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Psychiatrische Betreuung auf dem Prüfstand

Ein Vierteljahrhundert lang amtierte Professor Dr. med. Werner Strik als Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (PP) der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD). Er prägte die Entwicklung der Psychiatrie und der Neurowissenschaften wie kein anderer. Ein Abschiedssymposium gab Gelegenheit, Bilanz zu ziehen.

Seit ein paar Jahren steht die frühere Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Waldau, heute Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD) genannt, regelmässig im medialen Rampenlicht. Interne Berichte werden der Presse zugespielt. Die medizinischen Klinikleitungen, die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat haben das Heu nicht immer auf derselben Bühne. Insbesondere wegen der Personalengpässe gab es wiederholt heisse Köpfe. Differenzen bestehen auch bezüglich einer geplanten Fusion mit dem Psychiatriezentrum Münsingen (PZM).

Gestern wurde bekannt, dass die UPD aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen ist, im Sozialdienst Stellen abzubauen sowie die Unterstützung des Recovery College Bern (RCB) einzustellen. Zudem müssen laut Beschluss des Verwaltungsrats das Freizeitzentrum «metro» und die Werkstatt «Holzplatz» aus Kostengründen geschlossen werden. Für den Kanton stehen die nun gestrichenen Dienste nicht im Leistungsvertrag. Beide, UPD und PZM, befinden sich im Eigentum des Kantons Bern.

Einer der grössten psychiatrischen Dienstleister schweizweit

Die unter anderem am Stadtrand von Bern gelegene UPD bietet stationäre, tagesstationäre, ambulante und aufsuchende Angebote für Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen an. Sie ist das Kompetenzzentrum für Psychiatrie und Psychotherapie im Kanton Bern und beschäftigt an mehr als 25 Standorten fast 1800 Mitarbeitende. Die UPD behandelte 2022 stationär rund 4’200 Fälle (Menschen). Zusätzlich führte sie über 60’400 ambulante Konsultationen durch. Als Universitätsspital leistet die Institution einen erweiterten Auftrag in der psychiatrischen Spezialversorgung, in der Lehre und Forschung sowie in der Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Traditionsreiche Institution

Vergangene Woche gab ein Symposium aus Anlass der Pensionierung von Professor Werner Strik, Direktor der PP, Gelegenheit, einen Bogen zu spannen von der Vergangenheit der traditionsreichen Klinik zu deren Zukunft. Nicht weniger als fünfzehn Weggefährtinnen und Weggefährten des abtretenden Chefs berichteten in Kurzreferaten über ihre Zusammenarbeit und über die Entwicklung der Psychiatrie im Kanton Bern.

Die ehemalige Irrenanstalt Waldau (Südseite) am Ende des 19. Jahrhunderts. Quelle: Burgerbibliothek Bern. Gr.B.173

Die Geschichte der UPD geht bis in das Mittelalter zurück. Mit der Verlegung des Siechenhauses um 1491 aus der Stadt Bern wurde das Breitfeld – eine Wegstunde von den Stadttoren Berns entfernt – für die Nutzung als Krankenhaus erschlossen. Auf dem Breitfeld wurde 1749 das «Tollhaus» gebaut, der Vorläufer der Waldau. Diese wurde im Jahr 1855 eröffnet. Bekannte Patienten der Waldau waren der Art-Brut-Künstler Adolf Wölfli (von 1895 bis 1930) sowie die Schriftsteller Hans Morgenthaler (1925), Robert Walser (von 1929 bis 1933) und Friedrich Glauser (von 1934 bis 1936). Die heutige UPD entstand im Jahr 1996 mit der Schaffung zweier Universitätskliniken für Erwachsene (später in klinische und Sozialpsychiatrie umbenannt) sowie der Angliederung der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bis heute wurde die UPD mehrfach weiter um- und ausgebaut.

Straftäter in der Psychiatrie

In Striks Amtszeit fällt die Integration der forensischen Psychiatrie für psychisch kranke Straftäter und Straftäterinnen in die UPD. Romilda Stämpfli, Leiterin des kantonalen Amts für Justizvollzug, berichtete, Strik sei ein «Glücksfall für den Justizvollzug im Kanton Bern» gewesen. Sie bezeichnete sein Engagement und seine Weitsicht vor zwanzig Jahren beim Aufbau der 2011 eröffneten forensischen Spezialstation Etoine als «visionär». 2022 konnte zudem die Forensische Tagesklinik am Regionalgefängnis Burgdorf als schweizweit einmaliges Angebot in Betrieb gehen.

