StartseiteMagazinKulturJeff Wall – Regisseur seiner Bilder

Jeff Wall – Regisseur seiner Bilder

Die Ausstellung Jeff Wall in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel zeigt das gesamte Spektrum des Künstlers mit über 50 Werken aus fünf Jahrzehnten. Der Kanadier gilt als der Begründer der «inszenierten Fotografie» und ist bekannt für seine grossen Bilder in Dialeuchtkästen.

Mein erster Eindruck in der Ausstellung war, dass Jeff Walls Arbeiten wie Ausblicke durch äusserst sauber geputzte Fenster auf saftig grüne Landschaften und auf vereinzelte, meist in sich gekehrte Menschen wirken. Die grossen leuchtenden Bilder haben eine Sogwirkung, berühren und geben gleichzeitig Rätsel auf.

Blick in die Ausstellung. Foto: © R+E. Bühler

Jeff Wall (*1946) gehört zu den Pionieren der Fotokunst. Als er 1967 startete, galt Fotografie als Mittel zu Dokumentations- und Werbezwecken und nicht als eigene Kunstgattung. Ab Mitte der 1970er-Jahre entdeckte Wall den Leuchtkasten für Leuchtreklamen als Präsentationsform für seine farbigen Grossbilddias. Seit den 1990er-Jahre arbeitet er auch mit grossformatigen Schwarz-Weiss-Fotografien und Farbdrucken. Jedes Bild ist aufwändig inszeniert und ein Unikat. Bislang veröffentlichte er lediglich rund 200 Werke.

Links: A Donkey in Blackpool, 1999. Rechts: Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona, 1999

In elf Räumen werden thematische Schwerpunkte gesetzt, wobei stets jüngere Bilder in einen Dialog mit älteren treten. Die Schau beginnt im Foyer mit zwei riesigen Grossbilddias, die beide gesellschaftliche Situationen zeigen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben: Ein Esel in einem einfachen Stall A Donkey in Blackpool, direkt neben dem eleganten Interieur in Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona. Morning Cleaning zeigt die Reinigungsarbeit im berühmten Pavillon, bevor das Publikum eintrifft. Die Putzkraft auf der Schattenseite des Bildes ist ganz auf ihre Arbeit konzentriert. Das einfallende Morgenlicht beleuchtet die Marmorwand und die weissgepolsterten Klappsessel.

The Thinker, 1986

Manche Bilder von Jeff Wall sind inspiriert von Romanen oder Kunstwerken, wie The Thinker, 1986, der an Auguste Rodins Denker erinnert. Doch Wall setzt den Denker auf einen Hügel mit Blick auf das Stadtzentrum, im Rücken steckt ein Schwert. Das Motiv leitet er von Albrecht Dürers Holzschnitt Bauernsäule von 1525 ab, ein Entwurf für ein Denkmal an den «besiegten Bauer» aus der Zeit der Bauernaufstände in Deutschland. Bei Jeff Wall scheint die Figur über das Leben in der Stadt zu sinnieren. Imaginationen zum Schwert im Rücken überlässt er der Betrachterin für eigene Geschichten.

Jeff Wall bei der Pressekonferenz. Foto: © R+E. Bühler

Wall bezeichnet seine Arbeit als «Cinematografie». Im Film sieht er ein Vorbild für kreative Freiheit und Erfindungskraft. Seine Bilder sind keine getreuen Abbilder der Realität, sondern inszenierte Kompositionen. Oft konstruiert er Szenen aus der Erinnerung, die er nachstellt, auch mit Personen, die dem Original gleichen. Dafür braucht er viel Zeit, ebenso für das entsprechende Setting.

In front of a nightclub, 2006

Für das Bild vor dem Eingang eines Nachtclubs inspirierte ihn das Verhalten und die Gestik der Menschen und vor allem ein unscheinbarer Mann, der Rosen verkaufte. Von dieser Szenerie machte er unzählige Fotografien. Doch das Werk In front of a nightclub, 2006, ist eine pure Nachstellung (Reenactment) mit anderen Personen, die sich entsprechend kleideten. Der Rosenverkäufer hält noch ein paar Rosen in der linken Hand.

