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Erfinder einer Bildsprache

Augusto Giacometti (1877-1947), einer der wichtigsten Künstler am Beginn des 20. Jahrhunderts, hat die Farbe analysiert und neu interpretiert. Das Bündner Kunstmuseum in Chur widmet ihm dazu mit «Contemplazione. Arbeiten auf Papier» eine Ausstellung.

Gezeigt werden Pastellzeichnungen, Aquarelle, Kreidezeichnungen und Bleistiftskizzen. Darunter sind auch Entwürfe einiger seiner Auftragsarbeiten für Kunst am Bau sowie Pflanzenstudien. Die Schau belegt die Bedeutung, die das Zeichnen für den Künstler hatte und vermittelt, wie Giacometti auf dem Weg von der Figuration zur Abstraktion eine neue Bildsprache entwickelt hat. Diese Ausstellung ist weit mehr als eine Ergänzung der Retrospektive Augusto Giacometti. Freiheit – Auftrag im Aargauer Kunsthaus, welche sich auf den grossen Werkkatalog vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA stützt. Giacomettis Wege zur Abstraktion werden in Chur dank der zahlreichen Exponate aus eigenen Beständen besonders gut nachvollziehbar. Und diese kleinen Pastelle sind Schlüsselwerke für den Künstler.

Piz Duan, um 1915. Aquarell, Bündner Kunstmuseum Chur, Depositum aus Privatbesitz

Der Bergeller aus Stampa studierte in Zürich und Paris und verbrachte wichtige Jahre in Florenz, bevor er sich in Zürich niederliess und von da aus Reisen nach europäischen und nordafrikanischen Destinationen unternahm. Die Ausbildung in Paris bei Eugène Grasset führte ihn zu einer Auseinandersetzung mit dem Jugendstil und brachte ihn über impressionistische Darstellungen zu seiner intensiven Beschäftigung mit den Farben an sich, die ihm nach und nach wichtiger wurden als das gewählte Motiv: Er setzte kleine Farbquadrate nebeneinander, dabei ergab sich Gegenständliches, beispielsweise eine Bergeller Landschaft oder ein Selbstporträt.

Blühende Hymenocallis, 1897. Tusche und Aquarell auf Papier. Museo Ciäsa Granda

Beim ergründen der Farben und ihrer Werte ist er vom klassischen Farbkreis ausgegangen, den er in eigener Interpretation in seinem Zürcher Atelier an der Wand hängen hatte. Sein Umgang mit dem Figurativen oder dem Abstrakten war frei und undogmatisch. Wichtig war ihm die Farbe als Lichterscheinung. Auf seinem Weg zur Abstraktion setzte er die Farbwerte von Glasbildern aus dem Mittelalter und Schmetterlingsflügeln in Aquarelle oder Pastelle um. Giacometti sei mit seinen Farbquadraten «den offensichtlichen Übereinstimmungen zwischen Farb- und Formgesetzen der Natur und der Kunst auf der Spur» gewesen, schreibt der Kunsthistoriker Beat Stutzer.

Abstraktion nach Ravenna, 1921

Seine Abstraktionen sind quadratische Farbfelder, die wie Puzzleteile wirken, denn ihre Ränder sind geschwungen und greifen scheinbar ineinander. Die Farben dieser Kompositionen sind nicht zufällig gewählt. Eine ganze Reihe dieser Blätter sind nun in Chur ausgestellt und erlauben vertiefte Einsichten in Giacomettis Forschen und Denken.

Contemplation. Mosaikentwurf für den Wandelgang der Universität Zürich, 1914. Bleistift, Pastell, Blattgold und Gouache auf Papier. Bündner Kunstmuseum Chur, Schenkung Tilla Theus, 2024

Vielleicht wegen des zweiten Weltkriegs, vielleicht auch wegen seiner Fokussierung auf Zürich, wo er bis zu seinem Tod einer der Grosskünstler der Schweiz war, wurde er von der internationalen Kunstwelt eher spät wahrgenommen, aber in den 50er Jahren wurde er als Wegbereiter des Tachismus und des abstrakten Expressionismus vor allem in Amerika anerkannt. Eins seiner abstrakten Bilder, die Sommernacht, besitzt heute das Museum of Modern Art in New York.

Zu den Poststempeln auf diesem Umschlag gesellen sich mehrere briefmarkengrosse Skizzen und Entwürfe

In Schaukästen der Ausstellung finden sich viele zum Teil winzige Bleistiftskizzen, welche einen Eindruck geben, wie und wo Giacometti überall gezeichnet hat, oder auch zeichnen wollte und musste, teilweise regelrechte Fresszettel oder Briefumschläge. Ein Saal zeigt eine Serie meisterhafter Zeichnungen auf braunem oder grauem Papier, welche mit Bleistift und Deckweiss Bilder der Schneeschmelze in den Bergen herzaubern.

Berglandschaft mit Wald. Bleistift und Deckweiss auf Papier.

Integrieren in die Ausstellung konnte das Bündner Kunstmuseum zusätzlich zum eigenen Bestand und einigen Leihgaben die umfangreiche Sammlung von Papierarbeiten der Architektin Tilla Theus, die das Museum im laufenden Jahr als Schenkung entgegennehmen kann.

Studie zu Contemplazione. Bleistift auf Papier

Das Churer Museum hat Leihgaben zur Retrospektive in Aarau gegeben, aber einiges ist noch da: In einem Saal der Sammlungsausstellung sind mehrere Ölbilder von Augusto Giacometti zu sehen, darunter die Phantasie über eine Kartoffelblüte von 1917, oder der Bergbach, 1904, von dem eine Vorstudie auf Papier in der Spezialschau einen Vergleich möglich macht.

Statt eines Katalogs bietet das Museum das Grundlagenwerk Augusto Giacometti. Wege zur Abstraktion von 2021 an, in dem neben Beiträgen von Beat Stutzer und anderen auch Augusto Giacomettis Vortrag Die Farbe und ich von 1933 nachzulesen ist.

Titelfoto: Zwei Farbstraktionen undatiert. Foto: E. C.

Bis 28. April
Hier gibt es Informationen für den Besuch der Ausstellung in Chur
Der Link zur Ausstellung  in Aarau

Publikation: Augusto Giacometti. Wege zur Abstraktion, hg. von Beat Stutzer. Zürich, 2021. Verlag Scheidegger & Spiess. ISBN 978-3-03942-052-0

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