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Treffpunkt Suppenküche

Seit 1846 gibt es das «Suppenhaus Brienz» im Berner Oberland. Gegründet wurde es aus wirtschaftlicher Not und bis heute ist es ein beliebter Treffpunkt. An die 4000 Liter Suppe werden in den Wintermonaten ausgeschenkt.

Kurz vor Silvester besuchte ich meine Schwägerin in Brienz im Berner Oberland. Bei meiner Ankunft am späten Samstagmorgen führte sie mich direkt zum Suppenhaus. Noch nie hatte ich davon gehört. Unterwegs begegneten uns Leute, alle mit einem Milchkesseli in der Hand. Ein Duft von Kartoffelsuppe lag in der Luft.

Suppenhaus an der Oberdorfstrasse 17 in Brienz. Jede Woche verkündet der gelbe Aushang am Haus, welche Suppe am Samstag ausgeschenkt wird.

Als wir im Suppenhaus im Oberdorf reinschauen, sitzt die Crew entspannt am Tisch bei einem Glas Wein. Leute kommen herein und holen ihre bestellte Suppe im Chesseli ab, verbunden mit einem kleinen Schwatz. Das Miteinanderreden, das «Doorfen», schafft Zusammengehörigkeit, zudem lernt man die Neuzuzüger kennen.

Das Suppenkochen in Brienz hat Tradition und ist mit vielen Freiwilligen eine Gemeinschaftsarbeit, organisiert vom «Suppenhaus-Verein». In den Wintermonaten von November bis März wird in der kleinen Küche Suppe gekocht. Rund 4000 Liter werden pro Jahr ausgeschenkt. Sogar während der Pandemie. Die Chesseli wurden während dieser «kontaktlosen» Zeit einfach vor dem Gebäude deponiert.

Der Suppenplan zeigt das Programm für die Wintermonate, auch wer kocht sowie die Preisliste. Suppen mit Fleisch sind teurer.

Doch das Suppenhaus ist nicht nur wegen der Suppe beliebt, es ist auch ein Begegnungsort. Kleine Gruppen bilden sich jeweils, um zusammen Suppe zu essen. Viele verabreden sich, bei wem sie sich treffen wollen, oder sie bewahren die Suppe für Sonntag auf und tun sich nach dem Besuch der Kirche zum Suppenessen zusammen.

Heutzutage wird die Suppe nur noch einmal in der Woche, am Samstag, gekocht und abgegeben. Die Zubereitung der rund 200 Liter beginnt jeweils am Freitagnachmittag mit den sogenannten Rüsterinnen, die rund 130 Kilo Gemüse verarbeiten. Am Samstagmorgen früh nach sechs Uhr wird der Holzherd angefeuert und in den beiden grossen Suppentöpfen das vorbereitete Gemüse angedünstet, Wasser, Bouillon und Gewürze hinzugefügt. Mit grossen Holzkellen wird die Suppe regelmässig gerührt, frische Gewürze wie Schnittlauch und Petersilie kommen später hinzu. Am Schluss probiert der Koch oder die Köchin die Suppe nochmal kritisch und schmeckt sie ab.

Beim Rüsten und Kochen der Suppe. Fotos: © Peter Ernst, Brienz

Morgens zwischen 7 und 9 Uhr bringen die Brienzerinnen und Brienzer ihre Suppenchesseli oder Pintli, wie man hier auch sagt, ins Suppenhaus, und stellen diese in ein Regal.  Angeschrieben sind sie mit dem Namen des Besitzers und der Bestellung. Wenn der «Einzüger», der Kassier, noch nicht da ist, legt man das passend abgezählte Kleingeld in den Deckel des Gefässes, das Überzählige ist Trinkgeld.

Zwischen 7 und 9 Uhr morgens werden die mit dem Namen bezeichneten «Suppenchessellini» im Suppenhaus abgegeben und zwischen 10.30 und 11 Uhr mit Suppe gefüllt wieder abgeholt.

Nachdem alle Bestellungen zusammengezählt sind, teilt der Kassier dem Koch mit, wieviel Liter Suppe es definitiv braucht. Zusätzlich 30 Liter für jene, die spontan vorbeikommen. In der Regel werden rund 130 Suppenchesseli abgefüllt, die zwischen 10.30 und 11 Uhr abgeholt werden. Allfällige Resten werden eingefroren und bei nächster Gelegenheit mitgekocht.

Das kleine Suppenhaus an der Oberdorfstrasse 17 gehört der Gemeinde Brienz und wird vom Suppenhaus-Verein unterhalten. Die Gemeinde stellt das Gebäude gratis zur Verfügung, der Forstbetrieb der Gemeinde liefert das Holz ebenfalls kostenlos. Strom- und Wasserrechnung bezahlt das Suppenhaus. Dank jährlichen Sponsorenbeiträgen ist die Jahresrechnung knapp ausgeglichen.

Die Ausgabe von Suppen erhöht sich, wenn die Vereine, wie Turnverein, Kinderhaus oder Webgruppe hin und wieder am Stand gegenüber Backwaren anbieten.

Gegründet wurde das Suppenhaus in Brienz 1846, zwei Jahre bevor die Schweiz vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint wurde. Die Armut war gross und verschiedene Gemeinden richteten sogenannte Suppen-Anstalten ein, um die arme Bevölkerung im Winter mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Seit 178 Jahren wird in Brienz für die Bevölkerung Suppe gekocht, wenngleich nicht immer in derselben Regelmässigkeit.

Anfänglich wurde im Waschhaus gekocht, was jeweils im Frühjahr mit den Waschfrauen zu Kollisionen führte. 1885 wurde das Suppenhaus im Oberdorf gebaut. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Suppenküchenkommission zur Ortshilfekommission erweitert, um in Not geratenen Familien beizustehen. 1918 wurden täglich 120 Liter Suppe an 60 Familien gratis abgegeben. Auch während des Zweiten Weltkriegs wurde gekocht. Die Kochkessel wurden durch das Militär so stark genutzt, dass man die Gemeinde anfragte, die Reparatur zu übernehmen.

Das Suppenhaus als Treffpunkt

In den 1960er Jahren ging der Suppenkonsum zurück und es gab Diskussionen, die Suppenküche einzustellen. 1967 entschied man, nur noch am Samstag Suppe auszugeben. 1981 wurde die «Suppenanstalt» in Suppenhaus umbenannt; es folgten Renovationen, auch eine Gemüseschneidemaschine wurde angeschafft. Für Gesprächsstoff sorgte immer wieder die Auswahl an Suppen, gewünscht wurde etwas Fleisch darin, auch Gulaschsuppe oder Minestrone. Wie der aktuelle Suppenplan zeigt, wurden diese Wünsche erfüllt.

Titelbild: Koch Kurt Will, die Suppe muss regelmässig gerührt werden. Foto: © Peter Ernst, Brienz
Fotos:
© clv Brienz und aus der Jubiläumsbroschüre 175+1 Jahre Suppenhaus Brienz:  © Peter Ernst, Brienz

 

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1 Kommentar

  1. Eine tolle Idee! In der Stadt Bern gibt es die «Spysi» den Verein Speiseanstalt in den unteren Altstadt, die vom November bis Ostern bedürftige Personen mit rund 3500 Mahlzeiten pro Saison versorgt. Während meiner KV-Lehre in der Stadt Bern habe ich in der Spysi oft eine nahrhafte und feine Suppe mit einem grossen Stück Brot für ein paar Franken zu Mittag gegessen, wenn ich nachmittags Schule hatte. Es freut mich, dass der Berner Gemeinderat den Verein auch 2024/25 mit 36’000 Franken unterstützt.

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