StartseiteMagazinKulturErleuchtung aus der Leuchtstoffröhre

Erleuchtung aus der Leuchtstoffröhre

Grün, rot und rosa, blau und gelb sowie violett oder auch mal weiss leuchten die Ausstellungsräume im Basler Kunstmuseum und machen sie optisch neu: Dan Flavins Lichtkunst verändert unsere Wahrnehmung.

Die grosse Ausstellung Dan Flavin. Widmungen aus Licht hat gemeinsam mit Olga Osadtschy Josef Helfenstein eingerichtet. Unlängst war er noch Direktor des Museums mit dem ungewöhnlichen Neubau, jetzt hat er ein bisschen umgebaut, die Räume so umgestaltet, dass die Lichtkunst adäquat zur Geltung kommt. Die Wände sind weisser, nackter als sonst: die Bodenleiste ist weg, es gibt keine Täfelchen mit Beschriftung der Werke, da und dort ist die Beleuchtung ausgeschaltet.

Ausstellungsansicht mit «untitled (for Otto Freundlich1987)» 1990 (links) und «untitled (to Don Judd, colorist)»

Es geht nämlich weder um Malerei noch um Skulpturen, es geht ums Leuchten der Räume und die Auflösung der architektonischen Grenzen, das führt zu einem veränderten Raumempfinden: Dan Flavin hat die Farbe aus der Malerei in den Raum gebracht. Allerdings mit eingeschränkter Palette, nämlich mit jenen sechs Farben und vier verschiedenen Weiss, die in unterschiedlicher Länge sowie als Ringlampe im Handel erhältlich waren.

Monument 4 for those who have been killed in ambush, 1966. © Stephen Flavin / 2024, ProLitteris, Zurich

Dan Flavin (1933-1996) war ein Pionier der Minimal Art und hat eine neue Kunstform begründet: Seit Beginn der 1960er Jahre war sein Material ausschliesslich Fluoreszenzröhren aus dem Handel, Leuchtmittel, die auch wir kaufen könnten. So lange sie noch produziert werden. Daher sei die Dokumentation der Arbeiten wichtig, sagt Josef Helfenstein. Auch ein Grund, warum der Katalog dieser Ausstellung erst geschrieben und fotografiert werden muss. Dafür liegt ein selten reiches Saalheft auf.

Sicher ist, dass Flavin wusste, dass sein Material nicht unendlich funktioniert. Leuchtstoffröhren, Starter, Sockel sind ersetzbar. Ihm ging es um die Aura, die erzeugt wird, nicht um wertvolle Artefakte oder Unikate. Und zugleich war er – zwar mit Carl Andre oder Donald Judd zu den Minimalisten gehörend – kein Künstler, der hinter seinem minimalistischen Werk unsichtbar bleiben wollte. Im Gegenteil: Durch Statements und Widmungen gewinnt jedes Stück Lichtkunst eine humane Bedeutung, eine politische Aussage oder die Ehrung eines befreundeten oder bewunderten Menschen aus Flavins Umfeld. Das ist radikal, zugleich einschränkend und ausufernd, dazu konstruktiv und emotional.

Untitled (to you, Heiner, with admiration and affection) 1973. © Stephen Flavin / 2024, ProLitteris, Zurich

Grünes Licht fliesst aus dem zweiten Obergeschoss über die steingraue Welt des Treppenhauses im Neubau. Es stammt von einem der grössten Werke in der Ausstellung: im Zwischentrakt trennt die grüne Barriere – ein dichter, leuchtender Zaun aus grün fluoreszierenden Röhren – den fürs Gehen und Stehen bestimmten Raum vom Unerreichbaren dahinter. Diese irritierende Lichtinstallation untitled (to you, Heiner, with admiration and affection) hat Flavin 1973 dem deutschen Kunsthändler Heiner Friedrich zugeeignet, der 1970 in die USA übersiedelte und mit seiner Dia Art Foundation ein wichtiger Unterstützer Flavins wurde.

Flavins erste Arbeit, eine im 45-Grad-Winkel schräg an der Wand befestigte gelbe Leuchtstoffröhre mit Widmung für den Bildhauer Constantin Brancusi, dessen Endlose Säule im rumänischen Târgu Jiu ihn angeregt hatte, brachte den Durchbruch.

Ausstellungsansicht mit einer Arbeit aus Deluxe-Röhren von 1964 (Flavin freute sich insgeheim, wenn jemand bei der ersten Präsentation auf eins der Lichter stand und es zerbrach) und dem ersten Werk «the diagonal of May 25, 1963 (to Constantin Brancusi)»

Die Ausstellung verläuft auf einer Zeitschiene, wobei die Arbeiten, meist ohne Titel, ihre Widmung oft erst später bekommen. Schon im gleichen Jahr setzt Flavin eine Röhre in eine Ecke und beleuchtet einen sonst in Galerieräumen unbeachteten Bereich. Der dritte Saal ist rot: Prominent aus einer Ecke wächst das monument 4, gewidmet jenen, die in einem Hinterhalt getötet wurden: Flavins Protest gegen den Vietnamkrieg. Das Werk gelangte nach der Ausstellung 1966 in den angesagten Nachtclub Max’s Kansas City, wo es sein rotes Mahnen an die Kriegsopfer über der Tanzfläche für Prominenz um Andy Warhol fortsetzte.