Professor Andreas Raabe, Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Neurochirurgie des Berner Inselspitals sprach über die Gründung des Neurozenturms am Inselspital im Jahr 2012, welches die folgenden fünf Disziplinen vereint: Neurochirurgie, Neurologie, Neuropädiatrie, Neuroradiologie und Psychiatrie. Raabe plädierte für die fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit im von Werner Strik mitgegründeten Zentrum.

Auch andere Referentinnen und Referenten betonten die grosse Bedeutung einer interdisziplinären  Zusammenarbeit in der Psychiatrie allgemein, zwischen Ärztinnen und Ärzten, Psychologen und Psychologinnen, Pflegenden und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Die Vernetzung habe zu einer Qualitätssteigerung in der Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen geführt, hiess es.

Am Symposium sprachen fünfzehn Weggefährten und Weggefährtinnen. Foto Phil Wenger

Prof. Sebastian Walther betonte die Bedeutung des Forschungsstandorts Bern. Mit seinen Forschungsprojekten, Fachpublikationen und Vorträgen an internationalen Konferenzen habe Strik einen nachhaltigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Psychiatrieforschung geleistet. Zu seinen Spezialgebieten gehörten unter anderem die Erforschung von Psychosen und Paranoia und die Entwicklung seines SyNoPsis-Systems, das für Diagnose und Behandlung relevante Beiträge liefert.

Wie wichtig der Klinikdirektor für seine Patientinnen und Patienten war, erzählten Marietta Botta, Pflegeverantwortliche in der UPD, sowie Dr. Philipp Mattmann, ehemaliger Leiter Pflege in der PP und heute im PZM. Strik habe es stets verstanden, hinter dem Verhalten von Patientinnen und Patienten nach deren Bedürfnissen zu suchen und die Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Auch sei es ihm mit seiner entspannten Art gelungen, entfesselte Kranke zu beruhigen.

Professor Strik während seines Schlussworts. Foto Phil Wenger

In der Angehörigenarbeit sei sie von Strik stets gefördert und ermutigt worden, berichtete die Verantwortliche Sibylle Glauser. Der Pensionär selbst bestätigte am Schluss der Referate, dass ihm die Integration immer ein wichtiges Anliegen gewesen sei. Der Kern und die grösste Herausforderung seiner Tätigkeit sei es gewesen, die Mitarbeitenden, Patientinnen, Patienten und Stakeholder zusammenzubringen und sich gemeinsam für eine gute Psychiatrie im Kanton Bern einzusetzen. Mit Blick auf die geplante Fusion mahnte er, «die kritische Grösse einer Organisation nicht aus den Augen zu verlieren».

Am Symposium ebenfalls anwesend war Striks Nachfolgerin, Prof. Kristina Adorjan. Sie tritt ihr Amt am 1. Februar 2024 an und wird – wie Strik – den Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Bern innehaben. Adorjan war bisher stellvertretende Direktorin und leitende Oberärztin am Ludwig-Maximilians-Universitäts-Klinikum in München. Man darf gespannt sein, wie die Nachfolgerin die alten und neuen Herausforderungen zu meistern gedenkt.

Titelbild: Der Zentralbau der UPD am Stadtrand von Bern. Foto PS.

LINK UPD

Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD) – UPD Bern

LINK Bericht Psychiatrie-Museum

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4 Kommentare

  1. Unter dem Titel: «Einer der grössten psychiatrischen Dienstleister schweizweit»: die UPD behandelte 2022 stationär 4200 FÄLLE!!
    Ich bin ein Mensch und nicht ein «Fall».
    Schade für diese unsorgfältige Formulierung!

    Aufmerksame Grüsse
    M. K.

  2. Frau Knecht kann ich nur zustimmen. Ich kenne einige frühere Patient:innen, die die Kälte dieser Institution erleiden mussten. Für diese Psychiater:innen sind die Hilfe suchenden Menschen Fälle und Aktennummern und je nach Chef und gerade herrschenden Behandlungsmethoden, nur Tabletten- und Spritzenempfänger:innen oder sogar Versuchskaninchen eigenmächtiger Ärzte. Die therapeutischen Gespräche finden von oben nach unten statt und nicht auf Augenhöhe, die Devise der äusserst kopflastigen Psychotherapie ist usus. Eine ehemalige Patientin sagte mir, die einzige menschliche Person in diesem Laden ist die ausländische Putzfrau.

  3. Wenn in dieser Psychiatrie Patienten als Versuchskaninchen missbraucht werden, sollte hierfür das Strafrecht angewandt werden.

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