«Bits, Bytes & Menschlichkeit. Wie digitale Innovationen Pflegekräfte entlasten.» Dies der Titel einer Fachtagung für Betreutes Wohnen und Pflege im Rahmen des SENE FORUM 2024 in Bern.
Beim Kaffee fragte mich eine Teilnehmerin, ob ich auch Künstliche Intelligenz nutze, ChatGPT meinte sie, für ihre Mails sei das sehr nützlich und helfe ihr im Büroalltag viel. «Ich schreibe meine Texte lieber selber,» antwortete ich ihr. Bei Anfragen auf Webseiten mit KI-unterstützten Beantwortern hatte ich bisher keine brauchbaren Auskünfte erhalten. Ich war wohl in der Minderheit an diesem Nachmittag, als Gast konnte ich mir diese skeptische Haltung erlauben.

Im Mittelpunkt stand der Einsatz von Robotern. Auf der Bühne stand Pepper, ein ca. 80 Zentimeter grosser Serviceroboter, der mit leicht künstlicher Stimme antwortete, sich drehen konnte, die Arme und den Kopf bewegte. Er ähnelte einer Comicfigur, das machte ihn allenthalben sympathisch.
Auf seinem Tablet kann man viele Funktionen einstellen: Er soll alte Menschen bei Bewegungsübungen (Aktivierungen) anleiten, kann sich mit ihnen unterhalten – da hörte ich nur banale Antworten, die über simpelste Kommunikation nicht hinausgingen. Er kann sogar Märchen erzählen, nebst verschiedener anderer Funktionen. Technik könne so auch auf der Demenzstation erlebbar gemacht werden, hörte ich, mit Spassfaktor!
Der Roboter schleicht sich in unseren Alltag
Pepper war das prominenteste Beispiel der Service-Roboter, die Sylvia Stocker, CEO und Gründerin einer Firma für solche Technik, eloquent und kompetent vorstellte. Sie hatte in ihren Ausführungen kurz auf die Geschichte des Roboters hingewiesen: Als in den 1940er Jahren in der amerikanischen Autoindustrie die ersten Roboter eingesetzt wurden, mussten diese hinter Gitter platziert werden, damit sich die Arbeiter nicht verletzten. – Die modernen Service-Roboter, die Getränke, Medikamente oder Wäsche transportieren, halten an, wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt, keine Unfallgefahr mehr.
Sylvia Stocker und der Fotograf unterhalten sich über Peppers Kopf hinweg. (Foto mp)
Roboter eignen sich, wie Sylvia Stocker erklärte, für einfache und repetitive Aufgaben. Sie können Böden reinigen, aber keine Lavabos, weil dafür komplexere Bewegungen notwendig sind.
Dass in der Alterspflege ein Assistenz-Roboter wie Pepper die Aktivitäten von Seniorinnen oder Senioren auch emotional unterstützen könnte, überzeugte mich jedoch nicht.
Digitale Technik in einer vernetzten Welt
David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement in Essen, sprach darüber, wie die digitale Transformation in der Alterspflege gelingen könne. Effizienz stand während seiner Ausführungen stets im Vordergrund. Technik als unterstützende Massnahmen im Trend der steigenden Lebenserwartung (longevity), Robotik als Teilersatz für Physiotherapie, Roboter als Informationsträger, um «unnötige Gespräche mit Angehörigen und Ärzten» zu ersetzen, und als nächster Schritt in der Zukunft: «künstliche Empathie schaffen», mit dem Roboter werde man «nett sein» können. «Digital, aber herzlich» lautete der Titel seines Vortrags. – Kann ein Roboter, so ausgeklügelt er auch sein mag, Herzlichkeit vermitteln? Das kann sich die Zuhörerin nur schwer vorstellen.
Prof. Dr. David Matusiewicz lehrt Medizinmanagement und ist Dekan der FOM-Hochschulen
David Matusiewicz sieht einen intensiveren und komplexeren Einsatz von digitaler Technik voraus. Ohne die seien die immer stärker vernetzten Arbeitsabläufe und -strukturen nicht zu managen. Früher fürchtete man den Roboter, da er den Menschen die Arbeit wegnahm, heute sei der Roboter die dringend benötigte Rettung vor dem Fachkräftemangel. Künstliche Intelligenz in der Medizin hat laut Matusiewicz ihren Platz vor allem in der Diagnose von Krankheiten: «Je seltener die Krankheitsfälle sind, desto nützlicher sind die Formen von KI.»
