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Lebenserfahren und weltoffen

Zu Besuch bei einer weltoffenen Malerin, die in ihrem Leben sichtbare und unsichtbare Grenzen überschritten hat. Seniorweb führte in Bern ein langes Gespräch mit Irène Frei.

Gerade ist Irène Frei zurück von einer «Reise in die Vergangenheit», nach Metz, in dessen Nähe sie geboren wurde, und nach Lothringen. Es war, sagt sie mir gleich zu Beginn, eine anstrengende Reise, die vieles wieder wachgerufen hat, viele Sehenswürdigkeiten gab es auch. Sie beschreibt mir die Place Stanislas in Nancy, einen prachtvollen Platz mit vergoldeten Gittern und eindrucksvollen historischen Gebäuden aus der Zeit von Louis XV und dem Klassizismus. Heute sitzen die Menschen dort und lassen sich’s wohl sein – «Der französische Charme hat mich berührt, hier fehlt er mir oft», sagt Irène.

Irène Frei habe ich in einer früheren Seniorweb-Epoche kennengelernt. Sie hatte damals viele Beiträge übersetzt. Die Elsässerin ist nämlich perfekt zweisprachig. Im Lycée war sie allerdings die einzige, die neben Französisch auch Deutsch in Wort und Schrift beherrschte. Zweisprachigkeit war verbreitet, aber längst nicht alle sprachen beide Sprachen gut.

Irène Frei, zurück von ihrer Reise in ihre Heimat

Beides, Deutsch und Französisch, zu sprechen, war oft notwendig, erklärt Irène. Ihr Vater beherrschte beide, aber ihr Grossvater nicht. – Viele Männer in ihrer Familie waren «Eisenbähnler», bei der SNCF angestellt, und echte Bähnler fahren über die Landesgrenzen.

Ihr Grossvater hatte unter dem deutschen Kaiser Wilhelm ll. seinen Militärdienst geleistet und war von den deutschen Bahnen zum Lokomotivführer ausgebildet worden. Nun war er des Nationenwechsels überdrüssig und weigerte sich, Französisch zu sprechen. Einer seiner Sprüche nach der Libération war: «Schwowe wie Franzosen können mir … ich bin Elsässer!» Die Frauen jedoch konnten oft besser Französisch, denn bevor sie heirateten, schickte man sie als Hausmädchen oder Köchin nach Paris.

Die Jahre ihrer frühen Kindheit, die Zeit des 2. Weltkriegs, waren für die ganze Familie sehr hart. Irènes Mutter musste auf dem Land, wohin sie geflüchtet waren, hart arbeiten, «wie wild», sagt Irène, und aufpassen mussten sie in jedem Moment: Zuerst, um den deutschen Offizieren – die sie beherbergen mussten – nicht aufzufallen. Dann, damit sie nicht erwischt wurden, wenn sie ein paar Lebensmittel gehamstert hatten. Irène durfte ihr Lieblingslied, nota bene das Erkennungsmotiv von RadioParis ment – dem verbotenen Sender! – nicht auf der Strasse singen. Nach der Ernte sammelten sie Kartoffeln, die noch auf dem Feld lagen, um selbst genug zu haben. – Das kenne ich aus meiner eigenen Kindheit.

Irène Frei, Ohne Titel

Weiter erzählt Irène: «Auf dem Feld, wo meine Mutter arbeiten musste, und mich mitnahm, um Kartoffelkäfer einzusammeln, kam eines Tages ein Flieger ganz tief, alle flohen, nur ich blieb im Stacheldrahtzaun hängen. Mit letzter Kraft und viel Mühe konnte meine Mutter mich im allerletzten Moment befreien.

Mein kleiner Hund musste bei der Flucht zurückbleiben. Später sah ich ihn auf einem Militärlastwagen von Amerikanern. Ich rief so laut ich konnte, aber niemand hörte mich. Immerhin wusste ich, dass er versorgt war.»

Sie habe immer gern gemalt, erzählt mir Irène, und wäre gern Malerin geworden, was in den Augen ihres Vaters kein Brotberuf war. Aber es gab einen spannenden neuen Beruf: technicienne d’analyses biologiques. Ein anspruchsvoller Beruf, der die Matura und grosse technische Kenntnisse voraussetzte. In ihren frühen Berufsjahren war diese Arbeit sehr attraktiv, abwechslungsreich und in enger Zusammenarbeit mit Professoren und Forschenden. – Später wurde vieles auf neueste Technik umgestellt, als Assistentin musste man nur noch die Werte der Apparate ablesen. Irène konnte im Bereich Hämatologie eine Stelle finden, wo sie selbst mit dem Mikroskop arbeiten konnte. «Da musstest du die Augen offenhalten», sagt sie heute schmunzelnd.

