Wie es dazu kam, dass die Kinderbuchfigur Heidi im Internet Umweltsünden anprangert und sich für weniger Schadstoffe in der Landwirtschaft einsetzt. Heidi von «Heidis Mist» berichtet:
«Am 7. März 2010 fotografierte ich bei klirrender Kälte zahlreiche Misthaufen, die im Churer Rheintal auf Schotterboden über dem Grundwasserstrom lagen. Meine Finger waren steif, mein Fotoapparat versagte immer wieder seinen Dienst. Die Ausbeute war erschreckend. Der meiste Mist lag illegal seit Monaten auf Feldern und Wiesen, ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Bereits wuchs da und dort Gras, oder Pilze zeigten ihre Hüte. Der längste Misthaufen mass 120 Meter und lag in der Nähe einer Grundwasserfassung.
Der Kanton Graubünden erlaubte den Bauern das monate- oder gar jahrelange Lagern von Mist auf Wiesen und Feldern, was das Grundwasser gefährdet und daher verboten ist.
Ich schickte die Fotos dem zuständigen Beamten des Amts für Natur und Umwelt in Chur. Dieser sah keinen Handlungsbedarf, denn das entspreche der Bünder Wegleitung Gewässerschutz Landwirtschaft. Nicht zufrieden mit der Antwort, telefonierte ich mit einem Zürcher Düngeberater.
Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) informieren
Er erzählte mir von einer Arbeitsgruppe beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), die gerade das Thema Nährstoffe bearbeitete. Den Leiter der Gruppe kannte ich von meiner früheren Arbeit her. Er verwies mich an seinen zuständigen Fachkollegen. Als dieser meine Geschichten, nicht nur über Misthaufen, sondern auch über Gülle auf Schnee, Hofabwässer in Bächen und anderes mehr angehört hatte, sagte er: «Das ist Chefsache.»
So konnte ich mit dem damaligen obersten Grundwasserschützer der Schweiz reden. Am Schluss des langen Gesprächs sagte er mir, dass es die Möglichkeit der Aufsichtsbeschwerde gegen den Kanton Graubünden gebe. Am nächsten Tag setzte ich mich an den Computer. Und ich überlegte nicht lange, sondern schrieb einfach drauflos und schilderte alles, was ich an Missständen in den letzten Jahren gesehen hatte. Am 9. März übergab ich meinen Brief mit vielen Bildern der Post.
Illegales Lagern von Siloballen an einem Waldrand.
Der Frühling 2010 war trocken. Als es in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 2010 wie aus Kübeln zu regnen begann, konnte ich nicht schlafen. Aus der Dunkelheit tauchten in meinem Kopf Bilder von Misthaufen auf, und ich hörte quasi verschmutztes, nitratreiches Sickerwasser ins Grundwasser tropfen.
Nicht nur für Ämter sondern für alle
Am nächsten Morgen war für mich klar, ich musste etwas tun, musste dies öffentlich zeigen. Ein Bekannter hatte einen WordPress-Blog. Wieso also nicht auch ich? Ich loggte mich bei WordPress ein, und nach ein paar Klicks konnte ich beginnen.
Dieser Misthaufen lag monatelang in der Rheinebene über dem Grundwasser. Bereits wuchsen Pilze auf ihm.
Einiges an Überlegungen erforderte der Name. Weil rund um Maienfeld, der Heimat von Heidi, mehr als 20 zum Teil riesige Misthaufen auf einer Fläche von nur zwei Quadratkilometer lagen, kam mir die Idee: Heidis Mist. Nun konnte mein Blog am nächsten Vormittag, dem 15. Mai 2010, online gehen. Ich heisse seither Heidi. Manchmal integriere ich auch den Alpöhi und den Geissenpeter in meine Beiträge oder Klara, Fräulein Rottenmeier und die Sesemanns. Solche Beiträge sind aber aufwändig, auch zum Lesen, daher schreibt meist nur Heidi.
