StartseiteMagazinKulturSusanna Tanner: Verträumt und unbeugsam

Susanna Tanner: Verträumt und unbeugsam

Waisenkind, streng erzogen und fromm ist Susanna Tanner, die Ich-Erzählerin in Cécile Ines Loos‘ Roman «Hinter dem Mond». Eine literarische Frauenbefreiung der subtilen Art.

Mein liebstes Buch der vergangenen Monate will ich hier vorstellen. Schon mehrfach hab ich diesen Roman gelesen, etwas, das ich eigentlich nie tue. Zudem ist der Text nicht aus der letzt- oder diesjährigen Buchproduktion, hat also wenig mit dem aktuellen Literaturbetrieb zu tun. Trotzdem finde ich in der Biographie der Autorin, die längst nicht mehr lebt, das Schicksal einer Schriftstellerin, die mit ähnlichen Hindernissen zu kämpfen hatte, wie einige meiner Zeitgenossinnen. Die Autorin ist Cécile Ines Loos (1883-1951), Hinter dem Mond war 1942 erschienen und wurde zweimal neu aufgelegt, nämlich 1983 und 1990. Nun ist der Roman, 2023 neu herausgegeben vom Atlantis Literatur Verlag, im Buchhandel wieder erhältlich.

Porträt von Cécile Ines Loos (Fotoarchiv Jeck, Reinach BL)

Cécile Ines Loos‘ Leben beginnt traumatisch: Ihre Mutter starb, als sie zwei war, ihr Vater als sie vier war. Eine gute Zeit bei einer befreundeten Familie in Bern wurde auch da vom Tod unterbrochen, und sie wurde in ein Heim gesteckt, als sie gerade zehn Jahre alt war. Nach der Diplomierung zur Kindergärtnerin folgten Jahre als Privatlehrerin und Gouvernante bei Begüterten auch im Ausland. Mit der Geburt ihres Sohns 1911 stürzte sie in eine schwere Lebenskrise, die sie nur mit Schreiben im Zaum halten konnte. Von 1927 an arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Basel und hatte auch einigen Erfolg, blieb dennoch arm bis ans Lebensende. In seinem Nachruf am 1. Februar 1959 nannte der Basler Literaturprofessor Walter Muschg die eben verstorbene Cécile Ines Loos «eine echte Dichterin und zwar eine der besten, die die Schweiz je besessen hat,» und fügte bei, das schwere Leben und das öffentliche Ansehen der Frau ständen «in keinem Verhältnis zu diesem hohen Lob.»

Autofiktion avant la lettre

Die schwierige Kindheit verarbeitete sie im Roman Der Tod und das Püppchen, der nicht ausgeliefert wurde, weil der Verlag pleite ging. Für Literaturkritiker Charles Linsmayer ist dieses autobiographische Buch ihr bestes Werk. Er hat es 1983 herausgegeben.

Hinter dem Mond ist fiktionaler, aber ebenso berührend, unerbittlich und trostlos. Dennoch zieht einen der Roman nicht herunter, denn mit der Susanna eigenen Gedanken- und Traumwelt kann sie jede Böswilligkeit und jedes Unglück überwinden. Der Titel Hinter dem Mond bezieht sich auf einen Satz von Susannas Bruder, sie sehe die Dinge anders, wohne hinter dem Mond, während er vor der Sonne wohne. Der Roman ist in eine Sprache gesetzt, die scheinbar ganz schlicht beschreibt, dabei voller poetischer Bilder einen Kosmos öffnet.

Das hat 1942, als der Roman erschien, Max Frisch begeistert: «In der Sintflut des Belanglosen, die uns alljährlich mit ihrer Druckerschwärze überschwemmt, erscheint uns ein solches Buch wie eine Taube, ein Bote fruchbaren Grundes.»