Eines ihrer Bilder (ohne Titel) – und eine Weltkarte

Ihr Weg in die Schweiz begann in Basel, bei CIBA, wo Irène eine sehr interessante Stelle in der Antibiotika-Forschung hatte und viel mehr verdiente. Das versöhnte ihren Vater mit der Entscheidung seiner Tochter, Frankreich zu verlassen. In Basel, sagt sie, habe sie «die lässigsten Jahre meiner Jugend verbracht.» – Ihr Vater hat als Eisenbahningenieur an der Elektrifizierung der Strecke zwischen Strassburg und Basel mitgearbeitet. In der Schweiz verdiente man das Geld, dann fuhr man ins Elsass, um fein und günstig essen zu gehen.

1962 kam Irène durch Heirat nach Bern und empfand die Atmosphäre als sehr anders, sie sah viele ernste, verschlossene Gesichter. Auch bei offiziellen Anlässen war sie erstaunt, wie die Schweizer Gäste sich benahmen. Und die Frauen der männlichen Gäste waren vor allem auf Äusserlichkeiten fixiert. Nur im Uni-Labor, wo sie arbeitete, herrschte lockere Heiterkeit.

Irène Frei, Le bateau ivre

Irène hatte früh gelernt, wie sie sich in Gesellschaft zu verhalten hatte. Ihre Mutter hatte stets dafür gesorgt, dass Irène und ihre Geschwister angemessen gekleidet waren. «Und wenn wir nach Hause kamen, wechselten wir die Kleider.» Stets chic gekleidet zu sein, ohne dass es Luxus sein muss, das ist Irène auch heute noch wichtig. – Sie sagt es nicht, aber ich sehe es.

Während der Jahre als Mutter und Ehefrau – Irène hat drei Kinder – blieb für ihre Mal-Leidenschaft keine Zeit. Es waren schwierige Zeiten, sie fühlte sich oft überfordert, verzweifelt und stürzte in Depressionen. Um sich daraus zu befreien, konnte sie an einer zweiwöchigen Malreise teilnehmen – «da wurde ich vom Malen gepackt». Zurück in Bern besuchte sie verschiedene Kurse, lernte das Aquarellieren, was sie in ihrer Kreativität zu sehr einschränkte. Sie lernte dann bei Leopold Schropp, wie sie Urbilder in ihrem Innern wecken konnte und wie sie sich darin selbst ausdrücken konnte.

Ein Erbstück von früher und neue Bilder

In ihrer Ehe, weiss sie heute, wäre sie vor der Trennung fast erstickt. «Ich war reif für den Abschied», sagt Irène, und drückt damit aus, was viele Frauen so empfunden haben: Erst wenn sie selbst zu einer Persönlichkeit herangewachsen sind, können sie selbständig werden. Eine kleine Erbschaft unterstützte sie in dieser Phase. Sie konnte sich in Evian eine kleine Wohnung leisten und erhielt, als sie in der Gemeinde vorsprach, eine Atelier-Galerie zum Malen und Ausstellen. Welches Glück! Dort konnte sie ihre Leichtigkeit wiederfinden. Es war ein Ort, wo alle Vorübergehenden sie beobachten und besuchen konnten, ein altes vornehmes Gebäude der Familie Cachat, Besitzer der berühmten Mineralwasserquelle, mit Stuckaturen und schmiedeeiseren Gittern. Anregungen fehlten dort nicht.

Seitdem malt, zeichnet und schreibt Irène fast jeden Morgen. Sie schreibt auf Deutsch ebenso gut wie auf Französisch, legt grossen Wert auf die Lektüre neuer französischer Literatur, denn sie weiss: Die Sprache, die man nicht pflegt, verliert man. In Frankreichs Literaturszene möchte sie auf dem Laufenden bleiben und hat dazu Gelegenheit, nicht nur in der Alliance française, wo prominente Autoren zu Vorträgen eingeladen werden, sondern auch in der TV-Sendung La grande Librairie, wo ein längeres Interview mit Salman Rushdie sie kürzlich sehr beeindruckte: Sein Humor hilft ihm, trotz des schweren Attentats wach und lebendig zu bleiben. Eine Autorin wie die aus Marokko stammende Leila Slimani schätzt sie ebenfalls. – Es ist die Sprache und was damit ausgedrückt wird, was Irène interessiert.

Irène Frei, Über den See hinweg

In einem Schreib-Projekt hat sie ihre Biografie niedergeschrieben. Sie tat das auch, um den schweren Schicksalsschlag – den gewaltsamen Tod ihres jüngsten Sohnes – ertragen zu können. Inzwischen konzentriert sie sich beim Schreiben weniger auf Ereignisse ihres Lebens, sondern auf Einsichten. Ein Lektor des Projekts meetmylife.ch gab ihr den Rat, das Geschriebene intuitiv in Farben umzusetzen und genau das zu malen.

«Retour aux racines et à la source», so formuliert Irène Frei die Richtung ihres weiteren Lebenswegs.
Danke, Irène, für Deine Offenheit.

Titelbild: Irène Frei, ohne Titel, entstanden nach einem Genfer Seenachtsfest.

Alle Bilder: © Irène Frei (alle Fotos mp)

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