StartseiteMagazinGesellschaftSeit Urzeiten gilt: Aus alt mach neu

Seit Urzeiten gilt: Aus alt mach neu

Seit Menschengedenken haben Menschen kaputte Werkzeuge, Behälter oder Textilien geflickt und umgenutzt. Um «Das zweite Leben der Dinge» geht es im Landesmuseum.

Die einen werfen weg, sei es die Geschenktüte oder den Pullover mit dem Mottenlöchlein, andere flicken oder sammeln jedes Plastiksäckchen – man könnte es vielleicht nochmals brauchen. Mit der Ausstellung Das zweite Leben der Dinge. Stein, Metall, Plastik erzählt das Landesmuseum die Geschichte des Reparierens seit der Steinzeit.

Innenansicht einer Bauernstube am Abend: Um den Familientisch versammelt sind mehrere Personen mit typischen Feierabendarbeiten beschäftigt. Zwei Frauen führen Handarbeiten aus: Eine näht, die andere spinnt Garn. Zwei Männer sind am Reparieren von Werkzeug: Neue Holzzinken für einen Rechen werden geschnitzt und eingesetzt. Druckgrafik, wohl Jakob Kaiser, wohl Luzern LU, um 1850. Schweizerisches Nationalmuseum

Vor Mitte des 20. Jahrhunderts war die Ressourcenknappheit der Treiber für die Entwicklung von Strategien zur Wieder- und Weiterverwendung oder Umnutzung. Heute sind es Überproduktion, Energieverschleiss und Umweltverschmutzung, die uns zwingen, uns Gedanken über die Kreislaufwirtschaft zu machen. Glascontainer, Batterie-Einwürfe, Plastiksammelsäcke sind fast allen geläufig, dass man defekte Elektrogeräte vom Kabel über den Computer bis zur Waschmaschine gratis abgeben kann, ist auch bekannt. Aber solches Recycling braucht immer noch viel Energie, warum also nicht wie unsere Ahnen reparieren?

Historischer Abfall aus mittelalterlichen Burggräben. Im 20. Jahrhundert wurden diese Deponien untersucht und die Schätze, darunter viel Keramikscherben gereinigt und katalogisiert: Heute ist es Keramik als Puzzle in Archivkisten. Schweizerisches Nationalmuseum. Foto: E. Caflisch

Die Ausstellung empfängt mit historischem Abfall, Kisten mit Tonscherben oder Metallstücken. Schon Steinzeitmenschen bearbeiteten Faustkeile, Äxte oder Klingen aus Silex nochmals, bis sie wieder scharf waren. Abfall aus Metall wie Gefässe, Schmuck, Werkzeug wurden seit der Bronzezeit eingeschmolzen und zu Münzen oder Waffen umgegossen. Die Altmetallsammlung hat Tradition. Biblisch ist das Prophetenwort vom umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen, sprichwörtlich als Friedensslogan der Kirche in der DDR.

Dreimal neu geschneidert und in Gala, einmal an Knien und im Schritt geplätzt, grau gewaschen und ausgebleicht das Marschtenue des vierten Offiziers: Dass auch Uniformen geflickt werden, zeigt eine Darstellung des 3. Schweizer Regiments während der Napoleonischen Kriege. Handzeichnung, um 1808. Schweizerisches Nationalmuseum

Das Leben mit gebrauchten Möbeln oder Kleidern hat einen immer wichtiger werdenden Vorteil: Die flüchtigen Kohlenwasserstoffe, die bei neuen Dingen noch lange in die Umwelt diffundieren und krank machen können, sind nicht mehr relevant, wenn ein Stück lange genug im Gebrauch war, oder bei antiken Dingen sind die Chemikalien gar nie eingesetzt worden. In der Ausstellung wird die Wiege der Zürcher Familie Waser gezeigt. Sie war seit dem 17. Jahrhundert für viele Generationen das erste Bettchen. Zum Verändern und Reparieren zählt auch das Erhalten und Weitergeben.

Dieses Tagesdeckenfragment mit drei übereinanderliegenden Stoffschichten zeugt von äusserst sparsamen Zeiten. Solche Decken wurden mit Stoffresten geflickt und nach erneutem Verschleiss weitere Male übernäht. Fragment einer Decke, Indien und Frankreich, diverse Manufakturen, 18./19. Jahrhundert, Baumwolldruck, Indienne. Schweizerisches Nationalmuseum

Textilien nutzten die Menschen vor der industriellen Massenproduktion bis sie zerfielen und unbrauchbar wurden. Vor allem in bäuerlichen Haushalten ist das Recycling von Kleidungsstücken noch nicht lange her. Hier ein Satz aus Reto Hännys Roman Sturz. Es geht um die Aufstellung eines Trauerzugs in einer Berggemeinde in den 50er Jahren:

… und am Schluss, die Hände um ein Nuschi, ein gesticktes Fazzolettli,
das sie sich am Markt hatten andrehen lassen, und
das Gesangbuch gekrampft, eng aneinandergedrängt untergehakt
in einer Reihe zu zweit, zu dritt nebeneinander, die
Dorffrauen, welche mit vorrückendem Alter, ihre Gatten und
oft auch die eignen Kinder überlebend, kaum mehr herauskommen
aus den langen schwarzen Fahnen, die sie geduldig
tragen und tragen, bis sie, vom vielen Waschen fadenscheinig
geworden, geflickt und zusammengeplätzt, als Ofenlappen
und Putzlumpen aber noch lang gut genug, eines Tages doch
ersetzt werden müssen, durch neue gleiche, solang es sie
noch gibt, im Herbst, beim ersten großen Viehmarkt, wenn
ein paar Jahrmarktbuden im Kreisort unten für einen Tag
Akzente ins Grau setzen, fahrende Händler aus dem Unterland
ihre Waren anpreisen.

