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«Der vergessene Prozess»

Mit der Uraufführung des Stücks «Der vergessene Prozess» der Autorin Gornaya taucht das Berner Theater an der Effingerstrasse in die dunkle Geschichte der Judenverfolgung ein, bringt aber auch aktuelle Missstände wie Antisemitismus, öffentlich geäusserte Lüge, Hass und Menschenverachtung auf den Punkt. Eine beeindruckende Geschichtslektion auf der Theaterbühne.

«Hass spricht. Die Lüge ist nicht das eine und die Sprache das andere. Mit dem Hass kommen die Worte und mit den Worten kommt der Hass. Sprache ist die Waffe, die trifft.» (Odette Brunschvig im Prolog).

Im Zentrum der wahren Geschichte steht der Kampf des Berner Anwalts Georges Brunschvig (1908-1973) gegen das menschenverachtende, antisemitische Pamphlet «Die Protokolle der Weisen von Zion.» Als die antisemitische Hetzschrift nach einer grossen Kundgebung der Schweizer Nationalsozialisten und Frontisten in Bern an Kiosken verkauft wurde, entschieden sich der Israelitische Gemeindebund sowie die Israelitische Kultusgemeinde Bern, vor Gericht zu ziehen und die Schrift verbieten zu lassen.

Doch wer sollte den Prozess führen? Ein junger Berner Anwalt, der gerade sein Jurastudium abgeschlossen hatte, vertrat die jüdische Seite. Brunschvigs Verlobte, die 18-jährige Odette Wyler, verfolgte von November 1933 bis Oktober 1934 jeden Verhandlungstag im Berner Amtshaus als Zuschauerin. Die internationale Presse berichtete detailliert, der Andrang war enorm gross. Der Arbeiter-Schriftsteller Carl Albert Loosli aus Bümpliz trat vor Gericht als Experte auf. Ein Rabbiner, der spätere israelische Staatspräsident Chaim Weizmann, namhafte Juristen sowie ein Nazi-Publizist aus Erfurt wurden als Zeugen befragt.

In der Hetzschrift, die noch heute im Umlauf ist, wird behauptet, die Juden versuchten, durch die Bildung einer konspirativen Regierung die Weltherrschaft zu erlangen. Geheime Sitzungen dazu hätten am Jüdischen Weltkongress 1897 in Basel stattgefunden. Die Juden seien generell ein Übel, das «ausgerottet» werden müsse. Im Urteil bezeichnete das Berner Amtsgericht die «Protokolle» 1934 als gefälschte Schundliteratur und verbot deren Verbreitung. Zwei der fünf angeklagten Frontisten wurden zu milden Geldstrafen verurteilt.

Die unterlegenen Nazi-Sympathisanten zogen den erstinstanzlichen Richterspruch 1934 vor das Bernische Obergericht, das die Verurteilten aus formellen Gründen freisprach. Der Fälschungsvorwurf aber blieb. Auf einen Weiterzug ans Bundesgericht wurde verzichtet, wobei es aus heutiger Sicht durchaus reizvoll wäre, sich über ein höchstrichterliches Urteil aus Lausanne Gedanken zu machen. Tatsache ist immerhin, dass Georges Brunschvigs Kampf gegen die «Protokolle» und seine Dissertation (Die Kollektiv-Ehrverletzung. Polygraphischer Verlag, Zürich 1937) 1995 zur viel zu späten Einführung der Schweizer Rassismus-Strafnorm beitrugen.

Wie es zum Theaterstück kam

Christiane Wagner, die heutige Intendantin des Theaters an der Effingerstrasse, lernte 2017 die hochaltrige Ehefrau des bereits 1973 verstorbenen Anwalts Brunschvig kennen. Wagner war von Odette Brunschvig und dem «vergessenen Prozess» so beeindruckt, dass sie bei der Berner Autorin und Dramaturgin Gornaya (alias Gabriele Leuenberger) ein Theaterstück bestellte. Dieses basiert zu grossen Teilen auf einer Biografie Brunschvigs, geschrieben von der Berner Historikerin Hanna Einhaus «Für Respekt und Würde».

Die Bühnenversion ist vollgepackt mit historischen Fakten über die Suche nach den Autoren der «Protokolle», zu den Motiven und Wegen von deren Verbreitung. Das russische Zarenhaus kommt darin ebenso vor wie der russische Geheimdienst oder nazibegeisterte Kreise in Deutschland und in der Schweiz. Historische Quellen sowie Gesetzesparagrafen werden zitiert, Persönlichkeiten, Zeitzeugen und Protagonisten des «vergessenen Prozesses» gezeichnet und streckenweise bewusst überzeichnet.

