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Werkschau mit und ohne KI

Die Solothurner Literaturtage (noch bis Sonntag) beweisen es: Sich vorlesen lassen ist beliebt. Zwar stellt eine Radiostation nach der andern die Lesung in Fortsetzungen ein, aber das Publikumsinteresse bei Lesefestivals ist ungebrochen.

Am frühen Vormittag war der Platz zwischen Landhaus und Kreuz in Solothurn voller Menschen, die am Ticketschalter Schlange standen oder auf Einlass warteten, und die Lesung von Anne Weber im Landhaussaal freitags um zehn Uhr früh war total ausverkauft. Anne Weber gehört zur Prominenz in diesem Jahr; ihr wird am Sonntag der Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk verliehen. In Webers neuem Roman Bannmeilen reist sie in die fremde Welt der Vorstädte von Paris.

Schlangestehen bei Sonnenschein: Kein Dichtestress da Gleichgesinnte. © fotomtina

Bereits gestern hat ein hierzulande ebenso Prominenter seinen Preis bekommen: Klaus Merz wurde mit dem Grand Prix Literatur des Bundesamts für Kultur (BAK) für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er stellt heute Samstag sein neuestes Buch Noch Licht im Haus vor und wird zusammen mit der Moderatorin Esther Schneider sein Leben als Autor bis zurück zum ersten Buch Mit gesammelter Blindheit Revue passieren lassen.

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider beim Literaturpreisfest im Solothurner Theater.

Neben dem Grand Prix Literatur für Klaus Merz wurden im Theatersaal die Literaturpreise des BAK für die besten Neuerscheinungen in allen Sprachgebieten der Schweiz vergeben. Der Spezialpreis Übersetzung ging an Dorothea Trottenberg. Die Slawistin hat die Erzählungen von Iwan Bunin neu übersetzt. Der Autor, 1920 im Exil, hatte 1933 als erster Russe den Nobelpreis für Literatur bekommen. Die Übersetzung hat seit einigen Jahren einen immer wichtigeren Stellenwert bei den Literaturtagen: In Workshops und Gesprächen können auch Laien erleben, was Sprache letztlich ist, was die verschiedenen Sprachkulturen bedeuten, wenn es um die Übersetzung von Literatur geht.

Kurz vor der Lesung: Laura Leupi (rechts) mit Moderatorin Nadia Brügger

Auch schon früh um zehn Uhr am Freitag konnte Laura Leupi vor vollem Saal mit ihrem Alphabet der sexualisierten Gewalt zeigen, wie die Erzählform mit Alphabetstruktur bei einem heiklen Thema Distanz schafft, was die direkte Ansprache der Leserinnen und Leser bewirkt und wie man im Kontext von Frauen, Opfern und Gewalt eine deutliche Sprache findet, ohne den Voyeurismus zu bedienen.

Der Freitagabend im Landhaus hat einem gehört, der nicht mit einer Neuerscheinung punktet, sondern gleich mit einer Werkausgabe, die ein halbes Jahrhundert umfasst: Christoph Geiser schaute gemeinsam mit seinem Verleger Moritz Wagner auf sein Lebenswerk zurück, ausgehend vom neuesten Titel Meine Dienstverweigerung (Band 12) – Politische und Ästhetische Schriften. Sein radikales Schreiben hat er in einem Interview als «gelebtes Leben, das mit der Literatur zu tun hat,» bezeichnet.

Les romands und i ticinesi nach dem Auftritt von Anna Ruchat (rechts)

74 Gäste aus allen Sprachregionen, Immigranten und Internationale mitgezählt, treten in Solothurn auf. Die trotz spöttelnder Hinweise von Medienprofis nach wie vor beliebten «Wasserglas»-Lesungen sind Pièce de résistance geblieben, aber seit Spoken Word zur Literatur zählt und die Performance mit oder ohne Musik dazugehört, sind die Zeiten der brummelnd und schwer verständlich Lesenden endgültig vorbei. Die Autorinnen und Autoren sind beste Anwälte ihrer Texte – beim Lesen und beim Reden drüber.