Vorsicht, Sturzgefahr!
«Wer einmal gestürzt ist, hat ein beträchtlich grösseres Risiko für weitere Stürze.» Diese Tatsache leuchtet allen ein, denn die Angst vor Schmerzen oder Verletzungen verunsichert, das gilt besonders für alte Menschen. Nur ganz kleine Kinder kennen diese Angst noch nicht. Um diesem Risiko vorzubeugen, wurde den Teilnehmenden ein «intelligenter Sturzmelder» vorgestellt, entwickelt von Senevita Casa. Es handelt sich um einen 3D-Sensor, der Sturzsituationen erkennt und dadurch den Pflegenden hilft, schneller an Ort zu sein. So können viele Stürze verhindert oder die Folgen gemildert werden.
«Wir müssen Piloten sein, nicht bloss Passagiere.»
Die geballte Menge an Informationen über Technik und ihre Einsatzmöglichkeiten ergänzte Ludwig Hasler, Philosoph, Physiker und Publizist, durch seine Überlegungen zu Mensch und Menschlichkeit. Mit Schmunzeln stellte er fest, dass die Neuartigkeit einer Technik uns anzieht, aber mit der Gewöhnung zu verblassen beginnt. Immerhin, langsam werde die Maschine erwachsen – und selbständig, sagte er. Mit den Risiken müssten wir uns auseinandersetzen und zugleich die Chancen wahrnehmen.
Dr. Ludwig Hasler
Es war ein Schock, als vor 30 Jahren der beste Schachspieler von einem Computer Schachmatt gesetzt wurde. Dass Maschinen rationale Intelligenz besser einsetzen können, wollte damals niemand wahrhaben. Was wir daraus lernen, rät Hasler: Die Maschinen machen lassen, was sie können, und den Menschen machen lassen, was er besser kann: erwecken, fördern, pflegen. «Eine Coiffeuse schneidet die Haare besser als ein Computer»; und «Wer mit Hand und Herz arbeitet, wird nie überflüssig.»
Hasler erörterte noch mehr Qualitäten des Menschen im Vergleich zur Technik: Träume und Sehnsucht nach Verbesserungen als Antrieb, Wunsch nach aktiver Mitgestaltung, Suche nach Selbsterkenntnis – und Tanzen. «Tanzen wir durchs 21. Jahrhundert, mit digitaler Technik, aber der Mensch führt.»
Lernen allein mit dem Computer funktioniert nicht ohne Motivation, deshalb brauchen Schüler und Schülerinnen eine lebendige Lehrperson. Auch Pflege ist mehr als nur die Verrichtung der notwendigen Handreichungen. Empathie und Resonanz sind die grundlegenden Qualitäten jeder menschlichen Beziehung, auch auf der Demenzstation. Dazu gehört nach Haslers Worten, dass wir einander anstiften, zum Leben verführen, Neugier wecken und unsere Sehnsucht nach Schönheit pflegen. Den Ballast der Bürokratie überlassen wir gern der Maschine.
Das SENE FORUM, Teil der Senevita Gruppe, ist eine Fachtagung für betreutes Wohnen und Pflege, die in der Regel alle zwei Jahre im Raum Bern stattfindet.
Die Senevita Gruppe mit Sitz in Muri bei Bern gilt als führende Anbieterin für integrierte stationäre und ambulante Pflege in der Schweiz, für rund 5400 ältere Menschen an 40 Standorten und Spitex-Leistungen an 24 Standorten. Seit 35 Jahren betreibt Senevita Pflegeeinrichtungen, Residenzen und Alterszentren mit Pflegeabteilungen und betreutem Wohnen, beschäftigt über 3800 Mitarbeitende und bildet 220 Lernende aus.
Titelbild: Die Tagung wurde mit einem Generationen-Talk abgeschlossen.
Alle Fotos (wenn nicht anders vermerkt): © senevita.ch

