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«Baustellen sind Zeichen der Hoffnung»

Überall sind Baustellen: in der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft, in den Betrieben, in den Familien, im eigenen Leben. In seinem Buch «Baustellen der Hoffnung» beschreibt Martin Werlen (Titelbild), ehemaliger Abt von Einsiedeln und Propst von St. Gerold, die verschiedenen Baustellen, in denen er selbst lebt, ganz anders – besonders auch die Baustelle Kirche.

Propst Martin Werlen fordert in seinem neuen Buch «Baustellen der Hoffnung» Leserinnen und Leser heraus, sich den eigenen Baustellen, drinnen und draussen, zu stellen und in ihnen kreativ zu werden, ganz konkret. Es sind Impulstexte, die zur Umsetzung herausfordern. Wir unterhielten uns kürzlich mit Martin Werlen über Inhalt und Ziel seines Buches.

Um welche Baustellen geht es in Ihrem Buch?

Martin Werlen: Auslöser waren grosse Baustellen in der Propstei: Die Sanierung des Stalles und der Halle unserer Therapiepferde, die Sanierung des Hauptgebäudes mit Räumen aus dem 11. Jahrhundert und die Sanierung des Friedhofs, der Menschen aus aller Welt zum Besuch anlockt, weil er so anders ist. Eine alte Frau aus St. Gerold meinte: «In St. Gerold freut man sich sogar auf den Friedhof.» Diese Arbeiten wurde mitten im Betrieb mit Seminaren, Exerzitien, Konzerten, Ferienaufenthalten und Erholung in grössten Stresssituationen gemacht. Da ist mir aufgegangen, wie treffend das Bild der Baustelle für so vieles in unserem Leben ist. Unsere Besucherinnen und Besucher waren überrascht, haben aber diese Perspektive gerne aufgenommen und waren begeistert. So geht es im Buch ausgehend von den Baustellen der Propstei über alle Baustellen in Gesellschaft, Kirche und im persönlichen Leben. Das Buch hat mit unserem Leben zu tun. Der Untertitel bringt es auf den Punkt: «Eine Ermutigung, das Leben anzupacken.»

Überall sind Baustellen: in der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft, in den Betrieben, in den Familien, im eigenen Leben?

Genau. Und das ist nicht problematisch. Denn Baustellen sind ja Orte, an denen gearbeitet wird. Sie sind Zeichen der Hoffnung, dass etwas weitergeht. Problematisch wäre es, wenn es keine Baustellen gibt. Aber so denken wir meistens nicht von Baustellen. Die Angst und der Abscheu vor ihnen ist das grösste Hindernis, uns den Herausforderungen zu stellen.

Globale Herausforderungen der Zeit sind Klimawandel und Migration. Welche Lösungen schlagen Sie vor?

 Eine grosse Baustelle kann man nie alleine bewältigen. Das gilt auch für den Klimawandel und die Migration. Ein erster Schritt ist: Die Baustellen wahrnehmen. Dann ist die Zusammenarbeit wichtig. Gerade in diesen Baustellen kann wirklich jede und jeder Verantwortung übernehmen. Papst Franziskus nennt das treffend: Sorge für das gemeinsame Haus.

Auch in Bezug auf die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen fehlt die Hoffnung?

Sowohl im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als auch im Gemetzel im Nahen Osten liegen die Ursachen gerade darin, dass man sich auch international den Baustellen dort seit Jahrzehnten nicht gestellt hat. Darüber – an beiden Orten – habe ich bereits 2014 im Buch «Heute im Blick» geschrieben. Wer die Augen verschliesst, kann nicht zum Aufbau beitragen. Das gilt im Grossen und im Kleinen. Da stehen wir der Hoffnung selber im Weg. Wir tun gut daran, nach der Weisung des heiligen Benedikt mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben zu gehen.

Eine Baustelle ist die Unverhältnismässigkeit von Reichtum und Armut. Wie verhält es sich mit der Verantwortlichkeit der begüterten Menschen?  