Auch Workshops, Gespräche über die Zukunft oder Filme erweitern das Spektrum beim Fest der Literatur. Diesmal hat der Film Omegäng, Publikumsrenner bei den Filmtagen, samstags einen Auftritt samt literarischer «Nachbearbeitung». Was sich bereits seit einigen Ausgaben angezeigt hat, ist nun so richtig in Solothurn angekommen: Die Literaturtage sind offen für alle, die diverse, nonbinäre oder wie auch immer bunte Gesellschaft hat im Programm und beim Publikum alle erdenkliche Freiheit. Und neben hochintellektuellen Gesprächen hat sogar der Eurovision Song Contest heute Samstag Abend seine Plattform: man kann im Kino mitfiebern, wie weit Nemo kommt.

Der grosse Saal im Landhaus ist voll, aber irgendwie haben immer alle einen Platz. © fotomtina

Näher als befürchtet ist die Zukunft der Künstlichen Intelligenz KI. Ein Gespräch, geleitet von Salomé Meier, zwischen dem Theatermann Stefan Kägi, dem Komiker und Filmproduzenten Karpi (Patrick Karpiczenko) und dem österreichischen Autor Elias Hirschl, dessen aktuelles Buch Content satirisch und gesellschaftskritisch die Realitäten und Folgen der Digitalisierung auseinandernimmt, macht einerseit viel Spass, wenn Karpi KI einsetzt, um banalen Text – eben Content – singen zu lassen, andererseits Beunruhigung, weil die Entwicklung der KI viel schneller geht, als wir vermuten und weil dahinter wirtschaftliche Interessen stecken. Tröstlich, wenn Hirschl sagt, dass er weiterschreiben wird, auch wenn dereinst die KI Literatur verfasst und sich der künstlerische Prozess aufs Kuratieren beschränke (was im Journalismus bereits heute teilweise der Fall ist), einfach weil ihm der Schreibprozess Spass macht.

In der aktuellen Buchproduktion ist autofiktionales Schreiben der Trend. In Zeiten der Fakes mit oder ohne KI scheint es den Lesenden wichtiger denn je, eine Geschichte nicht als erfunden, sondern als authentisch wahrzunehmen. Neu ist das nicht. Die schreibende Gründergeneration der Solothurner Literaturtage hat sich ebenso an der eigenen Lebensgeschichte bedient wie es heute der Fall ist. Denken wir beispielsweise an Otto F. Walter oder Urs Widmer. Traumatische Einbrüche im Leben lassen sich vielleicht nicht bis zur Unkenntlichkeit fiktionalisieren, ist doch die literarische Form ein Weg, das Trauma zu verarbeiten. Verfasser solcher Erinnerungsgeschichten sind oft Nachgeborene. Erst sie sind in der Lage, die Knoten zu lösen, oder wenigstens zu beschreiben.

Nadine Olonetzky aus Zürich ist in ihrem Buch Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist der Flucht ihres Vaters im zweiten Weltkrieg und dem fast hoffnungslosen Kampf um Wiedergutmachung auf die Spur gekommen – das brauchte umfangreiche Recherchen, denn der Vater hatte kaum darüber gesprochen.
Mit dem Buch hat die Autorin ein Stück jüdischer Geschichte aufgearbeitet.

Aufmerksames Publikum bei einer Lesung im Gemeinderatssaal. © fotomtina

Nicht mehr dabei und von vielen schmerzlich vermisst ist Ruth Schweikert. Zu ihrem Gedenken wurde ein Audiowalk eingerichtet, der wiederentdecken, trauern, erinnern möglich macht. Und noch ein Tipp in eigener Sache: Am Sonntag Vormittag liest Therese Roth-Hunkeler, die regelmässig für Seniorweb Kolumnen schreibt, um 10 Uhr im Landhaussaal. Ihr Buch Damenprogramm handelt von Frauenleben. Seniorweb hat das Buch besprochen.

Wer nicht nach Solothurn reisen kann, hat die Möglichkeit, einige Veranstaltungen im Audio-Stream zuhause anzuhören. Hinfahren jedoch bietet mehr, denn die Geschäftsleitung hat ihre komplexe Aufgabe mit Bravour gelöst. Hinfahren bedeutet auch das Besondere dieses Festivals der Literatur zu erleben: Den Charme Solothurns, wo sich der Schweizer Literaturbetrieb drei Tage lang eine Auszeit gönnt.

Titelbild: In zehn Räumen und draussen auf der St. Ursen-Treppe (Foto: © Susanne Goldschmid) gibt es Lesungen – alle praktisch immer gut besucht. 

Hier gibt es das Programm sowie Tickets und Tageskarten auch für die Audiostream-Tageskarte.
Die Liste des Schweizer Literaturpreises 2024

 

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