Die Inszenierung der Bühnenversion

Den Auftrag, das historische «Vermittlungswerk» auf die Bühne zu bringen und zu inszenieren, erhielt Regisseur Jochen Strodthoff. Er studierte das Drama des «vergessenen Prozesses» mit fünf Spielenden (drei Männern und zwei Frauen) in einem Monat ein. Heidi Maria Glössner spielt Odette Brunschvig, Jeroen Engelsman deren Ehemann, Anwalt Georges Brunschvig. Die übrigen Spielenden, Wowo Habdank, Tobias Krüger sowie Kornelia Lüdorff, übernehmen abwechselnd mehrere Rollen, einmal die des Gerichtspräsidenten, dann die der bestellten Experten, Zeugen oder Anwälte. Wirkungsvoll spielen sie einmal sogar sich selbst: ein Theaterensemble, das sich die Frage stellt, ob man sich auf der Bühne antisemitisch äussern darf.

Äusserst wirkungsvoll kommen weitere Regieeinfälle zur Geltung: Der «Bühnenlift» am Effinger wird sinnbildlich eingesetzt: Die Figuren tauchen immer dann – wie aus der Vergangenheit – auf, wenn das Stück im Berner Gerichtssaal spielt. Damit der Stoff nicht zu schwer daherkommt, hat der Regisseur zahlreiche Pointen und witzige Begebenheiten sowie Anspielungen eingebaut.

Das Bühnenbild (Ausstattung Angela Loewen) ist ebenso schlicht wie zweckmässig gestaltet. Leitern ermöglichen die Versinnbildlichung der Hierarchien. Berge von Akten dienen als Mobiliar, auf dem die Protagonisten während den Verhandlungen sitzen. Musik und Töne (Robert Aeberhard) verstärken die bedrohliche Stimmung der dreissiger Jahre, als Juden Angst hatten, die Haustüre zu öffnen, weil sie nicht wussten, wer die Kingel betätigt hatte.

Zeitsprung ins Hier und Jetzt

Erfreulicherweise bleibt das Stück nicht in der Darstellung der historischen Vorgänge stecken. Immer wieder werden aktuelle Bezüge geschaffen, die daran erinnern, dass menschenverachtendes, antisemitisches Gedankengut sowie Handlungen auch heute vorkommen. Der verstorbene Bundesrat Delamuraz wird zitiert, von dem der unüberlegte Satz stammt, dass Auschwitz sich nicht in der Schweiz befinde. Beim Thema «Lüge und Fakenews» dürfen die Corona-Leugner nicht fehlen. Und selbstverständlich kommt auch der brutale Überfall der Hamas auf jüdische Einrichtungen am 7. Oktober 2023 zur Sprache, der den Nahostkonflikt dramatisiert und unabsehbar verändert hat.

Das Bühnenstück «Der vergessene Prozess» ist ein Lehrstück und eine Mahnung an uns alle, antisemitischen, diskriminierenden und menschenverachtenden Tendenzen eine klare Absage zu erteilen. Das Stück ist aber auch ein notwendiger Beitrag an die nur zögerliche Pflege einer schweizerischen Erinnerungskultur bezüglich der Versäumnisse der «Class Politique» während und nach dem Zweiten Weltkrieg. «Der vergessene Prozess» knüpft lückenlos an Publikationen und Filme wie «Das Boot ist voll» (Spielfilm von Markus Imhoof, 1980, nach dem gleichnamigen Buch des Schweizer Schriftstellers Alfred A. Häsler, 1967) sowie an den «Bergier-Bericht» (publiziert 2002) an, die im Geschichtsunterricht von Schweizer Oberstufen-Klassen Pflichtstoff sein müssten.

«Gemeinsam muss man sich bemühen, der Hungersnot und Unterernährung die in vielen Teilen der Welt herrscht, entgegenzutreten. Der Flüchtling muss als gleichberechtigtes Glied in die menschliche Gesellschaft eingeschaltet werden. Wir müssen auch dafür sorgen, dass unsere Kranken gepflegt, die Alten umsorgt, die Jungen bestens ausgebildet werden. All dies muss aus der Achtung vor dem Mitmenschen erfolgen.» «Hass spricht. Die Lüge ist nicht das eine und die Sprache das andere. Mit dem Hass kommen die Worte und mit den Worten kommt der Hass. Sprache ist die Waffe, die trifft.» (Anwalt Georges Brunschvig im Epilog).

Titelbild: Das Ensemble in der Berner Uraufführung. Alle Fotos: © Severin Novacki

LINKS

www.theatereffinger.ch

Szenische Rundgänge zur Theateraufführung:

https://seniorweb.ch/2023/10/19/historische-und-aktuelle-mutgeschichten/

LITERATUR

Für Recht und Würde – Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot. Autorin: Hannah Einhaus, Chronos-Verlag, 2016. ISBN: 978-3-0340-1324-6

 

 

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