Auch dieses Thema bin ich bereits 2014 angegangen. In «Heute im Blick» schreibe ich: «Wir müssen in unserem Teil der Welt viele Privilegien abgeben zum Wohl aller Menschen. Auch hier wäre eine Lösung per Knopfdruck katastrophal, aber eine solche wird früher oder später kommen, wenn ein Prozess von unserer Seite in Richtung Achtung und Gerechtigkeit für jeden Menschen nicht sofort ausserhalb Europas und Nordamerikas spürbar wird. Es geht also nicht um kleinere oder grössere Zugeständnisse von oben herab, sondern um Achtung und Wertschätzung jedes Menschen.» Wenn in westlichen Ländern politische Parteien am Wachsen sind, die sich genau dieser Herausforderung widersetzen, graben wir unser eigenes Grab. Gott sei Dank gehen jetzt viele Menschen für Demokratie und Menschenrechte auf die Strasse.

Wie steht es um die aktuellen Baustellen der Kirche? Kirchen und Kirchtürme waren in Städten und Dörfern war für die Generation 65+ noch Symbol der göttlichen Kraft? Wo liegt der Fehler, dass für die heutige Jugend diese Leitplanken nicht mehr bestehen? Holt die Kirche die Menschen nicht mehr ab?

Von Kirchen und Kirchtürmen steht nichts im Evangelium. Darauf könnten wir problemlos verzichten. Sie waren und sind tatsächlich Zeichen der Macht. Sie wurden der Kirche im 4. Jahrhundert vom Staat geschenkt. Es ist erschreckend, dass gerade diese Zeichen mit Kirche gleichgesetzt werden – auch in der Sprache. Mit «Kirche» ist meistens ein Gebäude gemeint, nicht die Gemeinschaft aller Getauften. Wir sind nicht dazu berufen, Machtzeichen zu sanieren und zu verteidigen, sondern das Evangelium zu leben – in aller Schlichtheit. Dann ist die Kirche selbstverständlich bei den Menschen.

Gab es am Weltjugendtag 2023 in Lissabon Zeichen der Hoffnung?

Es gab viele Zeichen der Hoffnung. Besonders gefreut hat mich, dass Papst Franziskus das Bild der Baustelle aufgenommen hat. Er hat sich nicht gescheut, Themen anzusprechen, die eher konservativ eingestellte Menschen beim Weltjugendtag draussen lassen wollten. Das Bild der Baustelle fordert alle heraus.

Seit der grossen Kirchen-Reformation in Europa vor über 500 Jahren müsste es im 21. Jahrhundert wieder zu Reformen in der Kirche kommen. Wie formulieren Sie diese Herausforderung?

Die Kirche muss immer wieder reformiert werden. Genau das bedeutet das lateinische Motto: Ecclesia sempre reformanda – Die Kirche ist immer zu reformieren. Mit anderen Worten: Sie ist eine Baustelle, an der ständig gearbeitet wird. Es gibt Menschen, die davor Horror haben. Sie bestimmten in den vergangenen Jahrzehnten leider weitgehend den Baufortschritt, oder besser gesagt: den Baustillstand.

Nennen wir nur eine zwingende Notwendigkeit. Die Gleichstellung der Frauen in der Kirche: Als Walliser wissen Sie, dass in Unterbäch 1957 – lange vor Einführung des Stimmrechtes für Frauen auf eidgenössischer Eben – erstmals Frauen an einem Urnengang teilnehmen durften. Wann endlich werden in der römisch-katholischen Kirche auch Frauen zum Priesteramt zugelassen?

Bei dieser Frage geht es nicht darum, dem Zeitgeist zu entsprechen: Weil das in der Politik und in der Gesellschaft heute anders ist als früher, müssen wir jetzt auch in der Kirche nachziehen. Es geht vielmehr darum, das zu leben, was wir im Glauben bekennen. Wenn wir das, was wir über die Taufe sagen, glauben, dann ist die Gleichberechtigung in allem eine Selbstverständlichkeit. Frauen hatten in der Kirche von Anfang an Aufgaben, die sie heute nicht mehr haben.

Hat der Heilige Geist, wie Sie es in ihrem Buch nennen, die Menschheit verlassen? 

