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Autozüge und -fähren als Kilometerfresser

Jetzt ist es Zeit, die Ferien vorzubereiten. Seniorweb hält Ausschau nach Norden und hat den Autoreisezug zwischen Lörrach und Hamburg untersucht (Bild). Für die Weiterfahrt nach Skandinavien verkehren Fähren auf der Ostsee.

Für Leute, die statt Badespass Natur und Kultur suchen, ist Skandinavien ein beliebtes Ziel. Leider ist die Anfahrt lang. Wer nicht fliegen will, ist aufs Auto angewiesen. Gerade wir Älteren wollen jedoch nicht stunden- oder gar tagelang Kilometer abspulen, im Stau stecken und übermüdet und hässig ankommen. Wer dem ausweichen will, reist mit dem Autozug von Lörrach nach Hamburg-Altona, fährt dann auf der Autobahn zu den Ostseehäfen und benützt dort die Fähren. Seniorweb hat diese beiden Kilometerfresser untersucht und mit persönlichen Erfahrungen ergänzt.


Mit dem Autoreisezug fährt man ohne Stress und Stau durch ganz Deutschland. Die nächtliche Fahrt ist allerdings, pardon, schweineteuer.

 

Bewertung. Die Verbindung zwischen Lörrach nach Hamburg-Altona wird von zwei Bahnunternehmen betrieben, dem Bahntouristik-Express (BTE) und dem Urlaubsexpress (UEX). Die Kompositionen verkehren nicht täglich und nur im Sommer. Beide Unternehmen kommen beim Vergleichsportal Tripadvisor gleich weg. Nämlich schlecht. Die Skala reicht von 1 bis 5, von unzumutbar bis ausgezeichnet. Die zwei Firmen müssen sich mit miesen 1,9 begnügen. Die Stichworte zu diesem niederschmetternden Urteil sind für beide Betriebe die gleichen: Verspätungen, Zugsausfälle, altes Rollmaterial, verstopfte oder geschlossene Toiletten, viel zu teuer. Einzig das Personal erhält hier wie da gute Noten: freundlich, hilfsbereit.
Preise. 2 Personen im Liegeabteil mit einem Personenwagen, einfache Fahrt, ab Fr. 680.-. Gleiche Voraussetzungen, aber im Schlafwagen, etwa Fr. 800.-.

Persönlich: Nicht ganz so schlimm wie die Portale ahnen lassen

Der Verfasser und seine Ehefrau haben die Verbindung schon mehrfach benützt. Unser Befund: nicht ganz so schlimm wie die Portalbewertung. Aber allerlei Ärger muss man schon hinnehmen. Der Autoreisezug hat halt keine Konkurrenz. Immerhin urteilen wir milder als die Tripadvisor-Beurteilungen und schreiben knapp genügend ins Notenheft. Als nervig empfanden wir vor allem in Lörrach und Hamburg-Altona die langen Wartezeiten. Zwischen dem Abschluss des Check-ins und der Abfahrt vergehen gefühlt Stunden. Ebenfalls Geduld nötig ist zwischen der Ankunft am Bahnhof und der Übernahme des Autos.

bte-autoreisezug.de 
urlaubs-express.de

In Lörrach (Bild) müssen die Reisenden lange warten. Wenns im regulären Fahrplan irgendwo hapert, wrd zuerst der Autoreisezug nach hinten geschoben.


Mit den Ostseefähren schwimmt das Auto übers Meer. Wer den manchmal turbulenten Einstieg geschafft hat, erlebt Seefahrt-Romantik.

 

Bewertung. Auf der Ostsee sind Autofähren ein beliebtes Mittel um lange Fahrstrecken zu umgehen. Ab und nach Deutschland fährt unter anderem Scandlines. Das Unternehmen erhält 2,4 Sterne auf der 5 Stufen umfassenden Skala, also knapp genügend. Weiter sind unterwegs: Stena Lines (2,7) und mit dem besten Ergebnis TT-Lines (3,3). Nur ab Polen fährt die Firma Polferries. Die Benutzer bestrafen die Reederei mit 1,5 – also etwas besser als unzumutbar.
Die Bewertungen für alle Unternehmen lassen sich zusammenfassen: Lob erhält im Allgemeinen die Sauberkeit, das Personal und die Pünktlichkeit. Kritik müssen die Ticketsysteme einstecken (kompliziert, wenig Kulanz). Recht viele Fährenbenutzer vermissen rechtzeitige Informationen und sind verärgert über abgesagte Verbindungen. Einzelne beklagen das für Automobilisten komplizerte Einschiffen, sehr viele kreiden an, dass man vor der Abfahrt lange warten muss.
Preise Die Reedereien gestalten die Tarife ähnlich wie die Fluggesellschaften nach Buchungszeitpunkt und Auslastung. Sie gewähren Boni für Tickets, die man nachträglich nicht mehr ändern kann. Die 15-stündige Überfahrt von Kiel nach Göteborg kostet zum Beispiel für zwei Personen samt Auto etwa 160 Franken. Dazu kommen die Tarife für die obligatorische Kabine. Die engen Kabinen innen, ohne Fenster, kosten rund 110 Franken, eignen sich allerdings nicht für Leute mit Platzangst. Für das günstigste Angebot müssen zwei Personen also 370 Franken ausgeben. Die Luxusangebote haben klangvolle Namen, Panorama-Suite etwa, und stolze Preise, rund 350 Franken. Am einfachsten benützen Reisende die Buchungsportale, welche die Angebote der verschiedenen Reedereien zusammenfassen.

