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Hugo Loetscher lesen!

Der Ausspruch eines Besuchers im Gästebuch der Ausstellung über den weltreisenden Reporter Hugo Loetscher (1929-2009) im Literaturmuseum Strauhof ist das bestmögliche Fazit: Hugo Loetscher lesen!

Gezeigt werden in der Ausstellung Hugo Loetscher – so wenig Buchstaben und so viel Welt Fotos von und mit dem Zürcher Schriftsteller, der aus der katholischen Innerschweiz stammte, dazu einige Doppelseiten Zeitungsreportagen, Briefe, ein Filmausschnitt und ein Audiostück. Die Auswahl stellt Reisen nach Brasilien, Indien, in die USA oder die Philippinen, also in arme und reiche Länder ins Zentrum.

Hugo Loetscher in Aegypten 2006. Foto: © Tobias Hitsch

Loetscher zog es nach seinem Studium in Zürich und Paris als Reporter, der sowohl schreiben als auch fotografieren konnte, in die ferne Welt. Er war ein Mensch, der wissen wollte, wie die Menschen anderswo leben, lieben, arbeiten.

Hörstation mit einem Gesprächsauszug aus der Sendung NZZ Standpunkte von 2007.

Seine grossen Reportagen sind in der Weltwoche, in der Wochenendbeilage der Neuen Zürcher Zeitung, im Magazin des Tages-Anzeigers und im Du erschienen. Bei der Kulturzeitschrift Du war er zu Beginn seiner Karriere vier Jahre lang literarischer Redaktor und publizierte dort zunächst seine Essays. Von 1969 an arbeitete er als freier Publizist für verschiedene Medien, sein erster Roman war 1963 erschienen: Mit Abwässer. Ein Gutachten gelang ihm der Durchbruch als literarischer Autor.

Hugo Loetscher in der Jesuitenmission Trinidad, Paraguay 1988. Foto: Georg Sütterlin, SLA Bern, Pro Litteris

Zu Beginn erschienen seine Berichte mit eigenen Fotos, später begleiteten ihn oft bekannte Fotografen: Mit René Burri gestaltete er DU-Hefte über Bahia und Chicago; Willy Spiller machte die Bilder für eine Reportage aus dem verarmten Nordosten Brasiliens und mit Daniel Schwartz war Loetscher in Spanien und Südostasien unterwegs. Fotoserien, die Loetscher in Ägypten und Indien auf Reportage zeigen, sind wohl noch nie gezeigt worden. Der Präsentation einer Serie perfekter Schwarzweiss-Fotografien aus Angkor Wat von Daniel Schwartz, ergänzt mit Fotos vom Autor, ist ein ganzer Raum gewidmet.

Ausstellungsansicht: Hugo Loetscher und Daniel Schwartz auf Reportage in Angkor Wat. Foto: Zeljko Gataric

Hugo Loetscher zog es von früh an ins Ausland, exotische Welten wollte er erkunden, weniger, weil er seinen Horizont erweitern wollte. In einem Gesprächsausschnitt erzählt er, dass ihn schon die Maturreise nach Italien Ende der 40er Jahre ihm fremde, exotische Lebensräume öffnete. Als Beispiel nennt er eine neu entdeckte Speise, die Pizza. Dieser Drang, die Welt zu entdecken, war es, was ihn zeitlebens antrieb, nicht die Flucht aus der Enge. Im Gegenteil: Zürich blieb für Loetscher die schönste Stadt, um immer wieder zu ihr zurückzukehren.

Eine Vitrine mit Dokumenten von der Reisetätigkeit Loetschers. Foto: Zeljko Gataric

Eine frühe Reise führte nach Portugal, damals noch wie Spanien eine Diktatur. Er drehte einen kritischen Film fürs Schweizer Fernsehen, der allerdings kurz vor der Ausstrahlung aus dem Programm genommen wurde. Wie er in Peter K. Wehrlis Filmporträt von 1999 sagt, war er damals sehr enttäuscht, aber in der Rückschau meinte er mit seiner feinen Ironie, dass man für Skandale auf die anderen angewiesen sei. Loetscher wurde dadurch bekannt.

Aus dem Fotoessay von Tobias Hitsch: Hugo Loetscher in Indien 2008.

Was er suchte, war zu lernen, mit den Augen der anderen, denen er auf den Reisen begegnete, «das eigene» anzuschauen: «Ich brauche die anderen, um zu wissen, was menschenmöglich ist.» Dieser Grundhaltung zu Reise-Essay und Reportage in fernen Ländern hat Loetscher in dem Buch, das zur Ausstellung erschienen ist, immer wieder neu formuliert. Nicht nur seine Themen, sondern auch sein Nachdenken über das journalistische Schreiben sind heute gleichermassen aktuell. In seinem Essay Literatur und Journalismus – ein (helvetischer) Überblick – mit (nicht helvetischem) Seitenblick von 1999 schreibt Loetscher:

«Soweit wir von der Welt Kenntnis nehmen und sich mit ihr Einsicht und Verantwortlichkeiten abzeichnen, geschieht dies dank vermittelnder Erkenntnis. Nicht das Vermitteln und das Vermittelte sind das Problem, sondern ob wir lernen, mit Informationen umzugehen – das gilt für den, der sie gibt, und so gut für den, der sie zur Kenntnis nimmt.»

Die Präsentation ist keine umfassende Retrospektive zu Hugo Lötscher, sondern ein sorgsam kuratierter Ausschnitt aus seiner Arbeit als reisender Autor in die weite Welt, daher irritiert die Kritik eines Germanisten, sie sei nicht mehr als ein «stiefmütterliches Feigenblatt» in doppelter Hinsicht (was ist an einem Feigenblatt stiefmütterlich?). Im Erdgeschoss des Strauhof läuft zeitgleich der dritte Teil der Litafrika-Ausstellung zu den Metropolen Accra und Abidjan der Stiftung Litar zusammen mit dem Strauhof. Seniorweb hat darüber berichtet.

Zur Ausstellung Hugo Loetscher – So wenig Buchstaben und so viel Welt ist ein Buch mit dem gleichen Titel erschienen, worin Essays und Reportagen von dem «Botschafter der Welt für uns zuhause Gebliebenen», so ein Besucher im Gästebuch, versammelt sind. Zahlreiche Fotos, darunter noch nie veröffentlichte, sind ein wichtiger Teil der Publikation, herausgegeben von Jeroen Dewulf und Peter Erismann, dem Kurator der Ausstellung.

Titelbild: Hugo Loetscher. Foto: © Sabine Dreher
Fotos: E. Caflisch
Bis 8. September
Informationen für Ihren Besuch im Literaturmuseum Strauhof

Hugo Loetscher: So wenig Buchstaben und so viel Welt. Zürich Diogenes, 2024. ISBN 978-3-257-07276-1 

Der Bericht in seniorweb über die Strauhof-Ausstellung Litafrika III

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