Vom Heiligen Geist verabschiede ich mich im Buch. Da werden einige aufschrecken, weil sie gewohnt sind, in Hülsen zu denken. Darum mache ich einen Vorschlag, diese Wirklichkeit Gottes ganz anders wahrzunehmen und zu nennen. Das möchte ich hier nicht verraten, dafür habe ich ja das Buch geschrieben.

Wie setzen Sie den Bezug der Benediktinerregel des 6. Jahrhunderts als Pflicht in Bezug zur Gegenwart?

Das, was ich im Buch über die Baustellen der Hoffnung schreibe, ist bereits im Leitbild enthalten, das der heilige Benedikt vor 1500 Jahren für Mönche geschrieben hat. Er versteht das Kloster als eine Werkstatt. Da dürfen wir arbeiten.

Schlussfrage: Irgendwie spürt man bei Papst Franziskus die Nähe zur Realität und die Suche nach neuen Wegen? Die Blockade liegt wohl bei der «päpstlichen Administration»?

Ob wir nicht zu sehr auf Rom fixiert sind? Blockaden, das Evangelium zu leben, ist bei uns nicht kleiner als in Rom, sogar in unseren eigenen Herzen. Es geht nicht um äusserliche Veränderungen, es geht um Glauben, der auch Strukturen verändert. Dass Kirche lebt, hängt in erster Linie nicht von den andern ab, sondern von mir und von dir. Genau das versuchen wir in der Propstei St. Gerold im Grossen Walsertal umzusetzen. Ein Besuch lohnt sich…

Martin Werlen, Baustellen der Hoffnung – Eine Ermutigung, das Leben anzupacken, Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39591-8

 


Martin Werlen OSB, Mönch im Kloster Einsiedeln, wirkte dort als Novizenmeister und Gymnasiallehrer. Von 2001–2013 war er der 58. Abt des Klosters und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Seit August 2020 ist er Propst der zum Kloster gehörenden Propstei St. Gerold in Vorarlberg in Österreich. Probst Martin lenkt die zentralen Fragen zielkonform in Richtung klarer Perspektiven der Hoffnung.

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1 Kommentar

  1. Herr Werlen sagt es deutlich: «Von Kirchen und Kirchtürmen steht nichts im Evangelium. Darauf könnten wir problemlos verzichten. Sie waren und sind tatsächlich Zeichen der Macht.» Die katholischen Kirchen sind Institutionen mit Firmencharakter und sie sind auch so strukturiert. Sie verfügen über Bankkonten, Liegenschaften, Ländereien und Kunstwerke weltweit, mit streng hirarchischem Führungsstil und auch heute noch mit mehr oder weniger grossem Einfluss auf die Gesellschaft und das Alltagsgeschehen vieler Menschen.

    Genau gegen diese Wertvorstellungen hat sich Jesus von Nazaret, gemäss den biblischen Aufzeichnungen, aufgelehnt und sie angeprangert. Sein Tod hat das Denken und Handeln der selbsternannten Kirchenoberen von damals wie auch heute noch, nicht viel ausgerichtet. Der Status quo ist noch immer in vielen Bereichen derselbe. Jesus Christus ist zu einem Markenzeichen mit Geschäftspotential verkommen. Im Namen einer ideologischen Religion mit Namen Christentum, haben die Kirchen in zweitausend Jahren viel Elend, Ungerechtigkeit, Aberglauben, menschenverachtende Thesen, Tod und Verzweiflung unter die Menschen gebracht.
    Antrieb war und ist immer noch der Macht- und Wahrheitsanspruch mächtiger Männer, die, wie in anderen Religionen auch, einen alleinigen Gott als oberste Instanz ausgerufen und sich ihn angeeignet haben und meinen das Recht zu haben, ihrem Gott alles andere nach ihren Regeln unterzuordnen.
    Wenn die katholische, in weiten Teilen auch die evangelische Kirche, im 21. Jahrhundert ankommen und eine Zukunft im Leben der Menschen haben wollen, müssen sie sich ihrer Geschichte bewusst werden und eine ehrliche, nachvollziehbare Identität und eine neue Daseinsberechtigung in der Gesellschaft erschaffen.

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