Besonders kostbare Kleider erhielten nach dem Gebrauch durch Adelige eine neue Funktion in Kirchen und Klöstern als liturgische Gewänder, Marienkleidchen, Altartücher oder zum Einwickeln von Reliquien. Ein «Beweisstück» in der Ausstellung ist ein liturgisches Gewand, welches aus zwei verschiedenen Seidenstoffen besteht, die in unterschiedlichen Epochen hergestellt und einst wohl zu teuren Kleidern des Adels gehört hatten.

Der zur Messe getragene Kasel ist aus besonders wertvollen, teils goldgewirkten Seidenstoffen genäht. Diese Stoffe sind jedoch in verschiedenen Epochen hergestellt und wohl in anderer Form als Gewand oder Kleid getragen worden. Schweizerisches Nationalmuseum.

Dabei können neue Technologien Chancen bieten: Das Internet ermöglicht den Tausch und Weiterverkauf von gebrauchten Gegenständen. Zeitgenössische Modedesigner und Modedesignerinnen werten Altes mittels Upcycling auf oder verwenden Abfallmaterialien, um daraus neue Kleidung und Accessoires zu schaffen. Das Umdenken hat bei manchen umweltbewussten Leuten eingesetzt: Konsequent im Brockenhaus oder beim Trödler gebrauchte Textilien oder Möbel, Geschirr oder Sportgeräte kaufen. Wer den ersten Versuch macht, kommt ins Staunen ob der Wertgegenstände, die praktisch neu, oder Kleider bekannter Marken, die ungetragen weggegeben werden.

Recyclingbeton. Zwei Beispiele von Säulenstücken mit abenteuerlichen Einschlüssen vor einer Fotografie von Abbruchmaterial.

Der Druck auf die Industrie, Geräte so zu gestalten, dass sie repariert werden können, wächst. Allerdings ist mittlerweile die Technik so weit fortgeschritten, dass nur noch Fachleute komplexen Reparaturen an Elektronikgeräten  ausführen können. Bei den meisten Mobiltelefonen lassen sich die Akkus nicht so einfach wechseln wie bei einer Taschenlampe, und die Zeiten, als man beim Auto noch Kerzen putzen konnte, sind längst Geschichte.

Das Relief mit dem Kopf dieses Flussgotts war einst Teil eines Brunnenstocks. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. wurde es in Augusta Raurica als Baustein wiederverwendet. Kaiseraugst-Schmidmatt.

Die Ausstellung zum Recycling einst und jetzt zeigt die Geschichte der Menschheit anhand von Artefakten aus hiesigen Grabungen und Sammlungen, die auf irgendeine Art wiederverwendet wurden, aber sie weist auch auf die Problematik der Überflussgesellschaft von heute in der Klimakrise hin. Seit mehreren Jahren rufen Architekten zur Wiederverwendung von Baumaterialien und zum Umbau statt Neubau auf. Es geht um Ressourcenverschleiss und Energieverschwendung. Hier im Landesmuseum sind ungewöhnliche Bausteine von einst (alte Steinfiguren in neuerem Mauerwerk) und jetzt (Recyclingbeton als Säulenguss) nebeneinander und unter einschlägigem Bildmaterial ausgstellt.

Eine Super-Idee von jungen Industriedesignern: Zu klein gewordene Kinderturnschuhe statt in den Abfall wieder runderneuern und für kleinere Füsse bereitstellen. Der Schuh der mitwächst ist ein Kreislaufprojekt des Startup «Neunoi».

In einer Vitrine drehen sich zwei Turnschuhe in Kindergrösse. Sie sind neu – oder doch nicht ganz? Es sind Exemplare vom «Schuh, der mitwächst», erfunden von zwei jungen Industriedesignern. Kinderfüsse wachsen schneller, als ein guter Sneaker kaputt geht. Bei Neunoi wird das zu kleine Exemplar zurückgenommen, repariert und wie neu einem anderen Kind zugestellt, während das erste einen ähnlichen Schuh in richtiger Grösse erhält. Das alles mit einem Abo-Modell. Ob die einleuchtende Idee auch ein rentables Geschäft wird, ist noch offen, aber die Erfinder und die ersten Nutzerfamilien sind zuversichtlich.

Kaffeekanne mit Porzellanmalerei. Der abgeschlagene Ausguss wurde mit einem passenden aus Metall ersetzt, das schöne Stück mit den Chinoiserien konnte weiter im Gebrauch bleiben. Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren um 1770.

Diese Ausstellung öffnet ein spezielles Fenster in die Vergangenheit, nämlich in die Geschichte des Abfalls und seiner Verwertung. Zugleich bietet sie umfassende Information über die Kreislaufwirtschaft, die in der Gegenwart eine immer wichtigere Rolle spielt. Führungen und Workshops vertiefen die Informationen rund um den Abfall und das Recycling.

Titelbild: Dieser mittig auseinandergebrochene Keramikteller wurde mittels Metallklammern geflickt. Zunächst bohrte man Löcher, um die Klammern anzubringen. Danach konnten Löcher und Risse mit Kitt abgedichtet werden. Auf ähnlich Weise wurden Keramikgefässe schon in prähistorischer Zeit repariert. Langnau im Emmental BE, um 1800-1830. Schweizerisches Nationalmuseum

Fotos: Landesmuseum und E. Caflisch
Bis 10. November

Hier finden Sie weitere Informationen und die Agenda der Veranstaltungen
Hier geht es zur Homepage von Neunoi, dem Sneaker-Shop
Das Zitat ist aus: Reto Hänny: Sturz. Das dritte Buch vom Flug. Verlag Matthes und Seitz, Berlin. 2020 ISBN 978-3-95757-870-9

 

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