StartseiteMagazinKulturKonkrete Kunst mit Licht und Farbe

Konkrete Kunst mit Licht und Farbe

Eine Retrospektive von Marguerite Hersbergers Werk im Zürcher Haus Konstruktiv. Ihr Schaffen mit Licht, Farbe, geometrischer Formgebung und Raum zeichnet die Schweizer Künstlerin als wichtige Vertreterin der konstruktiv-konkreten Gegenwartskunst aus.

Das Haus Konstruktiv präsentiert Marguerite Hersbergers (*1943 in Basel) Lebenswerk von den Anfängen 1967 bis heute, in vorwiegend chronologischer Reihenfolge. Nach achtundzwanzig Jahren ist es ihre zweite Einzelausstellung im Haus. Ihr Sinn für die räumliche Dimension ist im gesamten Oeuvre ablesbar. So erstaunt es nicht, dass sie auch Projekte für «Kunst am Bau», oder «Kunst-und-Bau» wie sie lieber sagt, entwickelt. Allerdings traute man ihr dies als Frau anfänglich nicht zu. So konnte sie ihre architekturbezogenen Arbeiten erst ab 1980 realisieren, ihre letzte stammt von 2021.

«Lichtpinsel», Modell eines Lichtobjekts für das Foyer im Zürcher Hotel Nova Park, das nicht realisiert wurde und hier erstmals öffentlich zu sehen ist.

Als erstes fallen mir in der Schau die Lichtpinsel (1972/73) ins Auge: Büschel aus Glasfasern, die wie Pinsel zusammengebunden oder von der Mitte aus aufgefächert sind. Die im Zentrum unterlegte Lichtquelle leuchtet durch die Zwischenräume im abgedunkelten Raum. Diese erstmals öffentlich gezeigten Lichtobjekte dienten als Modell für eine Wandinstallation im Foyer des Hotel Nova Park in Zürich. Ein Projekt, das leider nicht realisiert wurde.

«Boîte magique» Nr. 1, 1967, der bemalte Holzwürfel mit eingefügten Prismen aus Acrylglas gehört zu Hersbergers frühesten Arbeiten.

Nach Abschluss der Basler Schule für Gestaltung sammelte Marguerite Hersberger zwischen 1967 und 1970 ihre ersten künstlerischen Erfahrungen in Paris im Bildhaueratelier von François Stahly. Hier experimentierte sie mit Acrylglasprismen und schuf Werke wie etwa die Boîte magique. Diese bestehen aus Acrylglaskörper, die in farbig bemalten Holzkästchen eingelassen sind und das einfallende Licht reflektieren.

«Der Innenraum des Aussenraums des Innenraums» Nr. 10, 1971. Acrylglas, Aluminium gespritzt, 60×60 cm. Die Bildserie weist auf die frühe Auseinandersetzung mit Räumlichkeit.

Zurück aus Paris lebt und arbeitet die Künstlerin seit 1970 im selben Atelier in Zürich Hottingen. Auch hier nutzt sie weiterhin Acrylglas mit der Idee, «die Malerei durch eine Lichtmalerei zu ersetzen», wie etwa die Lichtpinsel. Bis heute bevorzugt sie Acrylglas, diesen transparenten Werkstoff, der immer wieder überraschende Effekte erzeugt.

In der Serie Polissage (ab 1973) wird der Bildraum auf dezente Art thematisiert: Acrylglasscheiben in einem Holzkasten sind in gewissen Bereichen mit Schmirgelpapier waagrecht, senkrecht oder rund angeschliffen und erscheinen opak. Die unbearbeiteten, transparent gebliebenen Zonen geben die Sicht frei auf die mit Acrylfarbe gezeichneten oder gemalten Kompositionen im Hintergrund. Dadurch erscheint dieselbe Komposition je nach Lichteinfall unterschiedlich.

«Rotation um einen Mittelpunkt», 2023. Diese Wandmalerei konzipierte die Künstlerin eigens für das Haus Konstruktiv.

Marguerite Hersbergers Arbeiten werden mit dem Einsatz von Diagonalen zunehmend dynamischer. In der eigens für die Ausstellung geschaffenen Wandmalerei Rotation um einen Mittelpunkt demonstriert sie ihre Formensprache und zeigt wie das Bildinnere, durch mehrere in bestimmten Winkeln zueinander liegende Linien organisiert, sichtbar wird.

«Vier ineinandergefügte Quadrate S. Nr. 65», 1993, Acrylglas, Acrylfarbe, 142 x 112 cm

Die Werkserien Ineinandergefügte Quadrate und Scheibenbilder ab 1990 entfalten ihre innere Dynamik nicht nur durch geometrische Form, sondern auch durch die unterschiedliche Art des Farbauftrags. Auf den einzelnen Acrylglasscheiben sind auf der Vorder- und Rückseite gekippte Rechtecke oder Quadrate aufgemalt: einmal gleichmässig pastos, einmal leicht wolkig.

«Windows (Pliage Nr. 149)», 2019/20, Acryl und Transparentfolie. Foto: Museum Haus Konstruktiv, Zürich © Peter Schälchli

Mit der Werkreihe Pliage (Faltung, französisch) setzt sich Hersberger seit den 1990er Jahren auseinander. Die Faltungen basieren auf Transparentpapierbahnen, die teilweise beidseitig mit Acrylfarbe oder Grafit eingefärbt sind. Die Faltformen erzeugen mitunter minimale Bildräume, die der Vielschichtigkeit der Acrylglasobjekte nahekommen. Die Titel Windows, Houses oder Spaces erinnern an die Kunst-und-Bau-Projekte der Künstlerin.

«Farbschatten Nr. 1», 2021, Acrylglas, Acrylfarbe.

Zurzeit setzt sich die 80jährige Künstlerin besonders mit dem Thema Licht, Transparenz, Farben und deren Schattenwurf auseinander. In der Werkserie Farbschatten auf Acrylglas gestaltet sie im Vordergrund transparente Farbformen, die mit Kunstlicht beleuchtet, im Hintergrund nicht dunkle Schatten, sondern Farbschatten entstehen lassen.

Titelbild: Marguerite Hersberger im Gespräch mit Kuratorin Sabine Schaschl vor dem Gemälde «Vierteilkreise Nr. 63a + 63b», 1995.
Fotos: rv

Bis 14. Januar 2024
«Marguerite Hersberger. Dem Raum Raum geben», im Museum Haus Konstruktiv, Zürich
Werkkatalog: «Dem Raum Raum geben. Marguerite Hersbergers architektur- und raumbezogenes Werk», 2023, Buchvernissage 15.11.2023

Das Museum Haus Konstruktiv präsentiert zeitgleich eine Ausstellung des Zurich Art Prize 2023 Gewinners Damián Ortega, «Essay on Exchange».

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