Manchmal integriert Heidi Figuren aus Johanna Spyris Heidi-Büchern, hier Frl. Rottenmeier in den Walliser Rebbergen, wo sie und die Sesemanns in den Ferien auf dem Weinwanderweg von Pflanzenschutzmittelabdrift betroffen waren.
Die Anfangszeit war sehr stressig und nervenaufreibend. Aber es gab nur wenige Drohungen und nur eine Ehrverletzungsklage, die zum Glück von der Staatsanwaltschaft abgewiesen wurde; Anwaltskosten verursachte sie trotzdem.
Wenn Leserinnen oder Leser mir Briefe schreiben, dann meinen sie manchmal, dass Heidis Mist eine ganze Organisation sei. Ich bin allein, aber immer wieder erhalte ich Anregungen oder Leserbriefe von Kolleginnen, Kollegen oder Unbekannten, mit Hinweisen darauf, was auch interessant wäre – wofür ich dankbar bin.
Zwischen der Hecke und dem Rapsfeld müsste zum Schutz der Hecke vor Düngern und Pflanzenschutzmittel ein 3 Meter breiter Pufferstreifen sein.
Heidis Mist wird vor allem in der Schweiz gelesen, gefolgt von Deutschland. Mit meinem Blog versuche ich, Veränderungen herbeizuführen. So sind die meisten der illegal gelagerten Misthaufen im Kanton Graubünden, und nicht nur dort, ziemlich schnell verschwunden. Dies obwohl der Kanton zehn Jahre verstreichen liess, bis er eine bundesrechtkonforme Wegleitung rechtskräftig machte. Auch gesamtschweizerisch habe ich einige Verbesserungen angeregt, zum Beispiel Kontrollpunkte oder Respekt vor Pufferstreifen.
Zu viel Gülle und Mist, zu viele Pestizide
Die Nährstoffproblematik in der Schweizer Landwirtschaft ist nicht gelöst. Trotzdem ist mein Themenspektrum breiter geworden. So sind die Pestizide und allgemein die Umweltchemikalien hinzugekommen. Ich verstehe einfach nicht, dass Pestizide zugelassen sind, die etwa die Fruchtbarkeit oder das Kind im Mutterleib schädigen oder Krebs erregen können. Dass solche Mittel auch per Helikopter ausgebracht werden dürfen, ist mir unbegreiflich.
Auf Alpen werden häufig Herbizide zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, hier illegal direkt am Wasser gegen Farne. Viele Alpweiden sind überdüngt, denn die heutigen Milchkühe benötigen Kraftfutter. Die Produktion von Alpkäse ist daher ökologisch fragwürdig, besonders wenn noch Alpschweine gehalten werden, welche nicht nur die Schotte verwerten, sondern ebenfalls Kraftfutter fressen.
Gegen die Verkleinerung von Abstandsvorschriften für Helikoptersprühflüge hatte ich 2016 während der Vernehmlassung mit viel Aufwand bei den Zuständigen in der Sektion Boden beim Bafu erfolglos gekämpft. Der Klimawandel betrifft stark auch die Landwirtschaft; es erstaunt mich daher, dass sich der Bauernverband nicht für griffige Massnahmen einsetzt, wo er doch enormen Einfluss auf unsere Politik hat.
Heidi hilft und berät
Ich berate immer wieder Leute, die bei Heidi Hilfe suchen. Mein Lieblingsbeispiel ist folgende Anfrage an Heidi: «Wir haben in den Tessiner Bergen, nah an unserem Haus, einen Miststock, der inzwischen unappetitliche Masse angenommen hat. Ich habe ein Mail an das Bafu geschrieben. In der Antwort erstaunt mich die Aussage, dass die Zwischenlagerung von Mist auf dem Feld untersagt ist. Obwohl man dies nicht nur bei uns allenthalben sieht. Zur Präzisierung in unserem Fall: Der Misthaufen wird jeweils in den Winter- und Frühlingsmonaten aufgebaut und im November ausgebracht. Bevor ich mich beim Kanton melde, würde ich gern eine weitere Meinung hören. Können Sie mir dazu einen Kommentar geben?»
