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Zwischen Dekadenz und Demenz

Wenn die eigene Mutter in die Demenz abgleitet, ist das eine äusserst tragische Geschichte. «Bühnen Bern» zeigen – in Anlehnung an Christian Krachts Roman «Eurotrash» – eine Tragödie mit komödiantischen Elementen. Die Inszenierung von Armin Petras erhielt an der Première zu recht einen langhaltenden, stürmischen Applaus.

Vom Vaterland (Deutschland) ins Mutterland (Schweiz): «Eurotrash» (2021) gilt als Fortsetzung von Christian Krachts Debütroman «Faserland», der 1995 erschienen ist. Um die Geschichte zu verstehen, muss man die Familienverhältnisse kennen: Krachts Grossvater war ein Nazi. Sein Vater arbeitete als Generalbevollmächtigter und erster stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns. Junior Kracht selber wuchs in der Schweiz (in Saanen), Deutschland, den USA, Kanada und Südfrankreich auf und war als Journalist tätig, bevor er Schriftsteller wurde.

Die Handlung des Bühnenstücks ist einfach, läuft ohne komplexe Ebenen oder Verzweigungen ab: Christian, zufälligerweise auch Schriftsteller, wird von seiner Mutter nach Zürich gerufen, wo diese in ihrer Villa im vermeintlichen Luxus lebt. Die Frau ist exzentrisch, alkohol- und tablettenabhängig und an beginnender Demenz erkrankt. Christian fühlt sich von der bizarren Situation abgestossen,aber gleichzeitig von der Person seiner Mutter auch angezogen.

Eine schneebedeckte Bergkette, auf die hochgeklettert und von der runtergerutscht wird, bildet die Kulisse für das Familiendrama.

Nach langen Gesprächen entscheiden sich die beiden zu einer Taxifahrt von Zürich nach Saanen ins Berner Oberland. Die Reise wird zu einer dramatischen Rückblende in die Vergangenheit der Familie. Mit dem Rollator im Kofferraum und 600’000 Franken auf dem Schoss fahren Mutter und Sohn quer durch die Schweiz. Das Geld stammt aus dem Wertpapierverkauf der Mutter. Dazu gehören zweifelhafte Aktien der Waffenproduzentin «Rheinmetall» sowie saubere Papiere des Schweizer Milchverarbeiters «Emmi».

Reiseziel von Mutter und Sohn ist eine Kommune in Saanen, von welcher Christian an der Bahnhofstrasse in Zürich – scheinbar aus idealistischen Gründen – einen braunen Oeko-Wollpullover gekauft hat. Die ehemals linksalternative Gemeinschaft hat sich allerdings in der Zwischenheit in eine rechtsnationale Zelle verwandelt. Die Gespräche drehen sich auch wegen der Familienvergangenheit um Entnazifizierung, Ungerechtigkeiten auf der Welt und die luxuriösen Verhältnisse im Mutterland. Mit aller Kraft geben Mutter und Sohn grosse Teile des Vermögens aus, wohl in der Absicht, sich vom «schmutzigen Waffengeld» zu trennen.

 

Auf der Schweiz-Reise werden auch Schneeberge bestiegen, sogar mit dem Rollator.

Nach dem Zwischenstopp in Saanen geht die Reise auf einen verschneiten Berggipfel, dann in die väterliche Villa an den Genfersee, anschliessend, wegen der zunehmenden Demenz der Mutter, in die Psychiatrische Klinik nach Winterthur und schliesslich – wenigstens in der Fantasie – nach Afrika, wo Frau Kracht «noch einmal die Zebras sehen will» und dann aus dem Leben scheidet. Das Stück endet wie es begonnen hat: Mit Sehnsüchten nach menschlicher Anerkennung und Liebe, nach einem guten Leben.