Bigotterie und Betrug

Jahrzehnte später bin ich ebenso fasziniert. Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Die Ich-Erzählerin Susanna ist mit ihren zwei jüngeren Geschwistern ins evangelikale Haus ihres Grossvaters gekommen, nachdem die Eltern gestorben sind. Es herrscht Frömmigkeit bei absoluter Kälte und verdeckter Geldgier. Der Bruder, den diese Grosseltern sterben lassen, muss zunächst ins Waisenhaus, die kleine Schwester – Püppchen genannt – kommt zu einem gutbürgerlichen Ehepaar. Susanna gehorcht und heiratet einen Pastor, der sie als unerlässlichen Anhang mitnimmt, als er nach Brasilien auswandert, sie nacherzieht, unterdrückt und demütigt. Sie überlebt, weil sie sich innerlich lossagt.

Zweimal noch wird sie gefordert, sie verliert ihre grosse Liebe und sie muss entdecken, dass ihre ganze Herkunftsgeschichte auf einem Lügengebäude steht, das ihr Grossvater und ihre Stiefgrossmutter, unterstützt vom begünstigten Ehemann, gebaut hatten. Von A bis Z ist dieses Leben der Susanna Tanner schrecklich. Späte Freiheit erfährt sie erst, nachdem der Pastor, ein Narzisst, auf der Schiffsreise zurück nach Europa stirbt und sie in der Heimat den Kontakt mit ihrer Schwester wieder aufnimmt. Es ist die Geschichte einer Emanzipation von der Sekte, von den Erziehern, vom Ehemann.

Poetische Sprache

Geld ist das wichtigste Triebmittel der Menschen um Susanne, zwar geben sie sich fromm und bescheiden, aber sie bereichern sich schamlos, wo immer es geht, sparen dort, wo man eigentlich Geld ausgeben sollte. Beispiele: Die drei Kinder waren keine verarmten Nachkommen, aber ihr Erbe wurde ihnen vorenthalten und für die Finanzierung der Freikirche verbraucht, der Pastor, ihr Mann, bekommt eine üppige Morgengabe, weil er Susanne heiratet, wovon sie nichts erfährt; als ihr ältestes Kind eigentlich eine Spitalbehandlung in Europa bräuchte, hat der Pastor dafür kein Geld übrig – das Kind stirbt. Wäre nicht diese dichterische Sprache, wäre es Kitsch.

Hinter dem Mond lese ich auch als einen feministischen Roman: Da überzeugt die Kühnheit, mit der Susanna ihren Mann herausfordert, meist ohne sichtbaren Erfolg, weil er sie in seiner Ichbezogenheit als Persönlichkeit nicht einmal wahrnimmt. Aber sie lässt sich nicht brechen. Es ist die Geschichte einer Ehe, die ohne Liebe beginnt und im tiefen Zerwürfnis endet, welches mit dem geforderten Alltag eines Pastorenpaars in der Mission und der Ignoranz des Pastors überkleistert wird.

Erzählt wird das alles aus der Wahrnehmung der zunächst noch kindlichen, später erwachsenen und schliesslich wissend abgeklärten Susanne, durchsetzt mit ausführlichen Dialogpassagen, unter anderem Streitereien des Pastorenehepaars, gefolgt vom notwendigen, nur in der Stille der Gedanken formulierten Fazit. Die Ich-Erzählerin beobachtet, was hinter dem banalen Alltag steckt, versteht zwar manches nicht, findet aber ihre ureigene und hilfreiche Interpretation. Der Titel bezieht sich auf Susannas Fähigkeit, sich von der Realität nicht erdrücken zu lassen, hinter dem Schatten über sich von der Sonne darüber zu wissen. Die wie unveränderbar formulierten Sätze bleiben mir gleich Aphorismen für gültige Lebensweisheiten im Gedächtnis.

Titelbild: Symbolbild pixabay

Cécile Ines Loos: Hinter dem Mond. Roman. Nachwort von Renata Burckhardt. Atlantis Literatur, Zürich 2023. 240 Seiten. ISBN 978 3 7152 5027 4

Mehr über die Autorin Cécile Ines Loos finden Sie hier.

 

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