A Sudden Gust of Wind (after Hokusai), 1993

Das Grossbilddia A Sudden Gust of Wind (after Hokusai), 1993, zeigt einen Windstoss, der Papier-Blätter in den Himmel hochwirbelt, die Menschen zerzaust und den Fluss aufpeitscht. Das Bild nimmt Bezug zu einem Holzschnitt von Hokusai von etwa 1830 mit Menschen, die gegen den Wind ankämpfen. Jeff Wall schafft daraus eine surreale Komposition mit im Wind gekrümmten Männern, die vergeblich die fortfliegenden Blätter einzufangen versuchen.

Schon seit 1991 arbeitet Jeff Wall mit Fotomontagen, der Verschmelzung mehrerer Fotografien. Für A Sudden Gust of Wind setzte er erstmals digitale Bilderverarbeitungstechniken ein, um die zahlreichen Einzelbilder von Hut, Mann, Laub zu einem abschliessenden Einzelbild zu kombinieren. Die neuen technischen Möglichkeiten erlauben ihm, Themen komplexer zu gestalten.

The Flooded Grave, 1998-2000

Jeff Walls Bilder fordern heraus, genau hinzuschauen. Das frisch ausgehobene Grab The Flooded Grave, 1998-2000, auf einem alten Friedhof ist nicht einfach nur ein leeres Grab, das durch einen Wassereinbruch geflutet wurde. Guckt man genau hin, entdeckt man eine Wasserunterwelt mit Seesternen, Octopussen und Blättern. In der Ferne eilen Friedhofsarbeiter herbei, vielleicht um den Schaden zu beheben und in der Mitte links liegt ein roter Wasserschlauch wie eine Schlange im Gras. Für Jeff Wall gehört dieses Bild zu den «Halluzinationen», «die zwar rational betrachtet nicht als real gelten können, aber unsere Augen gleichwohl voll und ganz überzeugen», schreibt er im Katalog.

Mother of Pearl, 2016, Inkjet-Print. Foto: rv

Mother of Pearl von 2016 erinnert mich an meine eigene Kindheit. Wir spielten mit kleinen Perlmuttmarken, die sich in den Händen warm anfühlten und zart irisierende Farbnuancen aufwiesen. Für Jeff Wall geht das Bild ebenso auf eine Kindheitserinnerung seiner Frau zurück, so dass er diese Szene nachstellen wollte. Er konnte eine Schachtel mit einem Satz solcher Perlmuttmarken auftreiben und arrangierte die Szene in seiner Wohnung. Da seine Enkelin noch zu klein war, schreibt er, engagierte er ein sechsjähriges Mädchen als Protagonistin. Es ist ein Bild, das einen unmittelbar in eine entfernte Vergangenheit zurückversetzen kann.

Restoration, 1993, Grossbilddia. Foto: rv

Das Grossbilddia Restoration entstand 1993, bevor das Bourbaki Panorama in Luzern restauriert wurde. Martin Schwander, damals Direktor des Kunstmuseums Luzern, lud Jeff Wall für eine Ausstellung ein und zeigte ihm das Bourbaki Panorama, dessen Restaurierung erst drei Jahr später erfolgte. Für seine Fotografie engagierte Jeff Wall Restauratorinnen, die die Restaurierungsarbeit simulierten. Es war für ihn wichtig zu zeigen, wie Frauen Care Arbeit an einem Bild leisten, das männlich geprägt ist, mit Darstellungen kriegsversehrter Truppen im Jura, gemalt von Edouard Castre.

Titelbild: The Thinker, 1986. Grossbilddia. Foto: © R+E. Bühler.
Fotos: Grossbilddias,
© Jeff Wall Fondation Beyeler, © R+E. Bühler und rv

Bis 21. April 2024
Jeff Wall, Fondation Beyeler Riehen/Basel
Ausstellungskatalog mit Bildinterpretationen von Jeff Wall und Texten von Martin Schwab und Ralph Ubl, Hrsg. Fondation Beyeler, Riehen/Basel 2024. CHF 62.50

 

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