StartseiteMagazinKulturOperettentaumel in Zürich

Operettentaumel in Zürich

Die Erwartungen an diese Premiere waren hoch. Regisseur Barrie Kosky, berühmt für seine leichthändigen Operetten-Inszenierungen an der Komischen Oper Berlin, hat im Opernhaus  Zürich Franz Lehárs «Die lustige Witwe» inszeniert. Am Dirigentenpult debütiert der knapp dreissigjährige Patrick Hahn.

Operetten haben es schwer. Sie sind Kinder ihrer Zeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie schelmisch widerspiegeln, sind andere geworden. Franz Lehárs «Lustige Witwe» wurde 1905 in Wien erstaufgeführt und löste mit ihrem erotischen Geplänkel ein weltweites Operettenfieber aus. Heute wirkt die Geschichte belanglos, doch Lehár hat einen Hit nach dem andern komponiert: «Da geh ich zu Maxim», «Vilja o Vilja» oder «Ja das Studium der Weiber ist schwer» sind alle Evergreens zum Mitsingen.

Alte Liebe rostet nicht

Die Geschichte dreht sich um die selbstbewusste reiche Witwe Hanna Glawari, die in Paris von Männern umschwärmt wird. Doch Mirko Zeta, Botschafter des stark verschuldeten Staats Pontevedro, will alles daransetzen, dass Glawaris Millionen nicht an einen Franzosen verloren gehen. Sein Staat braucht das Geld. Deshalb setzt er den Lebemann Danilo auf sie an. Hanna und Danilo sind sich jedoch schon früher einmal begegnet und waren schon einmal heftig verliebt. Doch Hanna war damals noch arm gewesen, eine Heirat kam nicht in Frage. Nun aber finden die beiden zueinander, auch wenn sie sich dafür lange Zeit lassen.

Danilo (Mchael Volle) und Hanna (Marlis Petersen) lieben sich wie einst im Mai. (Alle Bilder Monika Rittershaus/ Opernhaus Zürich)

Regisseur Barrie Kosky hat für dieses Paar eine Traumbesetzung gefunden. Michael Volle, 2023 von der «Opernwelt» zum «Sänger des Jahres gekürt», verkörpert den Danilo mit schauspielerischer Leichtigkeit. Man nimmt ihm die wahren Gefühle für Glawari ab. Auch sein Ringen darum, dass nicht der Eindruck entsteht, er wolle nur ihr Geld. Was er mit seinem weichen Bariton an Ironie, Witz und Ehrlichkeit zu vermitteln vermag, ist grosse Klasse.

Marlis Petersen als Hanna singt und tanzt gleichzeitig und voller Dynamik.

Die Hauptpartie der Hanna Glawari ist extrem fordernd. Marlis Petersen musste üppigen Kopfschmuck tragen und bewegte sich dennoch leichtfüssig und elegant. Verblüffend auch, mit welcher Selbstverständlichkeit sie singend die Choreografien mittanzte. Bei aller Dynamik kam Petersen nie ausser Atem. Sie intonierte lupenrein und sang heiter und erotisch verspielt.

Märchenhafte Figuren

Barrie Kosky verlegt das Geschehen der «Lustigen Witwe» in eine märchenhafte Welt. Sein Ausgangspunkt ist eine alte Klavierwalze, auf der Lehár die «Lustige Witwe» als Klavierarrangement selber eingespielt hat. Dieser «Historische Klang» ist als Vorspiel zur Operette zu hören, während Hawari an einem Flügel sitzt. Dieser Flügel zieht sich wie ein Leitfaden durch den Abend, wenn er auftaucht, wird er von den Protagonisten wie ein Requisit bespielt.

Die Ausstattung ist üppig, also voll operettenmässig, und trägt viel zur gelösten Stimmung bei.

Koskys Figuren sind von Ernst Lubitschs Verfilmung der Operette inspiriert. Gianluca Falaschi hat für die Zürcher Produktion entsprechend üppige, ja prachtvolle Kostüme entworfen, vor allem der Kopfschmuck ist grandios. Mit viel Salon-Glamour sind auch der Chor und das Ballett ausgestattet. Dafür ist der Bühnenraum von Klaus Grünberg abstrakt und dunkel gehalten, was den Gewändern umso mehr Strahlkraft verleiht.

Balletteinlagen tragen viel bei zur gelungenen Operettenseligkeit.

Die bühnentechnische Besonderheit ist der «mitspielende» Rundvorhang. Dieser unterteilt den Raum an einer zimtschneckenartig gebogenen Vorhangschiene, mal öffnet, mal schliesst er den Innenraum. So werden nicht nur lautlose Szenenwechsel möglich, der Raum öffnet sich auch leicht für die vielen Balletteinlagen und Salonempfänge. Die Tänzerinnen und Tänzer konnten sich in den vitalen Choreografien von Kim Duddy temperamentvoll ausleben: Hier ein seliger Walzer, da ein deftiger Volkstanz, oder dann ein köstlich frivoler Cancon.

Eindrückliches Debüt am Dirigentenpult

Dem jungen Dirigenten Patrick Hahn gingen diese schnellen Tempo- und Stimmungswechsel leicht von der Hand. Hahn ist noch keine dreissig Jahre alt und bereits GMD, Generalmusikdirektor, in Wuppertal. Ihm gelang es in seinem Zürcher Debüt, Lehárs «erotisierende» Instrumentierung aufklingen zu lassen und den Wiener Schmelz mit warmem Klang zu zelebrieren. Sein rhythmischer Drive war nie übertrieben und auch mal federleicht. Und wie er auch beim grössten Gemenge auf der Bühne die Übersicht behielt, war bewundernswert.

Auch der Chor der Oper Zürich konnte sich unter dem rythmischen Dirigat des jungen Patrick Hahn optimal entfalten.

Unter Hahn konnten sich die Sängerinnen und Sänger wunderbar entfalten. Martin Winkler gab den ulkigen Baron Mirko Zeta herrlich komisch, während ihm Katharina Konradi als seine «anständige verheiratete Frau» Valencienne die Hörner aufsetzte. Herrlich, wie sie mit ihrem leichten Sopran den hoffnungslos in sie verliebten Camille de Rosillon neckisch auf Distanz hielt. Prägnant gespielt war auch die Sprechrolle des übereifrigen Dieners Njegus, dem Barbara Grimm ein sympathisches Plappermaul verlieh. Das Publikum liess sich mitreissen und spendete allen Beteiligten begeisterten Applaus.

Weitere Vorstellungen: 14, 16, 18, 20, 25 Februar / 1, 5, 7, 10, 12, 14 März

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