StartseiteMagazinKolumnenAuf zum lustigen Wörterraten

Auf zum lustigen Wörterraten

Der Trend wird sich auch in diesem Jahr fortsetzen: In den Redaktionen wird munter gemischelt. Wenn ein Text so ungefähr stimmt, Lesende erraten können, was gemeint ist, dann ist doch gut.

Da wird also von einem Wohnungsbrand berichtet, der zwei Todesopfer forderte. Tragisch und sicher eine Meldung wert. Aber dann: «Mehrere Pressevertreter tummelten sich vor dem Gebäude.» Das heisst, sie hüpften und sprangen übermütig herum, schäkerten vielleicht miteinander, spielten ausgelassen wie Kinder? Ganz sicher nicht. Sie fanden sich am Unglücksort ein, versammelten sich vielleicht vor dem Haus – es gibt etliche Möglichkeiten, diesen Sachverhalt richtig zu beschreiben. Tummeln gehört nicht dazu.

«Das Telefon begann im Akkord zu läuten». Ja, die heutige Technik machts möglich. Da klingeln Telefon mal schnell, mal langsamer, mal vielstimmig, zum Beispiel mit einem E-Dur-Akkord. Oder so, wie an einem Fliessband gearbeitet wird, schnell getaktet, weil von der gelieferten Stückzahl abhängig. Oder war es doch nur Sturmläuten, im Minutentakt, ohne Pause?

«Der Bus fährt wie auf Watte» ist ein zwar schönes, aber falsches Bild. Würde ja heissen, der Bus fährt so weich, da spürt man keine Unebenheit. Der Kausalzusammenhang ergibt sich aus dem Text: Gemeint ist, dass der Bus so leise fährt, dass sowohl Fahrgäste wie auch die Verkehrsteilnehmenden auf der Strasse kaum etwas hören. Also wie wenn sie Watte in den Ohren hätten. Besser solche, über die noch kein Bus gefahren ist. Noch besser wäre es allerdings, man würde diesen watteweichen Elektrobus doch etwas hören. Wegen der Verkehrssicherheit und so.

An einer Kleintierausstellung wurden Hasen präsentiert. Also wohl «Häsli». So heissen die Schmusetiere mit den langen Ohren und den Stummelschwänzchen bei den Kindern. Erwachsene, die ein ganz klein wenig mit Zoologie vertraut sind, würden von Kaninchen berichten. Diesen Pressetext hat also wohl ein Kind geschrieben.

«Seinen Knödeln sieht man die Expertise an». Dieser Satz ist doch ein schöner Schlusspunkt. Erstens weil Knödel etwas ungemein Magenerwärmendes, Genussvolles sind. Und zweitens, weil in den Küchen, wo deftig gekocht wird, wohl selten jemand auf die Idee kommt, über die Herstellung dieses kulinarischen Kulturgutes eine Expertise zu machen. Gut, um richtig gelungene Knödel auf den Tisch zu bringen, kann der Koch, die Köchin wohl schon als Experte bezeichnet werden. Ob da wirklich der englische Begriff «Expertise», der Sachkenntnis, Können meint, angebracht ist? Schliesslich kommen Knödel aus Bayern oder Österreich. Und da dürften in der Küche zwar Experten am Werk sein, aber die Produkte keine Expertise durchlaufen haben.

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1 Kommentar

  1. Dass «Expertise» auf Deutsch nur «Gutachten» bedeute, die Bedeutung «Sachkenntnis» dagegen englisch sei, müssten Sie der Duden-Redaktion noch beibringen. Die schreibt auf duden.de:

    Bedeutungen (2)
    1. Gutachten eines Experten
    Beispiele
    – eine Expertise über etwas einholen, vorlegen
    – ein Rubens mit Expertise (Expertengutachten über die Echtheit)

    2. Fachkenntnis, spezielles Wissen
    Beispiele
    – auf die Expertise eines renommierten Wissenschaftlers zurückgreifen
    – seine Expertise unter Beweis stellen

    Übrigens hat den Online-Duden ebenfalls «wohl ein Kind geschrieben», denn dort ist verzeichnet, dass das Wort «Hase» auch für «Kaninchen» verwendet wird, allerdings nur «landschaftlich» (was nicht «auf dem Land» bedeutet, sondern «in bestimmten Regionen»).

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