NaNa zeichnet immer wieder Cartoons für Heidis Mist. Die Berner Beamten unternahmen nichts gegen die Mottfeuer in den historischen Wytweiden, obwohl diese offiziell auch im Kanton Bern verboten sind. Heidi intervenierte zum Schutz der betroffenen Bevölkerung und der Umwelt vor den giftigen Abgasen.
Eine weitere Person stellte fest, sie überrasche gar nichts mehr und schilderte ein anderes drastisches Beispiel: Im Herbst habe ein Bauer neben ihrer Hauseinfahrt ein totes, total verwestes junges Kalb abgelegt und zwei Tage liegen gelassen.
Wollen wir so weitermachen?
Heidi ist fassungslos darüber, mit welcher Gleichgültigkeit viele Leute die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hinnehmen. Wir müssen Wasser, Boden und Luft besser schützen und mehr gegen die Klimaveränderung unternehmen! Unsere Lebensqualität nimmt ab. Uns droht, im Müll unseres Konsums zu ersticken. Und wir bürden einen Teil des Problems armen Ländern auf. Plastik und Mikroplastik, das wir ins Meer abfliessen lassen, kommt teilweise mit dem Wind zu uns zurück.
Und wenn hochtoxische, bei uns verbotene Pestizide aus der Schweiz in weniger regulierte Länder verkauft werden, kommen die Gifte in importierten Lebensmitteln zu uns zurück. Zu schweigen von den hormonähnlich wirkenden Substanzen in Lebensmittelverpackungen, welche unsere Gesundheit belasten.»
Titelbild: Aus dem Heidi-Film mit Elsbeth Sigmund, 1952, © Praesens-Film AG
(Der Film wird am 3. August 2025, 17:10 Uhr auf 3sat gezeigt.)
Bilder zVg von «Heidis Mist»
Der Mensch hinter dem Pseudonym Heidi ist eine Fachperson und der Redaktion bekannt. Wenn Heidi Fehlverhalten in der Landwirtschaft aufdeckt, über die Auswirkungen von Pestiziden, über falsch gelagerte Misthaufen oder Tierhaltungsfehler berichtet, tut sie das vor dem Hintergrund der gesetzlichen Bestimmungen. Kein Wunder, dass «Heidis Mist» bei Umweltsündern Verärgerung und Feindseligkeit hervorruft. Wer dahintersteckt, bleibt deshalb anonym. Noch ein Hinweis zum Background: Die wiederauferstandene, erwachsene Heidi wuchs im alpinen Vorland auf und hat eine enge Beziehung zu Natur und Umwelt. Sie beurteilt die aufgedeckten Mängel auf der Basis einer fundierten Ausbildung und nachfolgenden Berufstätigkeit. Der Blog «Heidis Mist» richtet sich ebenso an Fachleute wie an Laien.
Hier geht es direkt zu Heidis Mist

Weshalb ist «Heidi» selbst nicht so «kämpferisch, mutig und hartnäckig!», dass sie anonym bleiben muss? Schade, wenn sie mit offenem Visier, d.h. mit ihrem Namen, für mehr Rechtstreue und Gerechtigkeit kämpfte, wäre sie glaubwürdiger.
Vernetzung heisst das Zauberwort, den dies führt zu mehr Akzeptanz und Transparenz von Umweltsündern. Die Idee und den gewählten Titel «Heidis Mist» finde ich gut, da mit dem Heidi weltweit eine intakte Natur und Menschlichkeit assoziiert wird. Heidis Mist verkörpert sozusagen die Kehrseite der Medaille in Echtzeit. Geben Sie einer konservativ dominierten Regierung und von einem Auto- und Oellobbysten geprägten Umweltminister Kontra und zwar so, dass es jede/r hört.