oder an Sonntagen. Einfach nur sitzen und ein Buch lesen, das gibt ihnen ein Gefühl von Müssiggang, ja, von Faulheit. Lesen und auf der faulen Haut herumhocken, so hiess es doch früher. Das, was ihnen jahrelang eingetrichtert worden ist, haben die Freundinnen internalisiert: Lesen ist Nichtstun. Ist lesen keine Leistung, weil es nichts einbringt in unserer Leistungsgesellschaft, und damit meine ich Geld und vielleicht auch Anerkennung? Und warum haben besagte Freundinnen das bessere Gefühl, wenn sie statt zu lesen, was sie liebend gerne tun würden, sagen sie, einen Waldlauf oder eine Radtour gemacht haben oder mindestens einen Kilometer geschwommen sind? Ich hingegen verlese ganze Nachmittage und fühle mich sehr gut dabei und wünsche auch Ihnen weiterhin gute Lektüre an ausgewählten Leseorten.

Lesen war und ist für mich eine Notwendigkeit. Der Ort dafür ist mir nicht so wichtig. Früher konnte ich im auch bei Lärm um mich herum lesen, heute brauche ich dafür Ruhe um in die Lektüre abzutauchen; ich bin im Alter dünnhäutiger geworden. Leider ist es auch mit Multitasking vorbei, muss mich heute auf eine Sache konzentrieren. Also vertiefe ich mich in ein Buch oder ich lasse die Eindrücke der Aussenwelt auf mich wirken, dazu gehört auch die Musik.