Im Zentrum des Dreipersonendramas (Erzähler, Mutter, Sohn Christian) steht die Bewältigung der ebenso skurrilen wie tragischen Familiengeschichte der Krachts. Sohn und  Mutter erzählen sich wechselseitig Erinnerungen. Man erfährt mehr vom Nazi-Grossvater, der auf der Insel Sylt isländische Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Man hört, dass Mutter Kracht als Elfjährige von einem strammen Nazi vergewaltigt wurde, der für seine Tat nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Erwähnt wird auch Christians eigene Vergewaltigung in einem kanadischen Internat. Es scheint, als versuchten Mutter und Sohn während der «Tour de Suisse» ihre eigene, tragische Vergangenheit zu verarbeiten.

Sehnsüchte nach Protz, aber auch nach menschlicher Anerkennung und Liebe.

Als ob die Abgründe nicht schon genug tief wären, werden auch die Geschäfte von Vater Kracht durchleuchtet, der sich als rechte Hand von Axel Springer zwar Villen, Kunstwerke und Massanzüge aneignen konnte, diese aber nie genoss. Geschickt werden in der Geschichte autobiografische Züge der Krachts mit Fiktion und Fantasie vermischt. Deutschland, die Schweiz, Zürich, Basel und auch Bern bekommen ihr Fett ab. Die Dekadenz kennt keine Grenzen: ein Goldbarren, überdimensionierte Geldscheine, Bulgari-Uhren, Ferragamo-Kleider fliegen über die Bühne. Europäischer «Trash» symbolisiert die innere Leere der Familie.

In der schwierigen Beziehung zwischen Mutter und Sohn geht es auch um die unschönen Seiten des Altwerdens. Wer wechselt der Mutter den Beutel am künstlichen Darmausgang? Wer kämpft für die Durchsetzung ihres Sterbewunsches, für einen assistierten Suizid? Wer verwendet sich für die Respektierung ihrer Selbstbestimmung, für Würde und eine minimale Betreuung der Verwirrten? Niemand. Während die Mutter immer stärker in die Demenz abgleitet, zeigt sich Sohn Christian ohnmächtig, hilflos. Der «Wohlstandstrash» versagt als Ablenkung.

Exzentrische Mutter (Jeanne Devos), hilfloser Sohn (Jonathan Loosli).

Speziell an der Berner Inszenierung (Armin Petras) ist, dass die drei Spielenden laufend die Rollen wechseln: Aus der Mutter wird nach einem kurzen Pulloverwechsel der Sohn. Die neue Mutter ist – wie ihre Vorgängerinnen – an einem gelben Bademantel und an der grauen Langhaarperücke zu erkennen. Fliessend sind die Grenzen zwischen Christian und dem Erzähler. Streckenweise rezitiert das Trio sogar im Chor.

Die Darstellerinnen (Vanessa Bärtsch und Jeanne Devos) sowie der männliche Darsteller (Jonathan Loosli) geben alles: Ironie, Tiefgründigkeit, akrobatische Leistungen, sportliche Kondition, musikalische Einlagen mit Gesang, Blockflöte und Tuba…. groteske Slapstick-Szenen sowie fetzige Rock’n’Roll-Auftritte sorgen für Unterhaltung und zwingen das Publikum zum Nachdenken. Das Tempo des Spiels ist hoch, die Anforderung an Mimik und Gestik auch. Am Schluss erhält sogar der Theaterkritiker von «Seniorweb» seinen Kurzauftritt: Er wird von der extravaganten Mutter (Jeanne Devos) zu einem (fiktionalen) Seitensprung hinter die Bühne entführt.

Das Berner Premierenpublikum dankte den Macherinnen und Machern, dem Ensemble der Schweizer Erstaufführung, in den Vidmarhallen mit einem langanhaltenden, frenetischem Applaus. Regisseur Armin Petras ist in Bern kein Unbekannter. In der letzten Saison brillierte er bei «Bühnen Bern» mit der spektakulären Inszenierung von Gotthelfs «Die schwarze Spinne». Auf weitere Inszenierungen des wagemutigen Theatermanns darf man gespannt sein.

Titelbild: Die drei Spielenden (v.l.n.r: Jonathan Loosli, Jeanne Devos und Vanessa Bärtsch). Alle Fotos © Annette Boutellier.

Aufführungen bis 2.4.2024

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Bühnen Bern (buehnenbern.ch)

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