Das helle Licht der «monuments» für V. Tatlin von 1981 (links) und 1964.

Der nächste Raum ist weiss und mit drei von den rund 50 Arbeiten bestückt, die Flavin zwischen 1964 und 1990 für seine Werkreihe monument for V. Tatlin, den russischen Konstruktivisten mit seinem nie ausgeführten Turm herstellte. Dazugestellt eine Installation mit warmweissen Ringlampen, die George McGovern, dem gegen Nixon unterlegenen Präsidentschaftskandidaten gewidmet ist.

Eines der Licht-Portale, die einen magisch anziehen (1971), und die Arbeiten im Andenken an Josef Albers (1977)

Nach der grünen Barriere und einem Dokumentationsraum folgen gleich zwei Höhepunkte: Installationen für Josef Albers von 1977 sowie für den engen Freund Barnett Newman, der 1970 verstarb. Von Newmans Recherchen um die Primärfarben inspiriert, baut Flavin 1971 eine Art Portale in rot, gelb und blau, die nirgends hin oder eben in die Unendlichkeit führen. Real lassen sie eine Raumecke verschwinden.

Blick aus dem Raum mit den sieben Werken für John Heartfield von 1990 zurück zum Raum mit den Portalen

Dan Flavin wurde 1933 in Queens, New York City, geboren und in irisch-katholischer Tradition erzogen. Mit gut zwanzig liess er sich in der Armee zum Flugmeteorologen ausbilden. Mag sein, dass seine Faszination fürs Licht hier begonnen hat.

Apollinaire wounded.1959/60. Assemblage aus Gips, Holz, Ölfarbe Bleistift und einer zerdrückten Aludose. © Stephen Flavin / 2024, ProLitteris, Zurich

Nach einer Dienstzeit in Korea kam er 1956 zurück nach New York, wo er verschiedene Studiengänge im Umfeld der Kunstgeschichte besuchte und in den grossen Museen als Hilfskraft und Aufsicht arbeitete. Er zeichnete unentwegt, schon im Militärdienst, und wurde ein Kenner der Kunstgeschichte: «Glücklicherweise fehlten mir verschiedenartige, voreingenommene Ausbildungen an Kunstakademien,» hielt der Autodidakt später fest. Das ist im Dokumentationsraum zu erfahren, wo seine Biographie mit der Zeitgeschichte verknüpft spannende Einsichten vermittelt, und wo sein Frühwerk präsentiert wird.

Blick auf Zeichnungen im Dokumentationsraum, im Licht des nächsten Ausstellungsraums.

Es sind Zeichnungen, Wortbilder und Objekte, die teilweise noch nie zu sehen waren. Dan Flavin musste das Zeichnen wegen seiner schweren Diabetes aufgeben. Mit den Leuchtmitteln gelang ihm, Magie und Mythos zu gestalten. Er hat ein minimalistisches und zugleich sehr persönliches Werk hinterlassen. Auch in Basel. Der Innenhof des Kunstmuseums bekam 1975 die Installation untitled (in memory of Urs Graf). Flavin hatte eine Doppelausstellung in der Kunsthalle und im Kunstmuseum vorzubereiten und stellte eigenen Zeichnungen eine Auswahl von Blättern des Renaissance-Künstlers Urs Graf zur Seite, weil ihn die «vulgar sketches» begeisterten. Im Dokumentationsraum haben die Ausstellungsmacher eine Serie von Urs-Graf-Zeichnungen gehängt, eine Wechselausstellung wegen der Lichtempfindlichkeit der Originale. Also noch ein Grund, die Schau zu besuchen.

Flavins Lichtinstallation im Innenhof des Museumshauptbaus. Foto: Florian Holzherr

Das Geschenk im Innenhof wurde zunächst abgelehnt, aber ein paar Jahre später «mehr aus diplomatischen Erwägungen denn aus Überzeugung» angenommen. Heute empfiehlt es sich, nach der Sonderausstellung im Neubau das Museum über den unterirdischen Verbindungstrakt, wo das dem Golden Retreiver Airily gewidmete Werk von 1985 leuchtet, und den Innenhof im Hauptbau zu verlassen. Anders als in früheren Jahren ist die Installation im Innenhof angeschaltet und nicht ausgeknipst.

Titelbild: Josef Helfenstein und Olga Osadtschy haben die Ausstellung «Dan Flavin. Widmungen aus Licht» kuratiert. Foto: © R.+ E. Bühler
Fotos: © R.+ E. Bühler
Alle Kunstwerke: © Stephen Flavin / 2024, ProLitteris, Zurich
Bis 18 August

Hier finden Sie weitere Informationen zur Ausstellung und den Veranstaltungen. Unter anderem ist eine Konzertreihe mit zeitgenössischer Musik geplant.

 

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