StartseiteMagazinKultur100 Jahre spritzig und witzig: Ernst Jandl

100 Jahre spritzig und witzig: Ernst Jandl

Seit den 1960er Jahren ist Ernst Jandl allen bekannt, die sich für moderne Lyrik interessieren. Seine visuelle Poesie, seine Lautgedichte provozierten Schmunzeln und Nachdenken. «Laut und Luise» wurde aus Anlass seines 100. Geburtstags neu publiziert.

In den 1950er Jahren bei ihrem Erscheinen stiessen die Gedichte von Ernst Jandl auf Unverständnis und Ablehnung. Man empfand sie als Provokation in einer Zeit, als man sich nach dem Krieg wieder sicher einrichten wollte. Genau die Erschütterungen des 2. Weltkriegs mussten jedoch auch in der Lyrik ausgedrückt werden. Ernst Jandl tat dies auf seine Weise. Er spielte mit der Sprache, mit den Wörtern, mit den Buchstaben, schrieb aber auch politische Lyrik, etwa über seine Heimatstadt Wien: wien: heldenplatz, eine bittere Abrechnung mit dem Bürgertum, das – nicht nur in Österreich – den Nationalsozialisten gefolgt war, dies aber nach Kriegsende nicht mehr wahrhaben wollte.

wien : heldenplatz
Der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans muskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich.
(Es folgen zwei weitere Strophen. – mp)

Aufs äusserste verknappt, hochkonzentriert ist diese Sprache, nie gesehene, ausdrucksstarke Wortschöpfungen und dahinter messerscharfe Ironie – Jandls Gedicht ist nicht als entspannende Abendlektüre geeignet, aber anregend im höchsten Grade. Wie häufig wirkt es besonders stark, wenn es laut vorgetragen wird. Dann erkennt man nämlich, dass der übliche Begriff Menschenmenge hier auf gezielt andere Art geschrieben und gemeint ist: Männchenmeere. Zum Lachen ist das schon, aber Achtung: Das Lachen kann einem dabei im Hals gefrieren!

Ernst Jandl wurde am 1. August 1925 in Wien geboren und wuchs dort auf. Kaum hatte er 1943 das Gymnasium abgeschlossen, wurde er eingezogen, wie so viele junge Männer damals. Immerhin dauerte der Krieg nicht mehr lange. Jandl geriet in englische Kriegsgefangenschaft, wo er Werke von Ernest Hemingway und Gertrude Stein (denken Sie an ihr Gedicht: Rose is a rose is a rose is a rose.) kennenlernte. Jandl konnte als Dolmetscher arbeiten und dadurch sein Englisch verbessern. Seine Auseinandersetzung mit den Kriegserfahrungen sind in verschiedenen seiner Gedichte zu entdecken. Von den Lesenden ist dazu Einlesen, Mitdenken und Mitfühlen gefordert.

Lachen, wenn der Schmerz nicht auszuhalten ist

Zurück in Wien studierte Ernst Jandl Germanistik und Anglistik und wurde Gymnasiallehrer. Dies blieb sein Brotberuf, unterbrochen durch Aufenthalte in England und Amerika, einen Studienurlaub und krankheitsbedingte Auszeiten. Jandl starb am 9. Juni 2000 in Wien an einem Herzleiden. Ein Glücksfall war es, dass Friederike Mayröcker (1924 – 2021) und er sich begegneten. Die beiden verfassten gemeinsam eine Reihe von Hörspielen, die grosse Aufmerksamkeit erhielten.

Nachdem Jandl zunächst Schwierigkeiten hatte, einen Verlag für seine Gedichte zu finden, erhielten seine Werke ab Mitte der 1960er Jahre endlich Anerkennung. 1966 erschien «Laut und Luise» zum ersten Mal, herausgegeben von Helmut Heissenbüttel (1921–1996) und Otto F. Walter (1928-1994), den wir von der Schweizer Literaturszene kennen. Es wurde sein erster grosser Erfolg. Zehn Jahre später publizierte Heissenbüttel dieses Büchlein ein zweites Mal, diesmal mit einem eigenen Nachwort zur Verteidigung von Jandls Lyrik. Diese Ausgabe wurde zu Jandls 100. Geburtstag jetzt gerade vom Reclam Verlag nachgedruckt.

Das Absurde der Gegenwart erkennen

Von den späten 1970er Jahren an erhielt Jandl die Anerkennung, die ihm so lange versagt gewesen war. Er erhielt zahlreiche deutsche und österreichische Preise und Ehrungen, hier sei nur der Georg-Büchner-Preis genannt und der grosse Österreichische Staatspreis.

Paul Klees Zeichnungen nähern sich in ihrer sanften Absurdität den Gedichten eines Ernst Jandl.

Paul Klee:  Was fehlt ihm? 1930, Stempelzeichnung in Tusche auf Ingres-Papier auf Karton, Fondation Beyeler, Riehen bei Basel /commons.wikimedia.org

Jandls Gedichte umfassen das gesamte Spektrum der «experimentellen» oder «konkreten Poesie». Schon die Poesie nach dem 1. Weltkrieg – denken Sie an Dada (Hugo Ball, Kurt Schwitters) – sprang über alle Regeln hinweg. Kurt Marti dann, Eugen Gomringer oder Helmut Heissenbüttel fanden jeder einen Stil, der die traditionelle Kunst des Gedichteschreibens überstieg.

Ernst Jandl etwa zeichnet mit Buchstaben, mal mit Vokalen mal mit Konsonanten, oder mit Wörtern. Er verfasst ein fragment, kurz und vieldeutig:

fragment
wenn rett
es wird bald
übermor
bis die atombo
ja herr pfa

Wie raffiniert und – leider! – zeitlos Ernst Jandls Zeilen wirken: Wer Angst hat, kann sich nur in Bruchstücken äussern. Die Angst vor der Atombombe, seit Jahrzehnten fast vergessen, geistert wieder herum. Der Pfarrer (ja herr pfa) muss seinen Platz in der modernen Gesellschaft je länger je mehr rechtfertigen. – Und bleibt nicht vieles, was die Menschen anfangen, fragmentarisch?

Eines meiner Lieblingsgedichte bietet ebenfalls viele Schichten der Interpretation:
lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

Das Büchlein lässt sich gut in die Tasche stecken, so dass man zwischendurch einmal darin lesen kann. Es liest sich auch sehr gut in Gemeinschaft, denn es regt zu Diskussionen an – oder zu gemeinsamem Lachen.

Ernst Jandl: Laut und Luise. Jubiläumsausgabe. Mit einem Nachwort von Helmut Heissenbüttel. Reclam Verlag 2025. 160 Seiten ISBN: 978-3-15-014618-7

Friederike Mayröcker, Ernst Jandls kongenialer Lebenspartnerin,  ist eine Ausstellung im Zürcher Literaturhaus gewidmet.

Titelbild: Ernst Jandl und Friederike Mayröcker bei einer öffentlichen Lesung 1974 in Wien / commons.wikimedia.org


Wer sich näher mit Ernst Jandl auseinandersetzen will, dem sei ein Gespräch von Klaus Siblewski mit Ernst Jandl übers Älterwerden empfohlen, geführt am 19.11.1999.

 

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