Persönlich: Wenn man erst mal drin ist, wirds gemütlich

Ausser zu den baltischen Staaten und nach Russland waren wir fast auf allen Ostsee-Linien unterwegs. Deshalb hier ein längerer Bericht.

Parkdeck-Odyssee. Die Reedereien bemessen die Check-in-Zeiten reichlich und verlangen damit von den Passagieren, dass sie lange warten müssen. Routiniers vermeiden dies und fahren erst kurz vor dem Ende dieses Limits vor oder überschreiten es gar. Ist man erst mal auf dem zugewiesenen Platz im Bauch des Schiffes ist Konzentration angesagt. Weil die Crew die Laderäume abschliesst, muss man erstens alles aus dem Auto nehmen, was man bis zur Ankunft braucht. Und weil zweitens in einer Fähre auf den vielen Decks mehrere Hundert Wagen parken, sollte man genau wissen, wo man sein Fahrzeug hingestellt hat. Wer suchen muss, erlebt eine Tiefgaragenodyssee – verschärft durch ungeduldige Hafenarbeiter, die entweder Feierabend machen oder die Decks mit den nächsten Autos beladen wollen.

Seeschlacht am Buffet. Bei den Schiffsgastronomen beliebt sind Buffets. Sie vermitteln die Eigenheiten der skandinavischen Küche. Je nach Weltanschauung wähnt man sich dabei auf manchen Routen im Schlaraffenland oder in einem Säuferparadies. Aus Zapfhähnen fliessen Bier sowie Rot- und Weisswein – auf manchen Linien in Selbstbedienung, so viel man will und erträgt. Trotz dieser Versuchungen mussten wir uns nie über Alkoholleichen ärgern. Hingegen beklagen sich vor allem deutsche Reisende über die hohen Verpflegungspreise. Die Skandinavier und wir Schweizer sind resistenter gegenüber Schockpreisen als die von Billigangeboten verwöhnten Deutschen. Zusammengefasst: Essen und Trinken kosten ungefähr gleich viel wie bei uns.

Zollfrei Promille tanken. Auf allen Schiffen kann man sein Geld an Spielautomaten loswerden. Wer sein Portemonnaie anders leeren will, besucht die Dutyfree-Shops. Unterdessen verrechnen allerdings die Discounter vor allem in Deutschland ähnliche oder gar tiefere Preise. Immerhin sind die Läden bei vielen Norwegern, Schweden und Finnen als Promillequellen beliebt. In ihren Heimatländern ist der Verkauf von Alkohol stark eingeschränkt.

Hundsverlochete. Auf manchen Schiffen müssen Hundebesitzer spezielle Kabinen buchen. Auf anderen Strecken ist das Regime noch strenger: Die Halter sind gezwungen, ihre Tiere in Boxen im Bauch des Schiffs einzusperren. Zu geregelten Zeiten dürfen sie ihre Lieblinge auf zugewiesenen Decks Gassi führen. Über traumatisierte Hunde ist trotz dieser Radikallösung nichts bekannt. Um weiter bei der Segregation zu bleiben: Einige Fähren haben Trucker-Lounges. Immerhin: Die Lastwägeler können, müssen aber nicht unter sich bleiben.

Man gönnt sich ja sonst nichts. Wirklich, einmal ein paar hundert Euros mehr ausgeben, warum nicht? Die Panorama-Suite buchen, über die grossen Fenster vom Bett aus direkt auf Meer gucken. Im Gang wartet die für ein halbes Dutzend Luxus-Suiten zuständige Gastgeberin. Sie hat unter anderem freien Champagner im Angebot. Das Frühstücks-Buffet ganz vorne am Fenster und dabei durch die Schären nach Oslo gleiten. Einmal im Leben, es lohnt sich.

Karte: Autozug zwischen Lörrach und Hamburg, dann auf der Autobahn zu den Ostseehäfen.
Schiff:Die Einfahrt sieht einfach aus. Drinnen wirds kompliziert, zweistöckig, zentimeterkleine Abstände zwischen den Fahrzeugen. Diese Fähre der Stena-Lines verkehrt zwischen Kiel (Bild) und Oslo.

Buchungsportal für mehrere Reedereien


Wer hätte das gedacht: Schon unsere Ururgrosseltern reisten gerne mit dem Kutschenzug über Land. Weil das Reisevergnügen teuer war, konnten es sich nur Gutbetuchte leisten.

 

Die verantwortlichen Herren der Bahn zwischen Dresden und Berlin wussten um 1850 wie beschwerlich die Fahrten auf den staubigen Landstrassen waren. Sie schufen eine Transportmöglichkeit, die man als vorausschauend bezeichnen kann. Die Kutsche reiste auf dem offenen Eisenbahnwagen, die Pferde standen im Viehwaggon. Die Darstellung hat bloss einen Fehler: Es ist eine Zukunftsvision. So etwas hat es damals nicht gegeben.

Das Voik zusammengepfercht, die Damen und Herren in der eigenen Kutsche, Freiluft für alle. Schön, aber ein Fake.

Bilder: BTE, Stena-Lines, Pixabay, Wiki commons, pst

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